Reisners Blick auf die Front: “Die Ukrainer haben russische Stützpunkte überflügelt”
Politik
Reisners Blick auf die Front"Die Ukrainer haben russische Stützpunkte überflügelt"
16.02.2026, 18:52 Uhr

Die Ukrainer können Erfolge von der Front melden. Zwei Vorstöße gelingen. Nun müssen sie die Positionen halten, während die Russen versuchen, den Nachschub abzuschneiden, erklärt Oberst Reisner ntv.de.
ntv.de: Herr Reisner, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgeführt, was es bedeutet, wenn die Luftverteidigungssysteme keine Munition mehr haben. Das ist gerade nicht seine einzige Sorge, oder?
Markus Reisner: Der Druck auf die Ukraine ist in München noch größer geworden. US-Präsident Donald Trump hat aus den USA wissen lassen, dass aus seiner Sicht Selenskyj das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden ist. Seine Worte lauteten: "Selenskyj muss sich bewegen." Die USA wollen ihn zwingen, eine Präsidentschaftswahl abzuhalten und dazu noch ein Referendum über ein Friedensabkommen. Das Volk soll bis spätestens Mai abstimmen.
Warum so bald und mitten im Krieg? Logistisch ist das kaum möglich mit Hunderttausenden an der Front und in europäischen Staaten im Exil.
Die Kongresswahlen im November stehen quasi vor der Tür. Darum möchte Trump bis zum Sommer im Ukrainekrieg ein Ergebnis haben. Was man hört: Die Amerikaner knüpfen ihre Sicherheitsgarantien an eine solche Lösung. Sie wollen offensichtlich, dass Selenskyj die Forderungen der Russen erfüllt. Nur dann wären die USA zu Sicherheitsgarantien für die Ukraine bereit.
Eindringliches Luftkrieg-SeminarSelenskyj bringt den Krieg nach München
Eine eigenwillige Haltung: Wenn man etwas garantiert, heißt das ja eigentlich, dass es gerade nicht von Bedingungen abhängt.
Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Ukraine sagt: Wir wollen erst die Garantien bekommen, dann stimmen wir zu. Und die USA sagen: Ihr müsst erst zustimmen, dann bekommt ihr die Garantien. Wie verlässlich solche Garantien sind, darauf der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski in München nochmals hingewiesen: Bereits im Budapester Memorandum von 1994 hatten die Signatarstaaten der Ukraine Garantien gegeben, die sie eigentlich auch jetzt noch erfüllen müssten. Die USA waren damals Mitunterzeichner.
Und jetzt kann die Ukraine sich kaum gegen schwere Angriffe aus der Luft verteidigen.
Es hat mich überrascht, wie offen Selenskyj eingestanden hat, dass die Patriot-Batterien zum Jahreswechsel 2025/2026 wirklich gar keine Munition mehr hatten. Er beschrieb, der Kommandant der Luftwaffe habe ihn angerufen und gesagt: "Wir haben keine Munition mehr, um den nächsten Angriff abzuwehren." Als Ergebnis sehen wir zwei zerstörte Heizkraftwerke in Kiew und eines, das schwer beschädigt ist. Immer mehr Folgeschäden der Angriffe treten ein, etwa wenn Wasser in Leitungen nicht fließen kann, diese dann einfrieren und bersten. Zwei für Kiew wichtige Umspannwerke sind schwer getroffen, und die Energiebetreiber sagen schon jetzt, dass die Instandsetzung Jahre dauern wird. Zudem hat es in Kiew wieder angefangen zu schneien. Die Lage ist extrem angespannt und wir müssen damit rechnen, dass es vor der nächsten trilateralen Runde zwischen den USA, Russland und der Ukraine diese Woche der Kreml einen weiteren schweren Angriff fliegen lassen wird.
Zugleich meldet Deutschland, man sei bereit, den Ukrainern fünf Stück Patriot-Munition zu schicken, wenn europäische Partner noch 30 oben drauf packen. Eine Bankrotterklärung?
Absolut. Das ist nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei einem durchschnittlich schweren russischen Luftangriff kommen etwa 400 Geran 2-Drohnen zum Einsatz. Gegen die brauchen Sie keine Flugabwehrrakete, aber gegen die 40 Marschflugkörper und ballistischen Raketen, die mit abgefeuert werden. Die sind weitaus gefährlicher. Die USA liefern nur noch Munition, die Europäer bezahlen, und in geringen Stückzahlen. Denn es werden derzeit nur 600 bis 650 Stück der hochwertigen Patriot-Munition pro Jahr produziert.
Es gibt eine europäische Alternative zu Patriot: Das Luftverteidigungssystem SMPT. Sieht die Lage da besser aus?
Nein. Das Herstellerkonsortium MBDA – das sind in unterschiedlicher Beteiligung Franzosen, Italiener, Deutsche und Briten – produziert für dieses System maximal 100 bis 150 Stück Munition pro Jahr. Das ist die Menge, die der Kreml in einem Monat an Raketen auf die Ukraine abfeuern lässt. Es ist völlig unverständlich, warum diese Produktionsrate noch nie gesteigert wurde. Eine Lenkrakete für SMPT kostet zwei Millionen Euro. Das ist teuer, aber ein Lenkflugkörper, den das Patriotsystem abschießt, kostet das Doppelte. Wenn man so wenig Munition produziert, 150 Stück maximal, dann leidet nicht nur die Ukraine, sondern auch die eigene Verteidigungsfähigkeit. Während der Sicherheitskonferenz saß die Ukraine-Unterstützergruppe zusammen und stellte fest, dass die Staaten kaum Geld oder Hardware zur Verfügung stellen können. Es war sehr ernüchternd.
Die russischen Luftangriffe setzen nicht nur die Bevölkerung unter Druck, sondern zerstören auch militärische Infrastruktur. Wie dramatisch ist das?
Selenskyj hat in München auch noch zugegeben, dass die Russen das wichtigste Produktionswerk für den neuen ukrainischen Marschflugkörper Flamingo erkannt und zerstört haben. Man war gezwungen, die Produktion an einen neuen Ort zu verlegen. Aus diesem Grund haben wir längere Zeit keinen Einsatz gesehen. Hinzu kommt, dass auch die Rüstungsindustrie Strom braucht. Die Ressourcen sind also sehr begrenzt. Immerhin: Letzte Woche wurden dann bis zu sechs Flamingos gegen ein großes Munitionsdepot nahe Wolgograd abgefeuert. Videos zeigen Explosionen, die Ukraine meldet, man habe das Werk getroffen. Die Russen wollen fünf Flamingos abgeschossen haben, der sechste sei eingeschlagen.
Auch an der Front konnte die Ukraine Erfolge vermelden. Sind die nachhaltig?
Im Mittelabschnitt haben es die ukrainischen Truppen geschafft, in zwei Räumen mehrere Kilometer vorzumarschieren – einmal im Raum der Stadt Kupjansk, die sie zu 90 Prozent wieder in Besitz nehmen konnten, und einmal bei Pokrowske, das ist grob gesagt der Bereich 80 Kilometer südwestlich der Stadt Pokrowsk.
Wie war das möglich?
Zwei Faktoren waren entscheidend: Die Offensive war koordiniert mit der Abschaltung von Starlink am 6. Februar. Die Russen können Starlink dort an der Front nicht mehr nutzen und waren davon überrascht. Hinter vorgehaltener Hand wusste man, dass die russische Armee im großen Stil Zugriff auf Starlink hatte, das satellitenbasierte Kommunikationssystem von Elon Musk.
Wie haben die Russen das geschafft?
Für die Nutzung von Starlink muss man sich registrieren. Es existiert nun eine "weiße Liste" von registrierten Plattformen, die auf Starlink zugreifen dürfen. Die Russen versuchen, auf Umwegen – zum Beispiel über ukrainische Gefangene – auf diese Liste zu kommen. Die Russen haben auch Starlink-Schüsseln auf Drohnen montiert, um sie darüber zu steuern. Starlink hat nun aber die Nutzung eingeschränkt für Objekte, die sich schneller als 90 Stundenkilometer bewegen. Das geht darum nicht mehr.
Wie gehen die Russen mit den Einschränkungen um?
Sie lassen Ballonplattformen starten, die 5G-Hotspots in den Himmel tragen. Der Ballon steigt bis zu 20 Kilometer hoch, kann sich dort in der Stratosphäre mehrere Tage bewegen und Kommunikation ermöglichen. Zudem nehme ich an, dass mit Unterstützung Chinas bereits an einem System gearbeitet wird, um den Starlink-Ausfall zu kompensieren.
Aber bei Kupjansk und Pokrowske konnten die Ukrainer jetzt erstmal von der Überraschung der Russen profitieren?
Ja, dieser erfolgreiche Vormarsch ist bemerkenswert. Neben der Starlink-Abschaltung haben die Ukrainer von einem zweiten Faktor profitiert: Es gibt ja direkt an der Front, zwischen den Gegnern, kein Niemandsland, in dem sich niemand befindet, sondern es gibt eine breite Grauzone, in der Kämpfer beider Seiten präsent sind. Die Ukrainer unterhalten kleine Stützpunkte, die Russen greifen mit kleinen Sturm- und Stoßtrupps an. Oft lassen die ukrainischen Verteidiger die Russen auch erstmal vorbeimarschieren, weil im hinteren Bereich die Drohnen warten, die den russischen Angriff stoppen. Die ganze Situation an der Front ist also sehr porös und durchlässig.
Das haben die Ukrainer nutzen können?
Diese Durchlässigkeit und die fehlende Kommunikation. Die Ukrainer sind in wenigen Tagen gezielt und gleichzeitig vormarschiert und haben vereinzelte russische Stützpunkte überflügelt. Sie haben dazu den Fluss Wowtscha überquert. Nun wird der weitere Erfolg davon abhängen, ob die Russen den Angriff zum Stehen bringen. Sie versuchen, den Vormarsch zu behindern, indem sie die Brücken über den Wowtscha angreifen, hinter den Ukrainern. So könnten sie die vormarschierenden Ukrainer von der Versorgung abschneiden.
Welche Chancen haben die Ukrainer, ihren Erfolg zu halten?
Im Vergleich mit den Offensiven der Vergangenheit ist es schwierig geworden, einen offensiven Erfolg zu nähren. Die Ukrainer müssen sehr schnell Gerät, Versorgungsgüter und Personal nachschieben, um ihn nutzen zu können. Ich finde es bemerkenswert, dass die Ukrainer das überhaupt geschafft haben. Es sollte sicherlich auch ein Signal zur Münchner Sicherheitskonferenz senden und an die trilateralen Runden in dieser Woche: Wir können noch! Es lohnt sich, weiter auf uns zu setzen!
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

