Reisners Blick auf die Front: “Die Ukraine rekrutiert massiv im Ausland”
Politik
Reisners Blick auf die Front"Die Ukraine rekrutiert massiv im Ausland"
22.12.2025, 19:02 Uhr

Neben der Rüstungstechnik würden Personalfragen über den Kriegsverlauf 2026 entscheiden, sagt Oberst Reisner im letzten Blick auf die Front dieses Jahres. Die Ukraine stehe bei der Mobilisierung von Soldaten vor massiven Problemen. Dennoch gebe es kleine Erfolge für Kiew, etwa bei den Kämpfen um Kupjansk.
ntv.de: Am Ende des Jahres musste die Ukraine noch einmal zittern, als es um die Frage ging, ob und inwiefern eine neue Finanzspritze aus Brüssel kommt. Die EU einigte sich darauf, Kiew ab Januar in Tranchen 90 Milliarden Euro an zinslosen Krediten zu überweisen. Macht das für die Ukraine militärisch einen großen Unterschied?
Markus Reisner: Die Ukraine muss sich großen Herausforderungen stellen. Neben dem Staatsdefizit gibt es die Energiekrise aufgrund der russischen Luftangriffe, den Mangel an Soldaten an der Front und die Korruption im Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Für das Darlehen nimmt die EU am Kapitalmarkt auf und setzt damit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bei der Haftung. Denn die eingefrorenen russischen Vermögenswerte in Europa werden zunächst nicht angefasst. Außerdem hätte man sich in Kiew eine größere Hilfszahlung erhofft.
Also wird sich dadurch im kommenden Jahr nicht viel ändern?
Die Ukraine kann durch die Hilfszahlung die Gehälter von Staatsbeamten weiterzahlen und in Rüstungsprojekte investieren. Wichtig sind besonders Investitionen in die Drohnenproduktion, zum Beispiel der Bau von Abfang- und Angriffsdrohnen oder anderen Fliegerabwehrsystemen. Durch die Angriffsdrohnen werden die russischen Truppen auf taktisch-operativer Ebene weiter zurückgehalten.
Anlass zur Sorge gab dieses Jahr auch die Beziehung des US-Präsidenten Donald Trump zum russischen Machthaber Wladimir Putin. Ein 28-Punkte-Friedensplan aus den USA wurde offenbar vom Kreml geschrieben – die Verhandlungen, seitdem bringen kaum Fortschritte. Sind diese Friedensgespräche nur ein Ablenkungsmanöver des Kremls?
Es gibt im Kern zwei gegensätzliche Narrative. Auf der einen Seite heißt es, die Russen stünden kurz vor dem Zusammenbruch und man müsse bei der Unterstützung der Ukraine nur noch ein bisschen durchhalten. Auf der anderen Seite warnt man hingegen, die Ukraine gerate ins Hintertreffen nicht zuletzt aufgrund es langwierigen Vormarschs der Russen und des Drucks aus den USA. Die Wahrheit liegt in der Mitte.
Das heißt, beide Seiten stehen unter Druck?
Die russische Situation wird begünstigt durch die Unterstützung von China, Indien und anderen Staaten. Dennoch herrscht ein gewisser Druck durch den Angriff der Ukraine auf die russische Energie-Infrastruktur und die Öltanker der Schattenflotte. Das wiederum wird relativiert durch die Erfolge der Russen an der Front in der Ukraine, die nach und nach Städte in Besitz nehmen. Die Ukraine wiederum versucht, die russischen Erfolge nicht an die große Glocke zu hängen. Sie will das Signal senden: Es lohnt sich, die Ukraine militärisch weiter zu unterstützen. Zugleich bewertet Selenskyj die Friedensgespräche mit den USA und Russland positiv.
Meint Selenskyj das Ernst – oder will er Trump milde stimmen?
Die Chefunterhändler der USA, der Ukraine und Russland haben die dreitägigen Verhandlungen in Florida positiv bewertet. Demnach verstehen sich die Delegationen gut. Selenskyj versucht auf jeden Fall zu vermeiden, Trump vor den Kopf zu stoßen. Aber bislang bleibt die Ukraine sehr selbstbewusst bei ihren Kernforderungen: keine weitere Abgabe von Territorium, abschreckungsfähige Truppen, Sicherheitsgarantien, staatliche Souveränität und die freie Wahl, der Nato oder der EU beizutreten.
Putin wirkt aber nicht so, als wolle er dem zustimmen, oder?
Im Gegenteil. Putin sieht sich auf der Siegerstraße und will mit aller Vehemenz seine Ziele erreichen. Die Ukraine versucht, Trump zu spiegeln, dass sein Entgegenkommen gegenüber Putin völlig verfrüht ist. Und der Widerstand der Ukraine zeigt, wie die Russen zu stoppen sind. Westlich von Kupjansk gab es etwa einen erfolgreichen ukrainischen Gegenangriff. Dadurch soll der Nachschub für die russischen Soldaten in der Stadt abgeschnitten werden.
Welche hart umkämpften Städte werden auch nächstes Jahr strategisch wichtig sein für beide Kriegsparteien?
Die Kämpfe um Kupjansk werden weiter toben. Ähnlich ist die Situation im Raum Sumy. Auch hier ist der russische Vorstoß zunächst zum Stopp gekommen, aber russische Truppen versuchen wieder, weiter vorzudringen. Es gab einen kleineren Vorstoß auf ukrainisches Territorium südostwärts von Sumy bei Rjasan. Die Russen versuchen, die ukrainischen Kräfte dort zu binden, damit diese nicht nach Kupjansk geschickt werden. Zuvor verlegte Kiew viele Soldaten aus Sumy nach Kupjansk.
Gibt es weitere Hotspots?
Südlich von Krupjansk bleiben die üblichen Hotspots bestehen, darunter Lyman, Kostjantyniwka, Pokrowsk und Nowopawliwka. Sewersk ist laut russischen Meldungen eingenommen. Und Sewersk ist das Tor zu Slowjansk und Kramatorsk, zwei großen Festungsstädten. Schwerpunkt der russischen Winteroffensive ist südlich von Pokrowsk der Angriff in Richtung Huljajpole und Dobropillia. Die Russen versuchen, durch schwere Angriffe in Richtung Saporischschja hinter die Verteidigungslinien des Südabschnittes zu kommen. Auch dieser Raum wird in den nächsten Jahren noch für Schlagzeilen sorgen.
Was müsste passieren, damit sich die Lage der Ukraine an der Front verbessert?
Momentan verfolgen die Ukrainer die Strategie, die Russen so abzunützen, dass diese nicht mehr zu durchschlagenden Angriffen in der Lage sind, weil sie sich totlaufen. Um das erfolgreich weitermachen zu können, braucht die Ukraine viele Ressourcen. Da geht es neben Rüstungsprojekten wie Drohnen vor allem um Nachschub an Soldaten. Das ist die große Frage, die in das nächste Jahr mitgenommen wird.
Frachtcontainer zweckentfremdetNeue abenteuerliche Panzer tauchen in der Ukraine auf
Warum?
Die Ukraine hatte bereits Ende dieses Jahr große Probleme, Soldaten zu rekrutieren. Eigentlich hätte die ukrainische Regierung das Problem der Mobilisierung bereits 2024 aus dem Weg räumen müssen. Wie soll das 2026 weitergehen? Am Ende des Tages müssen an der Front die Linien bemannt werden. Die Frage ist: Wo kommen diese Soldaten her?
Nun versucht die Ukraine im Gegensatz zu Russland, ihren Soldaten nicht das Gefühl zu geben, Kanonenfutter zu sein. Junge Männer dürfen etwa ausreisen und im Ausland studieren. Wird Selenskyj nicht drum herumkommen, das alles zu ändern?
So ist es. Die Ukraine rekrutiert bereits massiv im Ausland. Schätzungsweise bis zu 10.000. Kämpfer sind aus Mittel- und Südamerika in die Ukraine gekommen. Sie werden nicht als Söldner bezeichnet, sondern sind als internationale Legion Teil der regulären Streitkräfte. Die Zahl dieser Kämpfer ist allerdings nicht hoch genug. Rekrutierungsbehörden stehen massiv unter Druck, die Soldaten an die Front zu bringen – und wenden zum Teil Gewalt an. Videos, die das belegen, häufen sich.
Russland zerschießt InfrastrukturUkraine nutzt überraschende Heizmittel-Alternative
Putin schickt seine Soldaten bereitwillig als Kanonenfutter an die Front. Aber ist nicht auch in Russland irgendwann an einem Punkt angelangt, an dem die Soldaten knapp werden?
Den Unterschied macht die Masse der Menschen. Wir haben also 148 Millionen Menschen auf der russischen Seite und noch 33 Millionen auf der ukrainischen Seite. Der Faktor, der dann ausschlaggebend ist, ist die Frage, ob die jeweilige Seite und besonders die Jugend bereit ist, den Krieg mitzutragen.
Wie bereit sind die Russen dazu?
Einerseits gibt es in Russland junge Männer, die nach dem Ende ihrer Wehrpflicht mehr oder weniger gezwungen werden, Vertragsverhältnisse zu unterschreiben. Andererseits gibt es einen großen Zulauf von älteren Personen über 50, die sich freiwillig für die Front melden. Das ermöglicht es Putin, zwischen 30.000 und 35.000 Mann pro Monat an die Front zu schicken, während die Ukraine nur die Hälfte aufbringt. Das wird weitergehen, solange die russische Bevölkerung nicht aufsteht und sagt: Wir wollen diesen Krieg nicht mehr.
Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

