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Reisner Blick auf die Front: “Die Situation wird sich bis zum Sommer zuspitzen”

February 09
21:16 2026

Politik

Reisner Blick auf die Front"Die Situation wird sich bis zum Sommer zuspitzen"

09.02.2026, 18:42 Uhr Video poster

Für Oberst Reisner deutet vieles darauf hin, dass sich die USA und Russland über Pläne für die Ukraine teilweise geeinigt haben. Jedenfalls liefere Washington nicht mehr genügend Waffen für die ukrainische Flugabwehr. Zugleich bereiten Moskaus Truppen eine Sommeroffensive vor.

ntv.de: Nach ukrainischen Angriffen auf die russische Stadt Belgorod kam es dort zu einem großflächigen Ausfall von Heizungen und Strom – es ist bereits der dritte in der letzten Woche. Wesentlich umfangreicher und brutaler sind die russischen Attacken auf die ukrainische Energieinfrastruktur. Will die Ukraine es den Russen so gut heimzahlen, wie sie kann?

Markus Reisner: Ja, die Ukraine versucht den Druck, den die Russen auf sie ausüben, durch eine eigene strategische Luftkampagne gegen Russland zurückzugeben. Bedeutungsvoll ist dabei vor allem der Versuch der Ukrainer, die russischen Erdölraffinerien und die Logistik dahinter zu treffen. Hier möchte man die wichtigste Einnahmequelle Russlands treffen. Zudem werden immer wieder russische Grenzstädte attackiert. In Belgorod wurde nicht nur die kritische Infrastruktur getroffen, sondern auch andere, für die Bevölkerung wichtige Versorgungseinrichtungen. Etwa 100.000 Menschen sind dort im Moment ohne Wasser und zum Teil auch ohne Strom. Hier möchte man direkten Druck auf die russische Bevölkerung ausüben.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Wie sieht es in den ukrainischen Städten aus?

Die Situation verschärft sich von Woche zu Woche. Davor hatten ich und viele andere Experten bereits vor Monaten gewarnt. Zudem hatte ich darauf hingewiesen, dass es vor dem Winter mehr Waffenlieferungen für eine stärkere Fliegerabwehr benötigt. Dieser Bedrohung hat man aber offensichtlich kaum Bedeutung beigemessen – denn das, was gekommen ist, war zu erwarten und hängt mit den Friedensverhandlungen zusammen.

Wie schwer waren die Attacken der Russen?

Die russischen Luftangriffe haben in den vergangenen Monaten enorm zugenommen. Und wir sehen in der vergangenen Woche eine Zuspitzung. Es gab einen äußerst schweren Luftangriff am 3. Februar mit 521 Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Am 6. Februar gab es einen mit 335 und am 7. Februar mit 447 Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Obwohl es den Ukrainern gelingt, 80 Prozent der Drohnen abzuschießen sowie einen Teil der Marschflugkörper und Raketen, gibt es viele Treffer. In Kiew gibt es drei wichtige Heizkraftwerke. Zwei davon, Nummer 6 und Nummer 4 wurden zerstört, Nummer 5 schwer beschädigt. Die Russen haben außerdem ein 750-Kilovolt-Umspannwerk westlich von Kiew und ein weiteres 550-Kilovolt-Umspannwerk schwer beschädigt.

Was bedeutet das für die Menschen?

Alle Gebiete mit Ausnahme des Regierungsviertels können nicht mehr mit der notwendigen Energie versorgt werden. Das bedeutet: In den Häusern herrschen im Schnitt Raumtemperaturen von circa 6 bis 7 Grad. Die Wasserleitungen funktionieren zum Teil nicht, die Rohre bersten. Viele Folgeschäden sind noch nicht absehbar. Die bittere Kälte macht es für die Bevölkerung unglaublich schwierig, weiter durchzuhalten.

Das Institute for the Study of War (ISW) erkennt Hinweise auf eine neue Offensive der Russen in der Südukraine und im Donbass, um den Krieg gewaltsam zu beenden. Sie auch?

Davon können Sie ausgehen. Im Frühjahr werden Sie bereits offensive Anstrengungen zur Vorbereitung der folgenden Sommeroffensive sehen. Das alles ist ausgerichtet auf die derzeit laufenden Verhandlungen, bei denen wir sehen: Die USA und Russland haben sich in einer gewissen Form geeinigt. Beide Seiten tauschen sich auf militärischer Ebene wieder aus, das bedeutet eine klare Annäherung. Zudem wird miteinander geredet, wie man nach dem Auslaufen des New-Start-Vertrages weiterverfahren möchte. Laut Medienberichten geht es den Amerikanern vor allem um Geschäfte mit den Russen. Also haben Russen und Amerikaner einen Draht zueinander gefunden. Ich fürchte, auf Kosten der Ukraine.

Setzen die USA die Ukrainer jetzt zusätzlich unter Druck?

Die Amerikaner fordern einen Friedensvertrag spätestens im Juni, was enormen Druck auf die Ukraine ausübt. Präsident Wolodymyr Selenskyj und andere Offizielle monieren, die USA verringerten die Zahl der Fliegerabwehrraketen, die sie liefern. Es gab bereits letzten Monat einen derartigen Mangel an Patriot-Abfangraketen, dass viele der Abschussvorrichtungen leer geblieben sind – und zwar genau in dem Moment, in dem die angesprochenen Kraftwerke angegriffen wurden. Die Russen wollen vor einem Friedensvertrag oder Waffenstillstand militärisch das Maximale herausholen. Das Mindeste wäre aus Sicht der Russen die Inbesitznahme des gesamten Donbass, wahrscheinlich auch ein Vorstoß in Richtung Saporischschja.

Wo genau werden Moskaus Truppen angreifen?

Die Russen werden versuchen, hinter den Festungsgürtel der drei Städte Slowjansk, Kramatorsk und Kostjantyniwka zu kommen. Kostjantyniwka wird von den Russen stark attackiert. In Saporischschja werden die Russen versuchen, aus dem Raum südlich von Pokrowsk weiter in Richtung Westen vorzustoßen und Fakten zu schaffen. Bemerkenswert aus meiner Sicht: Die Ukrainer versuchen eine Gegenoffensive.

Wie soll die aussehen?

Elon Musk steht der Ukraine mit der Abschaltung von Starlink für russische Terminals momentan zur Seite. Das hat einen großen Effekt, denn sein Starlink-System macht den großen Unterschied in der Kommunikation für die Ukrainer. Ohne Starlink haben aber auch die Russen große Probleme mit ihrer Führungsstruktur. Das nutzen die Ukrainer für punktuelle Angriffe südlich von Pokrowsk und ostwärts von Saporischschja. Groß angelegte Offensiven, die wir aus der Vergangenheit kennen, sind für die Ukrainer aber zurzeit nicht möglich.

Laut einem Bericht der "Washington Post" warnen russische Finanzbeamte Präsident Wladimir Putin angesichts sinkender Öleinnahmen vor einer möglichen Wirtschaftskrise bis zum Sommer. Kann sich sowas schnell an der Front bemerkbar machen – oder würde das eine Weile dauern?

Zu Beginn des Krieges hätte sich das schnell bemerkbar gemacht. Der Treibstoffmangel hätte die Offensivanstrengungen der großen mechanisierten Verbände der Russen ausgebremst. Aber die Zeiten, in denen die Russen mit vielen Panzern durch schnelle Manöver möglichst viel Raum in Besitz nehmen wollen, sind vorerst vorbei. Die Front ist erstarrt, sie bewegt sich nur minimal.

Was bedeutet das?

Kleine Stoß- und Sturmtrupps beider Seiten versuchen, sich in einer Grauzone gegenseitig zu überflügeln und Gelände in Besitz zu nehmen. Das erinnert an den Ersten Weltkrieg. Damals haben Maschinengewehre und Stacheldraht dieselbe Situation verursacht. Heute wird sie durch Drohnen geschaffen, die ein gläsernes Gefechtsfeld schaffen. Damit ist der Bedarf an Treibstoff für Kampffahrzeuge wesentlich geringer als zu Beginn des Krieges. Die sinkenden Ölverkäufe setzen Russland aber an anderer Stelle unter Druck: Sie drücken die Deviseneinnahmen. Aber das ist eine Herausforderung für die russische Wirtschaft, die nur indirekt an der Front spürbar ist, und auch erst mit einiger Verzögerung.

Aber sie wäre spürbar?

Wenn die Wirtschaft in Russland schwächelt und weniger Devisen generiert, dann wird sich das zum Beispiel beim Sold der Soldaten bemerkbar machen. Die russischen Rekrutierungsbehörden machen ihre Verträge mit den Soldaten auf Basis der Devisen, die sie zur Verfügung haben. Aber das sind Effekte, die erst in ein paar Monaten eintreten könnten. Ich sehe es so: Die Situation wird sich bis zum Sommer zuspitzen. Tatsächlich könnten die Russen im Verlauf des Jahres immer schlechtere Karten haben, aber die Ereignisse könnten uns überholen, weil die Amerikaner sich mit den Russen geeinigt haben – auf dem Rücken der Ukrainer.

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Wo toben zurzeit die heftigsten Kämpfe?

Im Nordabschnitt haben wir keine großen Veränderungen. Die Russen versuchen bei Sumy, in das Waldgebiet nördlich der Stadt vorzustoßen. An einigen Stellen haben sie mit kleinen Trupps die Grenze zur Ukraine überschritten, um die Ukrainer dort zu binden. Zudem toben Kämpfe im Raum nördlich von Charkiw, aber es gibt keine signifikanten Geländegewinne. Im Mittelabschnitt sehen wir einerseits den Erfolg der Ukraine bei Kupjansk. Die Stadt ist aus meiner Sicht zu über 90 Prozent wieder in ukrainischer Hand. Es wird heftig gekämpft, weil die Russen versuchen, das Gebiet wieder zurückzuerobern. Wenn man von Kupiansk aus weiter in Richtung Südwesten geht, dann sehen wir, dass die Russen es geschafft haben, bei Siwersk weiter in Richtung Westen vorzumarschieren.

Was ist ihr Ziel?

Dort befinden sich die wichtigen Festungsstädte Slowjansk und Kramatorsk und südlich davon eben Kostjantyniwka. Es gibt auch heftige Kämpfe südlich von Pokrowsk. Hier, im Zentrum des Mittelabschnitts, versuchen die Ukrainer, mit den erwähnten punktuellen Gegenangriffen dagegenzuhalten. So versuchen sie, den russischen Vorstoß in Richtung Saporischschja zumindest zu unterbrechen oder zurückzuwerfen. Im Südabschnitt gibt es geringe Kämpfe, dennoch versuchen die Russen, südlich von Saporischschja entlang des Dnepr vorzustoßen. Sie wollen sich in die Reichweite von Saporischschja bringen, für anschließende Angriffe mit Drohnen und Artillerie. Wenn sie dies schaffen, beginnen sie, mit Drohnen und Artillerie die Stadt anzugreifen.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

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