Proteste in den USA: “Todesröcheln eines sterbenden Amerikas”
Icon: vergrößern"Erschöpft und empört": Protestierende in Washington
ROBERTO SCHMIDT/ AFP
SPIEGEL: Herr Glaude, wie empfinden Sie als Afroamerikaner die aktuelle Situation in den USA?
Glaude: Ich bin erschöpft und empört. Um es mit der berühmten US-Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer zu sagen: Ich bin es müde, müde zu sein. Diese Müdigkeit geht einem bis ins Knochenmark. Und trotzdem müssen wir uns aufrappeln und sehen, wie wir einen Weg voranfinden oder uns zumindest aufrecht halten können.
SPIEGEL: Warum kochen die Unruhen und Proteste ausgerechnet jetzt so dauerhaft hoch?
Glaude: Amerika hat ein altes Problem: die Behauptung, dass Weiße mehr wert seien als andere. Diese Behauptung ist fest darin verankert, wie die gesamte US-Gesellschaft organisiert ist – und wie die Polizei mit uns umgeht. Covid-19 hat diese hässliche Schattenseite entblößt, diese tief greifende Rassenungleichheit. Das Virus hat sich wie eine Geschwulst durch diese sozialen Risse gefressen. Afroamerikaner sind überproportional betroffen; wir sterben in höheren Raten, mehr von uns kommen ins Krankenhaus, unsere Infektionszahlen sind höher. Und jetzt kommen die jüngsten Fälle von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner dazu.
SPIEGEL: George Floyd, Ahmaud Arbery, Breonna Taylor.
Glaude: George Floyd steht für alles, was falsch ist an den USA. Unser System hat eine enorme Ungleichheit hervorgebracht, hat uns alle zu selbstsüchtigen Menschen gemacht, die sich nur um Wettbewerb und Rivalität kümmern, hat den Begriff des Gemeinwohls vernichtet und den Sinn eines sozialen Sicherheitsnetzes zerrissen.
SPIEGEL: Bei den Massenprotesten geht es also um viel mehr als um George Floyd und Polizeigewalt.
Glaude: Hier bricht gerade eine wirtschaftliche und politische Ideologie zusammen. Wir erleben das Todesröcheln eines sterbenden Amerikas. Ein Amerika, das von Donald Trump repräsentiert wird. Die Leute wissen, dass die Republikanische Partei und ihre demografische Basis nicht mehr expandieren, sondern schrumpfen. Sie wissen, dass die Zahl der christlich-konservativen Weißen, die die Republikaner unterstützen, schrumpft. Sie wissen, dass Amerika immer weniger weiß wird. Politisch hat das zu manischen, panischen Anstrengungen geführt, um an dem Amerika festzuhalten, das im Sterben liegt. Covid-19 und George Floyd haben diesen Prozess nun beschleunigt. Während eine alte Welt stirbt, versucht eine neue Welt geboren zu werden. Und wir sind die Hebammen.
SPIEGEL: Fehlt dieser Bewegung nicht eine Führungsfigur wie Martin Luther King in den Sechzigerjahren? Versagen die US-Demokraten da nicht auch gerade?
Glaude: Gute Frage. Die Demokraten denken zurzeit nur an die Wahl, den Sieg, wie sie das Weiße Haus zurückgewinnen, das Repräsentantenhaus halten, den Senat kippen. Sie haben keine Vision, so scheint mir. Die Situation, die wir gerade erleben, liegt nicht nur an den Rechten. Sie liegt auch an der Komplizenschaft zwischen beiden Parteien und dem großen Geld, an der Bereitschaft, sich damit zufriedenzugeben, den Arbeitern nur Krümel zuzuwerfen. Wir brauchen eine Vision. Doch wir sehen von den Demokraten keine. Wenn wir ein neues Amerika gebären wollen, können wir nicht einfach zu dem zurückkehren, was mal war.
"Es geht um fundamentale Fairness"
SPIEGEL: Wie wird das weitergehen?
Glaude: Mitten in einer Pandemie riskieren die Leute gerade ihr Leben, um gegen Polizeibrutalität zu demonstrieren. So wie viele jeden Tag ihr Leben riskieren müssen, nur um wieder arbeiten zu können. Doch wenn wir ein neues Amerika gebären wollen, dann müssen wir nun mal alles riskieren, und das ist auch gut so. Das geht auch weit über die Wahl im November hinaus. Es geht nicht nur darum, Trump aus dem Amt zu jagen und Joe Biden ins Amt zu bringen. Es geht darum, den moralischen Schwerpunkt des Landes zu verschieben, der Wall Street und dem Silicon Valley zu entkommen. Es geht um fundamentale Fairness. Die reichste Nation in der Weltgeschichte darf nicht so viele Arme haben. Wir stehen am Beginn eines revolutionären Moments.
SPIEGEL: Afroamerikaner sehnen sich seit Langem danach. Schwarze Eltern führen mit ihren Kindern unweigerlich "The Talk", eine Unterhaltung, die die Heranwachsenden auf rassistische Konfrontationen mit der Polizei vorbereiten soll. Für Weiße ist so etwas undenkbar. Wie lief das mit Ihrem Sohn?
Glaude: Das begann mit dem Fall des zwölfjährigen Tamir Rice, der 2014 von zwei weißen Polizisten auf einem Spielplatz erschossen wurde. Als sich ein Großes Geschworenengericht ein Jahr später weigerte, die Polizisten anzuklagen, waren mein Sohn Langston und ich gerade in einem Flughafen. Er lief herum wie ein eingesperrter Panther. Ich wusste, dass er wütend war, und überlegte, wie ich verhindern konnte, dass diese Wut in ihm Wurzeln schlägt und seine Seele verätzt. Als dann 2016 Alton Sterling und Philando Castile erschossen wurde, beschloss ich, Langston einen Brief zu schreiben, um darin meine Angst um ihn zu formulieren und dass ich ihn zur Sicherheit am liebsten zu Hause einsperren wollte. Seine Antwort war eindrucksvoll: Er wisse gut genug, dass er auch zu Hause nie sicher wäre, nicht mal dann, wenn er noch mal nur sieben Jahre jung wäre.
SPIEGEL: Wie alt ist er jetzt?
Glaude: Er ist inzwischen 24, Jura-Absolvent der Brown University und bald Anwalt. Gestern beschloss er, an einer Protestdemo in Trenton, New Jersey, teilzunehmen. Und natürlich machte ich mir wieder Sorgen, weil ich nicht wusste, wie der Protest verlaufen würden, ob er zu Gewalt führen würde oder nicht. Und auch, weil das Virus immer noch kursiert. Aber ich sah an seinem Gesichtsausdruck, dass er einfach dabei sein musste. Es ist die beängstigendste, überwältigendste Aufgabe, die ich jemals hatte: Wie kann ich meinen Sohn großziehen und mit ihm zusammenleben in einer Welt, die ihm immer wieder sagt, dass er kein Existenzrecht hat?
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch über James Baldwin, einen der bedeutendsten afroamerikanischen Schriftsteller, beschreiben Sie einen Besuch in Heidelberg vor zwei Jahren. Dort erlebten sie einen "traumatischen Moment", als ein Schwarzer von der deutschen Polizei misshandelt wurde. Trotzdem, so schreiben Sie, seien Sie froh gewesen, dass Sie in dem Moment zumindest nicht in den USA gewesen seien. Was meinen Sie damit?
Glaude: Die Universität Heidelberg zeichnete mich damals mit dem James W.C. Pennington Award aus, benannt nach einem früheren Sklaven, dem die Uni 1849 einen Ehrendoktor verliehen hatte. Der Aufenthalt dort bot mir eine wundervolle Verschnaufpause. Die Distanz zu den USA und zu den Rassenunruhen hier gab mir eine ganz spezielle Sichtweise auf Amerika. Ich sah mein Land für eine Weile so, wie es ist, ohne dass ich es Tag für Tag am eigenen Leib erleben musste.
SPIEGEL: Rassismus gibt es eben nicht nur in den USA.
Glaude: Nein, das Problem ist nicht Amerika-spezifisch. Doch Amerikas spezifische Geschichte gibt ihm einen besonderen Tonfall. Man sieht Rassismus natürlich auch in Europa, etwa im Zusammenhang mit dem Thema Einwanderung. Man sieht ihn in Europa an der Ideologie der White Supremacy, wie ihn Neonazis vertreten. Man sieht, was in Ungarn los ist. Man sieht, was in Russland passiert. Boris Johnson gewann die Wahl auch, weil er die Angst vor "dem anderen" ausnutzte. Rassismus ist eine globale Ideologie, die wiederum eng an den Kapitalismus gebunden ist. Das ist seit dem transatlantischen Sklavenhandel so. Wir haben also noch viel zu tun, um eine neue Welt zu schaffen. Wir müssen alles riskieren, um das zu erreichen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Unruhen in den USA im Sommer weitergehen?
Glaude: Es wird nicht besser werden. Wir steuern durch einen Sturm. Schnallt euch gut an!
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