Ökonomin Noreena Hertz über Kapitalismus, Sucht und Einsamkeit
Icon: vergrößernKapitalismuskritikerin Hertz: »Ich bin keine Technikfeindin oder Fortschrittsgegnerin«
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Tami Aftab / DER SPIEGEL
Hertz, 53, ist Honorarprofessorin für Ökonomie am University College London, Autorin, Fernsehmoderatorin und eine der bekanntesten »Public Intellectuals« Großbritanniens. Seit ihrem weltweiten Bestseller »Wir lassen uns nicht kaufen« (2001) gilt sie als eine der Frontfrauen der Globalisierungskritik. In ihrem neuen Buch »The Lonely Century« beschreibt sie Einsamkeit als den prägenden Zustand des 21. Jahrhunderts – der durch die Pandemie noch verschärft worden sei.
SPIEGEL: Frau Hertz, können einsame Menschen eigentlich besser mit einem Shutdown umgehen, weil sie Expertinnen oder Experten sind für so eine Situation?
Hertz: Leider nein. Erste Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die vorher schon einsam waren, nun noch einsamer sind. Wir denken ja bei Einsamkeit vor allem an ältere Menschen, aber tatsächlich waren schon vor der Pandemie die jungen die einsamsten. Und sie trifft es jetzt wieder am schlimmsten. Junge Leute, Menschen mit niedrigem Einkommen, Frauen.
SPIEGEL: Warum Frauen?
Hertz: Teilweise weil Frauen mit Kindern besonders abhängig sind von ihren sozialen Netzwerken. Von den Großeltern, die auf die Kinder aufpassen. Von anderen Müttern, mit denen sie sich im Park treffen. Doch all diese Kontakte sind im Lockdown verboten. Deshalb sagen viele Frauen, dass sie sich nun besonders einsam fühlen.

