Nusantara in Indonesien: Entsteht hier die grünste Stadt Asiens?
Die Stadt, die bald aus dem Dschungel ragen soll, kündigt sich schon viele Kilometer vorher an. Zwei Stunden geht es mit dem Auto vom nächstgelegenen Flughafen durchs Nichts der Insel Borneo, mitten durch Palmölplantagen, über Hügel, vorbei an kleinen Dörfern auf einer schmalen Straße. Bis irgendwann die Sicht diesig wird und auf den Blättern der Pflanzen sich grau der Baustaub absetzt.
Schlaglöcher im Straßenbelag, wegen der vielen Betonmischfahrzeuge und Lastwagen. Sie transportieren Eisenstangen, Pflastersteine und Kies zur Baustelle. Die ersten Kräne sind zu sehen, Gruben aus roter Erde, und immer mehr Männer in Sicherheitsschuhen und mit Bauhelmen auf dem Kopf.
Sie bauen die künftige Hauptstadt Indonesiens. Willkommen in Nusantara.
Eine neue Hauptstadt bauen, noch einmal von vorn anfangen, bei der Grundsteinlegung, den Standort frei wählen. Davon träumt Indonesien seit seiner Unabhängigkeit 1945. Von einer Stadt, die möglichst im Zentrum des Landes liegt und die Einheit der Gesellschaft betont. Indonesien ist das viertbevölkerungsreichste Land der Welt, das größte muslimische, mit 17.000 Inseln, Hunderten Sprachen und ethnischen Gruppen und drei Zeitzonen. Doch bisher konzentriert sich die wirtschaftliche und politische Macht auf der Insel Java.
Dort liegt auch die aktuelle Hauptstadt Jakarta, in deren Umkreis 30 Millionen Einwohner leben – eine Stadt, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und die dennoch viele für nicht mehr vorzeigbar halten. Jakarta kämpft seit Jahren mit extremer Luftverschmutzung, Staus und Überflutungen. Jedes Jahr senkt sich dort der Boden um bis zu 20 Zentimeter, weil Grundwasser abgepumpt wird und der Meeresspiegel steigt. Eine untergehende Hauptstadt.
Aber braucht Indonesien deshalb eine ganz neue?
Der Mann, der den Traum der neuen Stadt anpackte und zu einem Projekt erklärte, heißt Joko Widodo, genannt Jokowi, der aktuelle Präsident Indonesiens. Er war selbst mal Bürgermeister von Jakarta. 2019 verkündete er: Der Bau geht los. Wir ziehen um. Nach Nusantara, was so viel heißt wie »Archipel«.
Die neue Hauptstadt werde auf Borneo liegen, versprach er, 1300 Kilometer entfernt von Jakarta. Zwei Millionen Menschen sollen dort einmal leben, auf 560 Quadratkilometern, einer Fläche eineinhalb Mal so groß wie München.
Nusantara werde eine grüne Stadt, umringt von Regenwald, betrieben mit erneuerbarer Energie. Eine Stadt, auf die die Indonesier stolz sein könnten. Ohne Staus, dafür mit vielen öffentlichen Verkehrsmitteln, wo man Wege zu Fuß gehen kann oder mit dem Rad fahren. Eine Hightech-Stadt, mit intelligenten Abwassersystemen und vielleicht irgendwann fliegenden Taxis, in der sich Digital Nomads niederlassen wollen.
Mit einem Präsidentenpalast, der hoch über allem thront, der aussieht wie ein Garuda-Adler, das Wappentier Indonesiens. »Wir wollen ein neues Indonesien bauen«, sagte Jokowi damals. »Indonesien ist mehr als Jakarta.«
Eine utopische Stadt.
Eine Stadt wie ein Denkmal für einen scheidenden Präsidenten.
Das Projekt Nusantara ist schwer zu trennen von den letzten Tagen Joko Widodos im Amt. Er wurde bekannt als »Infrastrukturpräsident«, veranlasste den Bau vieler Straßen, Hafen- und Bahnprojekte, ist überaus beliebt in der Bevölkerung. Und verbrachte seine gesamte zweite Amtszeit damit, den Bau der Hauptstadt voranzutreiben. Der Bau wurde sogar im Gesetz verankert. Zwar zerhagelte die Pandemie den Zeitplan gehörig, er ist kaum noch einzuhalten. Außerdem sind laut einer aktuellen Umfrage mehr als die Hälfte der Indonesier gegen den Bau. Doch Widodo hält an seinem Ziel fest.
Noch 2024 sollen die ersten Ministerien umziehen und der Regierungspalast eingeweiht werden – ausgerechnet in dem Jahr, in dem Widodo als Präsident abtreten wird. Am kommenden Mittwoch wird in Indonesien gewählt, mehr als 200 Millionen Bürgerinnen und Bürger können ihre Stimme abgeben. Nach zwei Amtszeiten darf Widodo nicht noch einmal antreten. Will der Präsident schnell noch ein Monument für sich selbst erschaffen? Ist das Geld für die neue Metropole wirklich gut angelegt in einem Land, in dem immer noch ein Zehntel der Menschen in Armut leben?
Das Geld
Schichtwechsel ist morgens um sieben. Bauarbeiter steigen dann in Shuttlebusse zurück ins Containerdorf, grüßen die Kollegen, die nun übernehmen. Der Nebel über der Baustelle lichtet sich. Die Baustrahler, mit deren Licht die Männer die Nacht durchgearbeitet haben, werden ausgeknipst. Die Kühle wird bald, wie jeden Tag, der Hitze Platz machen. In der Provinz Ostkalimantan, nahe am Äquator, wo Nusantara einmal stehen soll, herrscht ein tropisches, schwüles Klima. Es ist hier heißer als drüben in Jakarta.
Am Point Zero, dem Gründungsstein Nusantaras, sammeln sich ein paar Touristen. Auch Rostati ist gekommen, mit Familie. Sie stammt aus der Gegend und sagt: »Ich bin ziemlich stolz, dass die neue Stadt hier gebaut wird. Aber es ist unmöglich, das innerhalb von fünf Jahren zu schaffen.«
Ein Mann mit breitem Gang und grünem Hemd läuft hektisch an den Touristen vorbei: Agung Wicaksono. Deputy for Funding and Investment. Der Mann, der das Geld für die Stadt eintreiben soll.
Wicaksono hat vor gut einem Jahr den Anruf der Regierung bekommen, »von ganz oben«, wie er sagt. Dass man ihn brauche, dringend brauche. Er sagt: »Ich bin doch nur ein Verkäufer.« Aber man kann auch sagen: Er ist der wichtigste Mann der Stadt. Denn bevor die Bagger kommen muss das Konto voll sein.
Im Schlepptau hat Wicaksono an diesem Vormittag Anfang Februar einen Investor aus den USA, der eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und seine Firma in New York hat.
Die Kosten Nusantaras werden mit 38 Milliarden US-Dollar veranschlagt. 20 Prozent davon zahlt Indonesien aus eigener Kasse – für grundlegende Infrastruktur, Regierungsgebäude und die Wohnblöcke, in die die Regierungsbeamten bald einziehen sollen. Wicaksono nennt sie »die Pioniere«. Alles, was im Moment vor Ort gebaut wird, ist gedeckt aus der Staatskasse.
Der allergrößte Teil aber – 80 Prozent – soll privat finanziert werden. Alles eigentlich, was eine Stadt erst zur Stadt macht – Wohnungen, Restaurants, Malls, Kinos, Theater, Bars, Hotels, Businesscenter, Büroviertel. Und da hakt es. Die Investoren wollen nicht kommen.
Wicaksono versucht, CEOs großer indonesischer und ausländischer Firmen zu überzeugen.
Aber das japanische Technologiekonglomerat Softbank hat sich zurückgezogen. Länder, die interessiert sind, wie Saudi-Arabien oder Singapur, haben bisher keine Verträge unterzeichnet. Neulich war ein Regierungsvertreter der Vereinigten Arabischen Emirate da.
Wicaksono will, dass die Stadt einmal eine ist, die von allen geliebt wird. Aber dafür braucht es Leute, die die Pläne mit Leben füllen.
Unsicherheit vertreibt Anleger. Die anstehenden Wahlen sind so eine Unsicherheit. Wenn Jokowi bald weg ist, so was wie der Gründungsvater der Stadt, – wird sein Nachfolger die Pläne überhaupt weiterverfolgen?
Wie wichtig Joko Widodo das Projekt Nusantara ist, zeigt der Deal, den er mit einem ehemaligen politischen Rivalen eingegangen ist: mit Prabowo Subianto, 72, der zwei Präsidentschaftswahlen gegen Jokowi verlor. Nun hat er gute Chancen, Indonesiens nächster Präsident zu werden. Denn Jokowi hat ihm seinen ältesten Sohn, Gibran Rakabuming, als Vizekandidaten an die Seite gestellt.
Für viele ein Skandal, nicht nur, weil sich amtierende Präsidenten normalerweise nicht in den Wahlkampf einmischen dürfen. Sondern auch, weil Prabowo, ein ehemaliger Militärgeneral, schwere Menschenrechtsverletzungen während des Suharto-Regimes vorgeworfen werden, unter anderem in Timor-Leste und bei Unruhen gegen die Regierung im Mai 1998. Für Kritiker ist Prabowo ein Verbrecher, der zur Verantwortung gezogen werden muss.
Für Joko Widodo ist er der Mann, der garantiert hat, sein Vermächtnis fertigzustellen.
Die Unerwünschten
Syamsiah, 49 Jahre, trägt ein rosa Kopftuch und sagt: »Wenn sie uns wirklich von hier vertreiben, dann müssen sie mich hier begraben. Ich werde nicht gehen. Das hier ist mein Land.«
Sie sitzt im Hinterhof ihres Hauses im Dörflein Sepaku, unweit der Baustelle von Nusantara. 80 Familien leben hier, seit Generationen. Syamsiah besitzt mit ihrem Mann und den sechs Kindern ein Holzhaus und etwas Land. Früher haben sie dort Reis angebaut, heute ist die Fläche oft überschwemmt. Die Regierung baut einen Damm, der die Frischwasserversorgung der neuen Hauptstadt sichern soll. »Bei uns geht alles kaputt.«
Manche Nachbarn haben ihre Wohnungen schon verlassen, sind weit weg gezogen. Die Grundstückspreise in der Nähe sind wegen Nusantara schon in die Höhe gegangen. Es seien Politiker dagewesen, die die Anwohner überzeugen wollten, umzuziehen, sagt Syamsiah. Für die, die gehen, gibt es Ausgleichszahlungen. Für die, die bleiben, unklare Aussagen: Niemand sagt, Sepaku werde geflutet. Manche sagen, das Dorf werde zu einem Touristenressort umgebaut. »Wenn wir gehen, starten wir bei null«, sagt sie.
Syamsiah und die anderen gehören der lokalen Ethnie der Balik People an. Ihre Ahnen sind hier begraben, viele Orte haben spirituelle Bedeutung. Die meisten haben keine Landtitel. Ihre Leben fußen auf der Annahme, dass sie bleiben können, wo sie schon lange sind. In den Plänen des Hochglanzprojekts neue Hauptstadt, so scheint es, sind die normalen Leute vergessen worden. »Wir kriegen nichts, während die neuen Anwohner von Nusantara alles kriegen.« Die Frage ist, ob eine Stadt einen kann, wenn sie die Kultur und die Menschen vor Ort missachtet.
Der Plan
Indonesien ist nicht das erste Land, das sich eine neue Hauptstadt schafft. Das australische Parlament zog 1927 nach Canberra um. Brasília löste 1960 Rio als Hauptstadt ab. 1998 gründete Kasachstan Astana. Naypyidaw in Myanmar ist eine Planstadt, Abuja in Nigeria. In Ägypten lässt Präsident Sisi seit zehn Jahren an einem New Cairo bauen.
Das Problem fast aller dieser Städte: zu teuer, trostlos, hohe Staatsverschuldung, niemand will hinziehen. Oft dauerte es Jahrzehnte, bis die Städte halbwegs angenommen wurden. Manche sind es bis heute nicht. Wieso sollte es in Nusantara anders kommen?
Sibarani Sofian ist der Architekt Nusantaras. In seinem Büro in Jakarta hängen auf Zeichenpapier Entwürfe von Häusern, Promenaden, Brücken, Straßen. Zum Beispiel vom »People’s Boulevard«, daneben ist vermerkt: »soll intim und nach den Menschen ausgerichtet sein«. Sibaran sagt, es falle ihm schwer, an etwas anderes zu denken als die neue Stadt. Er schaue sich genau an, was in den anderen Planstädten falsch gelaufen ist.
Sibarani hat 2019 die Ausschreibung der Regierung gewonnen. Fast 700 Architekten hatten sich für den Wettbewerb registriert. Sechs bis acht Wochen hatte Sibarani Zeit, die Pläne zu zeichnen. Vieles stand schon fest: der Ort der Regierungsgebäude. Ihre Größe. Mit manchen Ideen hat der Architekt nichts zu tun. Zum Beispiel mit dem Palast in Form eines Adlers. Wäre es nach ihm gegangen, würde dort heute ein weitaus bescheidenerer Entwurf umgesetzt.
Die Topografie der Stadt ist kompliziert, sagt Sibarani. Es seien dort lauter Hügel, viel Steigung, viel Gefälle, oft muss erst der Lehmboden abgetragen und ein neuer Untergrund geschaffen werden, damit die Fundamente von Gebäuden während der Regenzeit nicht weggespült werden.
Die Herausforderung sei, heute eine Stadt zu planen, die Menschen in zwei, drei, vier Jahrzehnten gut finden, sagt Sibarani. Was haben sie für Vorstellungen von einem guten Leben? Wie werden sie ihren Alltag gestalten? Werden sie noch als Familien wohnen, oder wie viel Platz brauchen sie?
Ganz fertiggestellt sein soll Nusantara bis 2045. »Die Babyboomer treffen heute die Entscheidung, aber die, die mal die Stadt bewohnen werden, sind Gen Z oder noch viel jünger.« In seinem Büro beschäftigt Sibarani deshalb viele Leute unter 30. Denen sei zum Beispiel wichtig: öffentlicher Nahverkehr. 80 Prozent des Verkehrs soll mit Bussen und Bahnen funktionieren. Das sei mehr als in Tokio, mehr als in Singapur.
Dann ist da aber die Sache mit der Natur. Borneo, wo Nusantara gebaut wird, und das in Teilen zu Malaysia, in Teilen zu Indonesien gehört, beherbergt einen der größten Regenwälder der Erde. Es leben dort Orang-Utans, Leoparden, Elefanten, Nasenaffen.
Die Insel ist jetzt schon bekannt für die Umweltzerstörung, die dort seit Jahrzehnten stattfand. Fast die Hälfte des ursprünglichen Dschungels wurde gerodet, schätzen Naturschützer. Nahe der Baustelle liegen riesige Kohleminen ; 60 Prozent der indonesischen Kohleexporte stammen von Borneo. Viele Kritiker fürchten, die neue Stadt zerstöre die Natur nur noch weiter, weil massiv Wald abgeholzt wird, um Beton hinzustellen.
»Wenn wir uns an die Pläne halten«, sagt Architekt Sibarani, »dann ist diese Kritik falsch«. In der Tat ist der Wald rund um die Stadt längst kein Regenwald mehr, sondern sogenannter Industriewald. Gepflanzt wird schnell wachsender Eukalyptus für die Papierherstellung. Die Pläne von Nusantara sehen vor, dass diese Monokulturen verschwinden und an ihrer Stelle wieder natürlicher Dschungel wachsen darf. Eine Stadt, die für mehr Natur sorgt. Das wäre eine gute Sache. Aber Sibarani weiß, wie schnell Pläne geändert werden.
Die Zukunft
Es ist einfach, die Idee einer neuen Hauptstadt bescheuert zu finden. Man könnte die Milliarden für neue Schulen ausgeben. Man könnte in Jakarta eine U-Bahn bauen. Man könnte Projekte für junge Frauen in den Dörfern der Balik People fördern oder ein neues Naturschutzgebiet ausrufen.
Aber darf ein Land nicht auch mal groß träumen?
Und wo sind die Leute, die sonst sagen, Städte müssen klimafreundlicher werden und den Menschen mehr Platz und Grünflächen lassen? Nusantara will so eine Stadt sein. Sie könnte in 30 Jahren als Vorbild gelten.
Rund um die Baustelle trifft man welche, die schon jetzt als Kioskbesitzer oder Arbeiter mehr Geld verdienen als vorher. Sie haben das Gefühl, endlich denke die Regierung auch mal an sie. Es gibt auf Borneo Waldforscher, die die Pläne zur Wiederaufforstung rund um Nusantara tatsächlich überzeugen.
Doch selbst Architekt Sibarani, der Designer der Stadt, ist unsicher, ob er wirklich einmal mit seinem Büro nach Nusantara umziehen will. Auch er weiß nicht, ob das Herz Indonesien je woanders liegen wird als in Jakarta. Es sei möglich, dass Nusantara am Ende nicht mehr wird als »ein Ressort aus Regierungsgebäuden im Dschungel«. Sollten die Investoren nicht bald kommen. Sollten die Bauarbeiten nicht bald Fahrt aufnehmen.
Präsident Widodos Kritiker befürchten, Indonesien übernehme sich finanziell massiv mit dem Megaprojekt. Sie bezweifeln auch, dass internationale Botschaften auf die Nachbarinsel umziehen, solange sich Nusantara nicht wie eine echte Hauptstadt anfühlt, sondern mehr wie ein Themenpark.
Im Zentrum der Baustelle jedenfalls, der Teras Cakrawala, der zentralen Promenade durchs künftige Regierungsviertel, stehen schon die Wegweiser. Nach links zur Plaza Barat und zum Grashügel. Nach rechts zum Regierungspalast. Dem Palast, der einmal aussehen soll wie ein Adler, fehlen noch die Flügel. Fraglich, ob die bis zum 17. August fertig werden. Dann ist indonesischer Unabhängigkeitstag. Und die Einweihung Nusantaras.
Was recht sicher ist: Der Palast wird bis dahin soweit fertig sein, dass Joko Widodo noch einziehen kann. Seine Amtszeit endet im Herbst. Ein paar Wochen wird er die Geschicke des Landes noch aus einem Büro in Nusantara leiten können.

