Nowitschok-Erfinder zum Fall Alexej Nawalny: “Ich fühle mich schuldig”
Icon: vergrößernChemiker Wil Mirsajanow: "Ich bin sehr enttäuscht"
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DOMINICK REUTER/ AFP
Es ist sieben Uhr morgens an der Ostküste der USA an diesem Donnerstag, Wil Mirsajanow sitzt in einem geblümten Sessel in seinem Wohnzimmer und will nicht schweigen zu dem, was da im weit entfernten Sibirien passiert ist. Er hat alles genau verfolgt, die Symptome, die Alexej Nawalny nach seiner Vergiftung zeigte, alles was über die klinischen Befunde und seine Behandlung in Omsk und nun in der Berliner Charité zu erfahren war.
"Ich bin sehr enttäuscht", sagt der 85-jährige Chemiker per Skype aus seinem Wohnzimmer. Seit 30 Jahren kämpfe er gegen den chemischen Nervenkampfstoff Nowitschok, habe sich mit dafür eingesetzt, dass er auf die Liste der verbotenen Substanzen der Chemiewaffenkonvention gesetzt wurde, sagt er. "Und nun wird er wieder benutzt, um einen Kritiker des Kremls auszuschalten."
Ein früher Whistleblower
Mirsajanow weiß über Nowitschok mehr als die meisten Menschen. Er war Chef der Spionageabwehr an dem Moskauer Institut, das für das Nowitschok-Programm verantwortlich war. Produziert wurden die Nervenkampfstoffe in einem hochgeheimen Chemiewaffenprogramm mit dem Codenamen "Foliant" unter der Ägide des Instituts, allerdings nicht in der Hauptstadt. Das geschah in einem abgeriegelten militärischen Sperrbezirk in der Kleinstadt Schichany an der Wolga, nahe der Grenze zu Kasachstan.

