News: Wolfgang Niedecken, Annalena Baerbock, Olaf Scholz
Politische Bildung auf Kölsch
Heute werde ich nach Goslar fahren. Mit Goslar verbinde ich hübsche Fachwerkhäuser und Sigmar Gabriel, heute Abend werde ich dort auf ein Konzert gehen. Es spielt BAP, die Kölschrockband von Wolfgang Niedecken. Ja, die gibt es irgendwie immer noch, auch wenn die Zusammensetzung immer mal wieder gewechselt hat und die Formation nicht mehr einfach BAP heißt, sondern »Niedeckens BAP«. Was ja letztlich nur konsequent ist.
Ich bin mit BAP musikalisch sozialisiert worden, obwohl ich dafür eigentlich ein paar Jahre zu jung bin. Das lag daran, dass meine Schwester, die wiederum ein paar Jahre älter ist als ich (nachträglich Glückwunsch zum runden Geburtstag!) einen Freund hatte, der Jörg hieß, großer BAP-Fan war und es als eine Art Mission betrachtete, auch mich dazu zu machen. Also versorgte er mich mit selbst aufgenommene BAP-Kassetten (für die jüngeren Leserinnen und Leser: quasi Playlists mit dem Zusatz-Feature Bandsalat) und nahm mich Anfang 1994 mit auf ein Konzert in der Essener Grugahalle. Der aktuelle BAP-Hit hieß damals »Widderlich« und überzeugte mich. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ich kein Kölsch verstand und sich mir die Texte erst nach 30- bis 40-maligem Hören allmählich erschlossen.
Niedecken und seine Band haben auch einiges für meine politisch-zeitgeschichtliche Bildung getan. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass ich mich ohne den Protestsong »Zehnter Juni« im Alter von 13 Jahren mit der Frage beschäftigt hätte, was ein Jahrzehnt zuvor im Bonner Hofgarten gewesen war und was der Nato-Doppelbeschluss bedeutete.
Als ich darüber diese Woche nachdachte, fragte ich mich, ob es eigentlich einen Soundtrack zur großen politischen Bewegung dieser Zeit gibt, der Klimabewegung. Gibt es Songs, die deren Wut ausdrücken, in denen sich die Verzweiflung, die Entschlossenheit bündeln, mit denen die Aktivisten der Letzten Generation für eine andere, radikale Klimapolitik kämpfen? Ich bin da ehrlich gesagt vollkommen blank, ich weiß es nicht. Ich werde mal Kollegen fragen, die sich damit auskennen. Ich bin aber auch offen für Ihre Tipps und Hinweise. Vielen Dank im Voraus!
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Wolfgang Niedecken über Geld und Reichtum: »Ich gebe zu, das war ein Fehler«
Wer hat das Größte?
Ich habe nicht nur eine ältere Schwester, sondern auch einen jüngeren Bruder. Hin und wieder gerieten wir uns früher, wie unter Brüdern nicht ganz unüblich, in die Haare, häufig ging es darum, dass einer von uns das Gefühl hatte, den Kürzeren zu ziehen: Wer hat die kleinere Ritterburg, wer muss nach dem Essen öfter abwaschen, wer muss auf dem Fußballplatz länger im Tor stehen? Daran musste ich denken, als ich einen Text meiner Kollegen aus dem aktuellen SPIEGEL las.
Es geht darin um die Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums, also jene Maschinen, mit denen die Mitglieder des Kabinetts, aber auch der Bundespräsident durch die Welt geflogen werden – sofern sie nicht, wie in dieser Woche Annalena Baerbock, wegen technischer Probleme ihre Reise abbrechen müssen.
Warum ich in diesem Zusammenhang an meinen Bruder denken musste? Lesen Sie selbst.
»Schon wieder hat diese Koalition einen Konflikt«, schreiben die Kollegen. »Diesmal geht es nicht um harte Sachpolitik, sondern um Symbolik, Logistik – und am Ende auch um die Egos der Mächtigen. Wer sichert sich den Zugriff auf die besten, verlässlichsten Maschinen?« Und: »Bundeskanzler und Bundespräsident beanspruchen oft die großen Flugzeuge, selbst bei kurzen Strecken. Ober sticht Unter, das gilt auch beim Zugriff auf die Regierungsflieger.«
Ich bin selbst schon oft in diesen Maschinen mitgeflogen, habe aber bei der Lektüre noch viel Neues erfahren – zum Beispiel, dass es eine klare Rangordnung der Staatsspitze gibt, wer den ersten Zugriff auf die Flugzeuge hat. An der Spitze steht der Bundespräsident, an vierter Stelle der Kanzler, erst auf Platz neun folgt die Außenministerin. Drei Plätze hinter Robert Habeck. Man ahnt, wie sie das findet.
Ich kann Ihnen den Text sehr ans Herz legen – auch wenn Sie der Koalitionskonflikte eigentlich müde sein sollten, wenn Sie vom Gebäudeenergiegesetz oder der Kindergrundsicherung erst mal nichts mehr hören wollen. Ich jedenfalls hatte beim Lesen Spaß.
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Gerangel um Regierungsflieger: Warum Baerbock jetzt wohl häufiger Linie fliegen muss
Tag der offenen Tür
Neulich habe ich mal wieder ein Fernsehinterview mit dem Bundeskanzler gesehen, es war das ZDF-Sommerinterview. Die Kulisse war malerisch, man sah im Hintergrund die herrliche Potsdamer Wasserlandschaft. Ansonsten ist bei mir wenig bis nichts hängengeblieben.
Das war sicherlich zu einem Teil meiner Aufmerksamkeitsspanne am Sonntagabend geschuldet, zum anderen aber der Sprache des Kanzlers. Wenn Olaf Scholz mit Journalistinnen und Journalisten redet, ist man sich manchmal nicht ganz sicher, ob da wirklich der Kanzler spricht oder eine in den Kanzlerkörper eingebaute Software, programmiert von einem etwas weltabgewandten Bürokraten, der die deutsche Sprache hasst.
Ich finde das seltsam, weil ich weiß, dass Scholz auch anders sprechen kann, verständlich, konkret, manchmal sogar ganz witzig. Das gelingt ihm immer wieder, wenn er auf Bürgerinnen und Bürger trifft, sich Ihren Fragen stellt und versucht, Antworten jenseits des Deutungsraums von Berlin-Mitte zu finden. Am Sonntag stellt sich Scholz im Kanzleramt wieder einem solchen Bürgergespräch, eine Stunde lang. Anlass ist der Tag der Offenen Tür der Bundesregierung, der in Wahrheit aus zwei Tagen besteht und schon heute beginnt.
Falls Sie in Berlin sein sollten: Man muss sich nicht anmelden, man kann einfach vorbeikommen. Man sollte sich nur nicht über die Warteschlange ärgern.
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Scholz' Bürgerdialog: Kuscheln mit dem Kanzler
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Die Startfrage heute: Wo befindet sich der Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte?
Gewinner des Tages …
…ist ein Kamerunschaf aus Rheinland-Pfalz. Dem Tier gelang es am Freitag, den Verkehr auf der Autobahn 64 bei Trierweiler über längere Zeit lahmzulegen. Es klebte sich dafür nicht auf der Straße fest, sondern lief über die Fahrbahn und musste, so berichtet es die Nachrichtenagentur AFP, »über mehrere hundert Meter« von der Polizei verfolgt werden, bevor es eingefangen werden konnte.
»Es musste an allen Beinen gefesselt und beruhigt werden«, heißt es in der Meldung weiter. Das Schaf sei unverletzt geblieben.
Falls die letzte Generation Ehrenmitgliedschaften vergeben sollte: Ich hätte da eine Idee.
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Wer sie anführt, was sie plant, was sie antreibt: Einblicke in das Innenleben der Letzten Generation
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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Christoph Hickmann, stellvertretender Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

