News: Weltfrauentag, Sahra Wagenknecht, Pipeline-Anschlag, Kita-Streik
Gängige Vorstellungen von Macht und worauf wir verzichten könnten
Heute ist Weltfrauentag. Auch in Deutschland wird es Veranstaltungen geben: Die Grüne Jugend trifft sich vor der iranischen Botschaft in Berlin, um gegen das unfassbare Leid der Frauen in Iran zu protestieren. Vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in Berlin gibt es eine Protestaktion zur Sichtbarkeit von Künstlerinnen.
Der Kampf gegen Unterdrückung und für Gleichberechtigung, der ist nötig, immer noch und mancherorts immer mehr. Doch eher verdruckst verlaufen die Debatten, wenn Frauen Machtpositionen erreicht haben und daran mal mehr, mal weniger scheitern. Auch das aber sollte Thema sein.
Je mehr Frauen in Machtpositionen kommen, desto mehr von ihnen werden in Kritik geraten. Machtausübung ist ohne Kritik daran nicht zu haben. Und aus den eisigen Höhen der Macht kann jede und jeder plötzlich abstürzen. Außerdem werden Frauen oft noch genauer begutachtet, weil sie anders wirken – in den Sphären der Macht nämlich immer noch ungewohnt.
Wer über Frauen und Macht redet, muss aber auch über die gängigen Vorstellungen von Macht – also auch vom Scheitern – reden. Die Vorstellungen davon wurden in einer männerdominierten Gesellschaft gebildet, und nicht jede dieser Vorstellungen sollte übernommen und weitergepflegt werden.
Im vergangenen Jahr gab es im Bundeskabinett zwei Rücktritte, in beiden Fällen waren es Frauen, Anne Spiegel und Christine Lambrecht. Von den nur vier Ministerpräsidentinnen in Deutschland wird eine ihr Amt wohl bald verlieren, Franziska Giffey aus Berlin. Eine andere, Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern, steht wegen ihres Einsatzes für die Pipeline Nord Stream 2 stark unter Druck.
Außerdem stellte sich im Verlauf des vergangenen Jahres heraus, dass die Bilanz der ersten deutschen Bundeskanzlerin doch durchwachsener ist als gedacht: Angela Merkels Russland- und Klimapolitik bereiten dem Land heute viele Probleme.
Jeder dieser Fälle unterscheidet sich stark von den anderen, doch eine Gemeinsamkeit gibt es leider: Keine der Frauen verhält sich sonderlich selbstkritisch, Schuld wird tendenziell anderen zugeschoben. Dies ist ein herkömmlicher, ein üblicher Umgang mit Macht und Scheitern.
Natürlich müssen Frauen nicht selbstkritischer mit sich selbst umgehen als Männer, warum auch. Doch darum geht es nicht. Der Wunsch wäre vielmehr, dass Angehörige der politischen Klasse insgesamt einen selbstkritischeren Umgang einübten. Selbstkritik offenbart nicht Unsicherheit, sondern Souveränität. Wer auch immer hier vorangehen will, wäre willkommen.
Denn im Feminismus ging und geht es auch darum, den üblichen Umgang mit Macht (und das Scheitern gehört eben oft dazu) zu hinterfragen, zu überprüfen, ob es nicht auch anders. Ob es nicht auch besser geht.
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Hat Wagenknecht genug Geld, um eine eigene Partei zu gründen?
Tut sie es, oder tut sie es nicht? Gründet die einstweilige Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht nun eine eigene Partei oder nicht? Laut einer SPIEGEL-Umfrage läge das Wählerpotenzial vor allem bei der Anhängerschaft von AfD, der Linken – und in Ostdeutschland.
Eine entscheidende Rolle wird die Frage spielen, ob Wagenknecht das nötige Geld für eine Parteigründung einsammeln kann. Nach Einschätzung meines Kollegen Timo Lehmann müsste sie in den kommenden drei Monaten damit beginnen, wenn die Partei zur Europawahl 2024 antreten soll. Für die Demonstration »Aufstand für Frieden« Ende Februar in Berlin, die Wagenknecht gemeinsam mit der Publizisten Alice Schwarzer initiiert hat, sammelte die AliceSchwarzerStiftung Geld. Auf der Plattform GoFundMe kamen dort immerhin 40.000 Euro zusammen. Zusätzlich sammelte Wagenknecht, ebenfalls auf der Plattform, knapp 15.000 Euro.
Für eine Parteigründung und den EU-Wahlkampf bräuchte Wagenknecht aber mehrere Hunderttausend Euro, eher sogar mehr als eine Million. Zum Vergleich: 2014 gaben SPD und CDU jeweils zehn Millionen für ihre EU-Wahlkämpfe aus. In den Genuss der staatlichen Teilfinanzierung für Parteien würde eine Partei Wagenknechts erst nach der Wahl kommen.
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Anschlag auf Nord-Stream-Pipelines: Hinweise auf Täter
Laut der »New York Times« und mehreren deutschen Medien verdichten sich Hinweise, Unterstützer Kiews könnten für den Anschlag auf die Ostseepipelines vom 26. September verantwortlich sein. Kiew bestreitet eine Verwicklung in die Attacke. Noch sei es, den Berichten zufolge, ohnehin zu früh, die Urheberschaft genau zu benennen.
Sollte sich aber der bisherige Verdacht erhärten, könnte das für die Ukraine fatal sein. Allein hierzulande würde sich die Debatte, ob und inwiefern Deutschland der Ukraine militärisch aushelfen soll, weiter verschärfen.
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Wie sinnvoll ist ein Kitastreik am Weltfrauentag?
Heute am internationalen Frauentag soll es im ganzen Bundesgebiet übrigens auch Warnstreiks in den städtischen Kitas geben. Das Datum wird nicht zufällig gewählt sein. Sorgearbeit wird hauptsächlich von Frauen geleistet.
Im Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst, bei dem es um die Beschäftigten von Bund und Kommunen geht, also nicht nur von Kitas, werden sich die Parteien gerade nicht einig. Ver.di und der Beamtenbund dbb fordern für die rund 2,5 Millionen Beschäftigten 10,5 Prozent mehr Einkommen, mindestens aber 500 Euro mehr im Monat. Bei der zweiten Verhandlungsrunde hatte es trotz eines Arbeitgeberangebotes noch keine Annäherung der Tarifparteien gegeben. Die dritte Verhandlungsrunde ist für Ende März angesetzt.
Bei den Kitastreiks geht es laut Ver.di aber auch um bessere Arbeitsbedingungen. »Die sind dringend nötig«, sagt Swantje Unterberg aus dem SPIEGEL-Bildungsteam. Die Erzieherinnen und Erzieher sehen sich an ihrer Belastungsgrenze, bundesweit fehlen Tausende Mitarbeiterinnen.
»Es ist natürlich absehbar, dass die Folgen des Streiks auch vorrangig von Frauen aufgefangen werden müssen«, sagt Swantje – denn auch die Kinderbetreuung wird weiterhin vor allem von Müttern übernommen.
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… steht noch nicht fest. Der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter kürt heute »Miss Ostfriesland«, der Wettbewerb läuft unter dem Motto: »Wer ist die schönste Kuh im ganzen Land?«
Die Schönheitsvorstellungen bei Menschen sind zurzeit widersprüchlich: Einerseits scheinen sich erstaunlich viele auf Schlauchbootlippen und angeklebte Wimpernfächer als unerlässliche Schönheitsmerkmale einigen zu können. Andererseits behauptet die TV-Beauty-Fachkraft Heidi Klum neuerdings, alle könnten schön sein, es gehe um »Diversity« und »Personality«.
Ob es bei Kühen ähnlich ist? Auch sie haben ausgeprägte Lippen und können sehr hübsche Wimpern haben, entscheidend ist bei ihnen sicher auch die »Personality«.
Ich verstehe nichts davon und habe deswegen meinen Kollegen Serafin Reiber aus dem Hauptstadtbüro um Rat gefragt, er ist gelernter Landwirt und klärte mich auf: »Schön ist die Kuh, wenn man ihr die Hörner lässt.« Viele Bauern veröden ihren Kühen die Hornanlagen als Kalb, damit mehr Kühe in den Stall passen. »Kuh ohne Hörner ist wie Mercedes ohne Stern«, sagt mein Kollege.
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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Susanne Beyer, Autorin der Chefredaktion

