News: Nord Stream, Migration, Deutschlandpakt, Joe Biden, Donald Trump, Auto-Streik
Ein Jahr nach der Nord-Stream-Sabotage
Eine abgewetzte Charterjacht mit dem mythischen Namen »Andromeda« steht im Zentrum eines irrwitzigen Thrillers, der vor genau einem Jahr in schweren Explosionen auf dem Grund des Meeres nahe der dänischen Insel Bornholm seinen Höhepunkt fand. Das letzte Kapitel in diesem Krimi fehlt bis heute: die Auflösung.
Wer steckt hinter den Angriffen auf die Nord-Stream-Pipelines? Wer segelte mit der »Andromeda« unbemerkt von Warnemünde quer über die Ostsee und zerstörte am 26. September 2022 drei der vier Röhren der Erdgasleitungen zwischen Russland und Deutschland? Die Russen selbst? Die Amerikaner? Die Ukraine? Oder war es eine False-Flag-Operation, bei der absichtlich Hinweise auf einen anderen Täter gelegt wurden?
Viele Länder ermitteln, alles läuft streng geheim, denn die politischen Implikationen sind gewaltig. War es ein russisches Kommando, könnte die Attacke als kriegerischer Akt gewertet werden – und den Nato-Bündnisfall auslösen. Waren die USA involviert, droht dem transatlantischen Verhältnis schwerer Schaden. Waren es ukrainische Kampftaucher, stellt sich die Frage, was das für die Unterstützung des Landes bei der Verteidigung gegen Russland bedeutet.
Tatsächlich weisen derzeit fast alle Spuren in die Ukraine. Ein Team des SPIEGEL und des ZDF hat diese Spuren recherchiert, ist mit der »Andromeda« die mutmaßliche Route der Täter abgefahren. Die spannende Rekonstruktion der Kolleginnen und Kollegen können Sie hier nachlesen.
Ob die Wahrheit jemals offiziell ans Licht kommt, ist offen. In der Bundesregierung könnten sie womöglich ganz gut damit leben, wenn die Nord-Stream-Saboteure für immer im Dunkeln bleiben. Denn dann muss die unangenehme Frage nach den Konsequenzen nicht beantwortet werden.
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Wer hat die Ostseepipelines gesprengt? Ein SPIEGEL-Original-Podcast
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So stark verdient Russland trotz Sanktionen am Öl: Die russischen Rohöllieferungen und Einnahmen fließen trotz Preisdeckel und anderer Sanktionen weiter. Eine neue Auswertung zeigt, wie das Regime in Moskau besonders verdient.
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Die Willkommenstortur: Ein früherer Pornodarsteller bietet einer jungen Ukrainerin Unterschlupf an, als der Krieg in ihrem Heimatland ausbricht. Sie flieht zu ihm nach Berlin – und der Mann wird offenbar schon am nächsten Tag sexuell übergriffig.
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Legoland? Nein, das ist Kiews farbenfroher Stadtteil »Comfort Town«: In der ukrainischen Hauptstadt malten Architekten ihre Neubauten bunt an und bekamen dafür 2019 einen Architekturpreis. Im Krieg bekam das Viertel bisher nur eine kleine Schramme ab.
Lieber ohne Schaum vor dem Mund
Streit zwischen Regierung und Opposition, Ärger innerhalb der Ampel, Zoff zwischen Bund und Ländern – kein Thema sorgt derzeit für so viel Unruhe in der politischen Landschaft der Republik wie die Migration.
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Die Union versucht, den Kanzler und seine Ampel vor sich herzutreiben. Der wahlkämpfende Bayern-Ministerpräsident Markus Söder hat Horst Seehofers Platte von der Obergrenze wieder aufgelegt, der um Akzeptanz kämpfende CDU-Chef Friedrich Merz will den von Olaf Scholz angebotenen Deutschlandpakt nur schmieden, wenn es darin zuallererst um die Flüchtlingspolitik geht.
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FDP und Grüne giften sich in migrationspolitischen Fragen bisweilen so scharf an, dass man gern mal vergessen kann: Die beiden verbindet ein Koalitionsvertrag. Mal geht es um Grenzkontrollen, mal um sichere Herkunftsländer, mal um die Reformen in der europäischen Asylpolitik.
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Die Bundesländer sind wütend, weil die Bundesregierung ihnen das Geld für die Aufnahme und Versorgung von Geflüchteten zusammenstreichen will. Dabei stöhnen gerade viele Kommunen, sie seien an der Belastungsgrenze angelangt.
Ich weiß, es ist leicht gesagt: Aber es wäre sicher hilfreich, wenn die verantwortlichen Akteure den Schaum vorm Mund abputzten und echten Pragmatismus walten ließen. Schlagworte wie Integrationsgrenze oder Deutschlandpakt mögen für den Moment gut klingen, nach Anpacken und Durchgreifen. In Wahrheit aber lenken sie nur ab vom Bemühen um eine echte Lösung echter Probleme.
Zu befürchten ist, dass erst mal weiter gestritten wird. Zumindest bis zu den Landtagswahlen im Oktober. Wenn heute im Reichstagsgebäude die Fraktionen der Bundestagsparteien zusammenkommen, dann steht das Thema Migration wieder ganz oben auf den Tagesordnungen. Und der nächste Ärger auch.
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Zank in der Ampelkoalition über Migration: Vom »Deutschlandpakt« noch weit entfernt
Kampf um die Gunst der Autoarbeiter
Joe Biden kommt heute nach Michigan, um sich mit den dort streikenden Arbeitern der Autoindustrie zu solidarisieren. Dass ein US-Präsident so offen und eindeutig eine Gewerkschaft unterstützt, deren Mitglieder sich im Ausstand befinden, ist ziemlich ungewöhnlich.
Aber es passt zu Bidens Selbstverständnis als »gewerkschaftsfreundlichster Präsident der amerikanischen Geschichte«. In den vergangenen Jahren konnten sich die drei großen US-Autokonzerne General Motors, Ford und die Chrysler-Mutter Stellantis über zweistellige Milliardengewinne freuen, nun fordert Biden, dass auch die einfachen Arbeiter davon profitieren.
Bei dem Arbeitskampf steht für Biden auch politisch einiges auf dem Spiel. Es geht um Wählerstimmen, gerade in einem Swing State wie Michigan. Je länger der Streik dauert, umso schmerzhafter wird es für die US-Wirtschaft. Dazu kommt: Noch unterstützen die United Auto Workers (UAW), die Autobauergewerkschaft, die Wiederwahl von »Union Joe« 2024 nicht offiziell – auch weil sie befürchten, Bidens Pläne für den Ausbau der E-Mobilität könnten etliche Jobs in der Verbrennerproduktion kosten.
All das weiß natürlich Bidens wahrscheinlichster Konkurrent im Kampf ums Weiße Haus. Donald Trump schwänzt am Mittwoch auch die zweite TV-Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber, stattdessen will auch er sich in Detroit bei den Autoarbeitern anbiedern.
Biden kündigte seinen Besuch an den Streikposten erst an, nachdem Trumps Pläne bekannt geworden waren. Nun ist er vor dem Ex-Präsidenten da – und das ist kein Zufall.
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Gelähmte Wirtschaft: Warum der Streik der Autobauer Joe Bidens Wiederwahl gefährden könnte
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Jetzt muss die CDU das Klima retten: Zum Ende dieses Rekordsommers scheint klar: Die Mission Planetenrettung ist gescheitert. Die Grünen fallen als klimapolitischer Motor aus – warum jetzt nur noch die Union die Wende bringen kann.
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Die Zahl des Tages…
…kommt heute vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Die obersten Datenhüter der Republik geben bekannt, welche Orte sich – gemessen an der Einwohnerzahl – mit dem Titel kleinste und größte Gemeinde Deutschlands schmücken können.
Bei letzterer ist die Sache klar: Berlin ist und bleibt die Stadt, in der die meisten Menschen leben – mehr als 3,5 Millionen.
Bei der kleinsten Gemeinde aber wird es spannend: Im letzten Jahr kürte die Zahlenbehörde das rheinland-pfälzische Dierfeld. Neun Einwohnerinnen und Einwohner, sieben Männer und zwei Frauen, wurden in dem Dorf in der Vulkaneifel gezählt (Stand 31. Dezember 2021). Im Jahr zuvor lag Gröde auf der gleichnamigen Hallig im schleswig-holsteinischen Wattenmeer mit elf Menschen an der Spitze der kleinsten Orte. Davor wiederum teilten sich die jeweils zehn Einwohner von Dierfeld und Gröde den Titel.
Und jetzt? Dierfeld oder Gröde? Ein Zu- oder Wegzug, ein Neugeborenes, ein Todesfall können entscheiden.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
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Faeser plant stationäre Kontrollen an den Grenzen zu Polen und Tschechien: Nicht mehr nur Schleierfahndung: Die Bundesinnenministerin will stationäre Grenzkontrollen zu Tschechien und Polen einrichten lassen. Auch andere Länder setzten auf verstärkte Kontrollen.
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Heizkosten stiegen 2022 um bis zu 81 Prozent: Im Energiekrisenjahr 2022 ist das Heizen massiv teurer geworden. Das zeigt eine Auswertung Hunderttausender Kostenabrechnungen. Auch im laufenden Jahr liegen die Preise weit über Vorkrisenniveau.
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»Es ist hart für die Person mit der Diagnose, es ist auch hart für die Familie«: Hollywoodschauspieler Bruce Willis leidet an Demenz. Nun hat seine Frau Emma Heming Willis im Fernsehen über die Krankheit gesprochen – und darüber, dass die Diagnose Fluch und Segen zugleich gewesen sei.
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»In unserem Dorf gab es nur zwei Häuser mit Spülklosett«: Theo Waigel wuchs als Bauernsohn auf und brachte es bis zum Bundesfinanzminister. Im Interview spricht er über sein Verhältnis zum Geld, eine seltsame Theateraufführung in München – und seinen Nachfolger Christian Lindner.
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Warum vergeht die Zeit im Alter schneller? Je älter man wird, desto schneller verfliegt die Zeit, sagen viele. Hier erklärt eine Expertin, wie man sich mehr Lebenszeit schenkt.
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Vom anderen Stern: Der Guide Michelin will mit einer neuen Auszeichnung mehr Nachhaltigkeit in die weltweite Gastrobranche bringen. Doch bei manchen Spitzenköchen sorgt der Grüne Stern für Verwirrung.
Kommen Sie gut in den Tag.
Herzlich
Ihr Philipp Wittrock, Chef vom Dienst in Los Angeles

