News: Jewgenij Prigoschin, Sergej Schoigu Ukraine-Krieg, Luftwaffe, Ingo Gerhartz
Machtkampf der Militärs eskaliert
Ein bemerkenswerter Subplot des Angriffs der Russen auf die Ukraine war bislang der Machtkampf zwischen Söldner-Boss Jewgenij Prigoschin auf der einen Seite und der Militärführung in Moskau um Verteidigungsminister Sergej Schoigu auf der anderen Seite. Nun sieht es so aus, als würde daraus ein Hauptplot.
Der Konflikt scheint zu eskalieren. Die Ereignisse in Russland überschlagen sich. Prigoschin hat in den letzten Stunden seine Verbalattacken gegen die Militärführung via Telegram immer weiter verschärft. Möglicherweise wird auch schon scharf geschossen.
Unter anderem warf er der Militärführung vor, seine Truppen angegriffen zu haben. Über den Telegram-Kanal der Wagner-Gruppe wurden Bilder eines brennenden Militärlagers in einem Wald gezeigt, es waren auch tote Soldaten zu sehen. Prigoschin kündigte in einer Wutrede an, auf die Angriffe zu antworten und »das Böse« zu stoppen – gemeint ist wohl die Militärführung. Er rief die Russen auf, sich seinen »25.000« Kämpfern anzuschließen. Die Rede ist auch von einem »Marsch für Gerechtigkeit«, das klingt sehr nach einem Putschversuch. In Moskau wurden die Sicherheitsvorkehrungen Medienberichten zufolge verschärft.
Das Militär bestreitet die Vorwürfe. Der russische Geheimdienst und die Staatsanwaltschaft sollen Ermittlungen gegen Prigoschin wegen eines »bewaffneten Aufstands« eingeleitet haben. Aus dem Kreml hieß es, Präsidentin Wladimir Putin sei über den Fall informiert.
Was denn sonst? Vor Putins Augen scheint das blanke Chaos auszubrechen. Lange hat der Kremlchef bei dem Konflikt zwischen seinen Militärs um Schoigu und Prigoschin zugesehen. Er ließ es laufen. Dabei folgte er dem alten Motto divide et impera. Doch nun wird offenbar die Entscheidung gesucht. Klar ist: Am Ende wird – wie häufig im Mafia-Staat Russland – auf jeden Fall jemand tot im Graben liegen.
Bemerkenswert ist, dass Prigoschin seine Attacken in den vergangenen Stunden indirekt auch gegen Putin gerichtet hat. Ihm werden schon lange Ambitionen auf den Chefsessel des Präsidenten nachgesagt. Vor allem räumte Prigoschin mit einer der wichtigsten Propagandaerzählungen Putins auf, mit der dieser bisher seinen völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine rechtfertigt.
»Die Ukraine und Nato wollten Russland vor dem Krieg nicht angreifen«, sagt Prigoschin in einem Video. Es habe vor dem 24. Februar 2022, dem Beginn der russischen Invasion, keinerlei »verrückte Aggressionen« vonseiten Kiews gegeben, nur jene Art Scharmützel in der Ostukraine, wie sie dort seit 2014 geschehen. Mit diesen Worten dürfte der Wagner-Chef vermutlich auch beim Kremlchef jede Unterstützung verloren haben.
Für die Ukraine ist das Chaos derweil ein Vorteil: Kiew kann kaum etwas Besseres passieren, als dass sich die russischen Militär-Oligarchen und Putin gegenseitig zerfleischen. So haben sie weniger Zeit, sich um den Krieg zu kümmern.
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Angebliche Nato-Bedrohung: Prigoschin widerspricht wichtiger Propagandaerzählung des Kreml
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Wagner-Söldner sollen in russische Stadt Rostow eingerückt sein: Kämpfer der Söldnertruppe Wagner kommen aus der Ukraine zurück nach Russland. Chef Prigoschin droht im Machtkampf mit dem russischen Militär, seine Kämpfer seien bereit, jeden zu »vernichten«.
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Russischer Geheimdienst ermittelt gegen Wagner-Chef Prigoschin: Der Machtkampf zwischen Jewgenij Prigoschin und Russlands Militärführung eskaliert: Der Wagner-Chef wirft Moskau vor, seine Kämpfer bombardiert zu haben. Er kündigt an, »das Böse« »stoppen« zu wollen. Nun reagiert der FSB.
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Das ist Putins ultimative Erpressung: Die Ukraine warnt davor, dass Russland das Atomkraftwerk Saporischschja in die Luft sprengen könnte. Der Kreml würde damit von ihm besetztes Land verseuchen – und ein wichtiges Druckmittel aus der Hand geben.
Sorge um das AKW Saporischschja
Was hat Russland am Atomkraftwerk Saporischschja vor? Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wiederholt seit Tagen den Vorwurf, dass Moskau in dem Atomkraftwerk einen Anschlag plane, den es dann zynisch als Katastrophe tarnen wolle.
Auch in den USA sind sie alarmiert. Zwei wichtige US-Senatoren, der Demokrat Richard Blumenthal und der Republikaner Lindsey Graham, warnen vor dem möglichen Einsatz von Atomwaffen durch Moskau.
Die beiden Politiker beunruhigt neben der unübersichtlichen Lage an dem AKW, dass Russland taktische Nuklearwaffen nach Belarus verlagert. Sie fordern, dass die US-Regierung den möglichen Einsatz solcher Waffen durch Moskau in der Ukraine als Angriff auf die Nato werten sollte – was ein Eingreifen des Bündnisses in den Konflikt zur Folge hätte.
Die Senatoren wollen ihre Forderung als Resolution in den Senat einbringen. Sie wäre für US-Präsident Joe Biden und seine Militärs nicht unbedingt bindend, doch niemand zweifelt in Washington daran, dass die US-Regierung in dieser Sache eine ähnliche Position vertritt wie die Senatoren. Der Einsatz von Atomwaffen ist für Biden eine rote Linie, die Putin nicht überschreiten sollte.
Es gehe ihnen nicht darum, einen großen Krieg auszulösen, sondern Russland abzuschrecken, machten die Senatoren deutlich. Ihre Warnung an Putin und vor allem an Russlands Militärs ist unmissverständlich: Der Einsatz von Nuklearwaffen würde zur Zerstörung des russischen Militärs durch Nato-Truppen führen, ist der Demokrat Blumenthal überzeugt.
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Luxus Urlaub
Es ist bedauerlich, dass uns auch zu diesem Sommerwochenende wieder Kriegsnachrichten und Schreckensszenarien für die Ukraine beschäftigen. Üblicherweise würde es sich deshalb anbieten, ein wenig Ablenkung zu suchen, zum Beispiel mit einer Urlaubsreise in den Süden. Aber so richtig viel Freude will derzeit auch da bei vielen Deutschen nicht aufkommen – zumindest nicht beim Blick auf die Preise.
Ein Team von SPIEGEL-Kolleginnen und -Kollegen hat für einen großen Report recherchiert, wie sich Urlaubsreisen für die Deutschen in den vergangenen Monaten und Jahren verteuert haben. 375 Euro für ein Hotelzimmer in Italien, der Aperol Spritz für 12 Euro, eine Woche in der Ferienwohnung in Dänemark für 3100 Euro, Urlaub ist zum Luxus geworden. Selbst für Stellplätze auf dem Campingplatz werden inzwischen Wucherpreise aufgerufen.
Da bleibt man doch lieber gleich zu Hause, oder nicht? In diesem Fall rate ich, zumindest einige Tage Urlaub vom Handy zu machen. Das ist billig.
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Beginn der Feriensaison: Luxus Urlaub – können nur noch Reiche reisen?
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Gewinner des Tages…
…ist der Chef der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz. Der ausgebildete Kampfflieger hat mit seinem Team in den vergangenen 14 Tagen für das Ansehen Deutschlands in der Nato wahrscheinlich mehr getan als so mancher Verteidigungsminister der vergangenen zwei Jahrzehnte.
Die Übung »Air Defender«, bei der die Nato über deutschem Luftraum ihre Einsatzbereitschaft erprobte, wurde unter seiner Regie zu einem Erfolg. Wichtig war vor allem die Symbolwirkung der Übung. Gegenüber Russland demonstrierte die Nato ihre Stärke. Und die Deutschen, die seit Jahren im Bündnis stets als Zögerer und Zauderer galten, haben mit der Initiative bewiesen, dass sie es wirklich ernst meinen mit ihrem Bekenntnis zur Nato. Da sagt man dann wohl: Mission erfüllt.
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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Roland Nelles, US-Korrespondent

