Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

News des Tages: Corona-Impfungen, Julian Assange, Donald Trump

January 04
22:41 2021

1. Mit klarem Kopf in die Impf-Warteschlange

Natürlich gibt es gute Argumente dafür, dass sich viele Menschen gerade schrecklich aufregen über angeblich nicht rechtzeitig gelieferte Impfstoffe und das zögerliche Anlaufen des Impfens in Deutschland überhaupt – die täglich gemeldeten Zahlen von Corona-Neuinfektionen und am Virus Gestorbenen zum Beispiel. Ich habe am Wochenende mit einem befreundeten Arzt telefoniert, der an einem Klinikum in Süddeutschland viele ältere Risikopatienten behandelt. Aus diesem Grund gehörte er zu den ersten Medizinern, die sich in seinem Haus den Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer spritzen lassen durften. Er sprach von seiner Erleichterung darüber, dass der Impfstoff ihn höchstwahrscheinlich in einigen Tagen schützen werde. So könne er weitgehend ohne Angst vor Ansteckung arbeiten. Und er sagte, dass er die aktuelle Empörung mancher Menschen über vorgebliche Fehler der Politik beim Bestellen und Verteilen der Impfungen für stark übertrieben halte: »Ich finde, alle Verantwortlichen bemühen sich redlich darum, dass wir bald in ganz Deutschland ausreichend Impfstoff haben werden«, sagte mein Medizinerfreund.

Einen ähnlichen Eindruck hat auch unser Kolumnist Nikolaus Blome, der mit seinen Ansichten oft provoziert, heute aber äußerst gelassen und überzeugend mit Zahlen argumentiert. »Es ist gewiss ärgerlich, dass Deutschland aktuell womöglich langsamer impft als andere Staaten und mancherorts der Nachschub nicht in den erhofft üppigen Mengen ankommt«, schreibt Blome. »Aber wenn die Bundesregierung nicht gelogen hat, waren am Jahresende rund 1,3 Millionen Impfdosen an die Bundesländer ausgeliefert, doch mit Stand Sonntag, 3.1., erst knapp 240.000 davon verbraucht.« Es sehe nicht so aus, als würde in ganz Deutschland massiv Impfstoff fehlen, »die beklagten Verzögerungen müssten rasch aufzuholen sein.« Statt sich über die Politik insgesamt, die EU oder den Bundesgesundheitsminister zu empören, sollten sich die Deutschen auf eine Ent-Emotionalisierung der Impfdebatte besinnen und sich der Propaganda irrationaler Impfgegner mit klarem Kopf entgegenstellen. »Erst impfen, dann feiern«, steht auf einem Zettel, den der Kolumnist Blome an einer Veranstaltungstafel vor der Berliner Columbiahalle entdeckt hat. Die Halle, in der sonst oft Konzerte stattfinden, ist jetzt ein Impfzentrum.

  • Die Kolumne von Nikolaus Blome: Die große Angst vorm Impfen

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

2. Julian Assange darf hoffen – vorerst

Seit vielen Monaten ist Julian Assange, der in Australien geborene Mitbegründer der Whistleblowing-Plattform WikiLeaks, im Belmarsh-Gefängnis am Rande von London inhaftiert, einem Hochsicherheitsgefängnis, in dem auch Mörder und Terroristen eingesperrt sind. Nun hat eine Londoner Richterin entschieden, dass der 49-Jährige nicht aus Großbritannien in die USA ausgeliefert werden soll. Die US-Behörden haben aber bereits angekündigt, dass sie gegen die Entscheidung Berufung einlegen werden.

Man muss den Menschen Assange nicht unbedingt sympathisch finden. Vorgeworfen wird ihm unter anderem die Beteiligung am Verrat US-amerikanischer Staatsgeheimnisse, aber auch eine auf Hillary Clinton gezielte Desinformationskampagne, die Donald Trump 2016 zum Wahlsieg verholfen haben könnte. Ich habe Assange unter anderem bei einer Theateraufführung in Hamburg erlebt, bei der er in Videoeinspielungen aus seinem Exil in der Londoner Botschaft Ecuadors zu sehen war. Damals und auch in diversen Dokumentationen über ihn machte er einen sowohl seelisch als auch körperlich zerrütteten Eindruck. »Ich glaube an den Menschen, ich glaube an seine Vernunft! Ohne diesen Glauben würde ich nicht die Kraft haben, am Morgen aus meinem Bett aufzustehen«, sagt der Titelheld in Bertolt Brechts »Leben des Galilei«. Offenbar hatte Assange zwischenzeitlich den Glauben an die Kraft der Vernunft nahezu verloren.

Der Kollege Michael Sontheimer analysiert das Londoner Urteil. Er sagt: »Am Mittwoch könnte der WikiLeaks-Gründer frei sein. Doch die fast sieben Jahre Asyl in der ecuadorianischen Botschaft und bald zwei Jahre im Hochsicherheitsgefängnis haben ihre Spuren hinterlassen.« Assange sei »erschöpft und deprimiert«. Immerhin, so Michael: »Zu Hause warten seine Verlobte Stella Moris und seine beiden kleinen Söhne auf ihn.«

  • WikiLeaks-Gründer wird nicht ausgeliefert: Richterin sieht bei Assange Suizidgefahr

3. Trump ist immer noch zum Fürchten

Wie viele andere Menschen habe ich in den vergangenen Wochen eher amüsiert-fassungslos als ernsthaft besorgt um die Zukunft der amerikanischen Demokratie verfolgt, wie sich der abgewählte US-Präsident Donald Trump der Realität und dem Eingeständnis seiner Wahlniederlage verweigert. Dass nun alle zehn noch lebenden ehemaligen US-Verteidigungsminister Trump dazu aufgerufen haben, das Wahlergebnis zu respektieren und bitte nicht das Militär für seine Zwecke einzusetzen, empfinde ich aber doch als stark beunruhigend. Unter den – offensichtlich aus tatsächlich empfundener Not – vereinten Autoren des Appells sind so umstrittene ehemalige Minister wie Donald Rumsfeld und Dick Cheney, denen ihrerseits viele Kritikerinnen und Kritiker moralisch bedenkliche Umtriebe in ihrer Vergangenheit ankreiden.

Ein bisschen erinnert die aktuelle Konstellation in den USA an Stanley Kubricks berühmten Film »Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben« aus dem Jahr 1964. Nur sind es bei Kubrick die Militärs, die sich über alle Gesetze und ethischen Grundsätze hinwegzusetzen anschicken – und der von Peter Sellers gespielte amerikanische Präsident tut sein Bestes, um einen besonders durchgeknallten Soldaten in Zaum zu halten. In der Realität heißt es in dem an Trump gerichteten Text der Ex-Minister: »Die US-Streitkräfte in die Lösung von Wahlstreitigkeiten einzubeziehen, würde uns in gefährliches, ungesetzliches und verfassungswidriges Gebiet führen.«

  • Nach verlorener Wahl: Ehemalige US-Verteidigungsminister warnen Trump vor Missbrauch des Militärs

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Iran setzt südkoreanischen Öltanker in der Straße von Hormus fest: In der Straße von Hormus hatte Iran bereits ein britisches Frachtschiff beschlagnahmt. Nun haben Sicherheitskräfte einen südkoreanischen Tanker gestoppt – wegen angeblicher Umweltvergehen.

  • Mutmaßliche Anschlagsserie – Sprengsatz detoniert vor polnischem Supermarkt: Es ist bereits der vierte Anschlag dieser Art binnen wenigen Wochen: Unbekannte haben im niederländischen Tilburg einen Supermarkt mit polnischen Waren mit einem Sprengsatz schwer beschädigt.

  • Svensson wird neuer Trainer in Mainz: Bo Svensson soll den FSV Mainz 05 als neuer Cheftrainer aus der Krise führen, das hat der Klub bekannt gegeben. Der Däne war bis 2019 bereits Jugendcoach beim Tabellenvorletzten.

  • Schauspielerin Tanya Roberts ist tot: Sie war Bond-Girl an der Seite von Roger Moore, einer von Charlies Engeln und die gutherzige Nachbarin Midge aus »Die wilden Siebziger«. Nun ist Tanya Roberts gestorben.

  • Auch nach Jahren nicht abgeholt – gewaltiger Lottogewinn verfällt: die Summe: 11,3 Millionen Euro. Der oder die Glückliche: unbekannt. In Baden-Württemberg wird ein Lottogewinn aus dem Jahr 2017 nicht ausbezahlt. Warum das Geld nie abgeholt wurde, bleibt ein Rätsel.

Meine Lieblingsgeschichte heute:

Der Kollege Nils Minkmar, den ich als klugen Kopf in kulturkritischen und politischen Fragen schätze, beschäftigt sich im Text »Kapuzenpulli statt Hemd und Bluse. Wie uns das Homeoffice verändert« mit topaktuellen, nur scheinbar unwichtigen Modegewohnheiten. Viele Menschen, die im Homeoffice arbeiten, auch ich, haben sich an eher lockere Kleidung im täglichen Arbeitsstress gewöhnt. Nils beschreibt, dass das Verwischen von privater und öffentlicher Sphäre bewusstseinsverändernd wirkt – nicht unbedingt mit erfreulichen Ergebnissen. Dazu erzählt er eine herrlich lehrreiche Geschichte aus dem Kulturbetrieb. »Als Marcel Reich-Ranicki als freier Literaturkritiker arbeitete«, schreibt Nils, »begann er seinen Arbeitstag in seiner Wohnung immer mit dem Binden der Krawatte, auch wenn seine Gesellschaft ausschließlich aus Büchern bestand. Nun begann der Arbeitstag, die stille Verfertigung der Kritik in einem öffentlichen Aufzug. Die Krawatte markierte für ihn, wo die private Sphäre endet und die öffentliche beginnt.

Reich-Ranicki war ein Vorreiter, denn er nutzte ein Homeoffice, aber er kleidete sich nicht so.« Ab morgen setze ich mich vielleicht mal wieder im Jackett an den Computer.

  • Kapuzenpulli statt Hemd und Bluse: Wie uns das Homeoffice verändert

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Ich wurde schon alles Mögliche genannt: ›Trottel‹, ›Stück Scheiße‹«: Steffen Korell, Bürgermeister aus Gersfeld in der Rhön, klagt über den Massenansturm von Schneetouristen: Einige halten keinen Abstand, pinkeln in Vorgärten. Wie gehen die Einheimischen damit um?

  • »Homeoffice hindert Frauen am Karrieremachen«: Jutta Allmendinger sagt, die Krise werfe Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurück. Nun fordert sie ein anderes Elternzeitmodell.

  • »Als könne Deutschland die Weltprobleme lösen«: Der Historiker wundert sich über das Sendungsbewusstsein der Deutschen und weist dem Protestantismus eine maßgebliche Rolle bei der Moralisierung der Politik zu. Wie kommt er darauf?

Was heute nicht so wichtig ist

  • Der Musiker Gerry Marsden ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Dass Marsden jetzt vor allem als Erfinder der Fußballhymne »You'll never walk alone« gefeiert wird, empfinde ich als ein wenig ungerecht. Er war mit seiner Band Gerry and the Pacemakers, die schon im Jahr 1959 zusammenfand, eine großer britischer Popheld der Sechzigerjahre, zeitweise fast so angehimmelt wie John Lennon und Paul McCartney. Angeblich nahm der als Beatles-Manager berühmt gewordene Brian Epstein Marsden als zweiten Künstler überhaupt unter Vertrag. Ich verehre Marsden vor allem als Sänger und Autor der Hits »Ferry Cross The Mersey« und »Don't Let the Sun Catch You Crying«. Beide kann man sentimental oder sogar kitschig finden. Für mich sind sie nicht bloß der Inbegriff des sogenannten Merseybeat, sondern wunderbare, zeitlose Sehnsuchtsgesänge, deretwegen ich bei jedem Anhören eigentlich sofort die Koffer packen und nach Großbritannien reisen möchte.
    Zum Tod von Gerry Marsden: Wie »You'll Never Walk Alone« zur Fußball-Universalhymne wurde

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Das abgelegene Areal am Golf von Mexiko könnte neben den Weltraumbahnöfen Cape Canaveral (US-Bundesstaat Florida) und Vandenberg (US-Bundesstaat Kalifornien) der dritte Startplatz der wiederverwendbaren Falcon-Raketen der Firma werden.«

Cartoon des Tages: Der Impfstart

Und heute Abend?

In der Arte-Mediathek ist nur noch heute »Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki« abrufbar. Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen erzählt in diesem vielfach preisgekrönten Schwarz-Weiß-Film aus dem Jahr 2016 eine hinreißende Boxer- und Liebesgeschichte, die Anfang der Sechzigerjahre spielt und nahezu wahr ist. Meine Kollegin Hannah Pilarczyk fand zwar, man sollte diesen Film nur im Kino sehen. Aber wegen der Zeitumstände darf man das Werk, das Hannah einen »wunderbaren Film über Liebe, Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung« nennt, hoffentlich ausnahmsweise auch zu Hause gucken.

  • Filmrezension: Auf die Fresse und mitten ins Herz

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Neueste Beiträge

18:06 Diesellieferungen umgelenkt: Tanker auf dem Weg nach Europa drehen plötzlich ab

0 comment Read Full Article