München wird turbulent: US-Vertreter lehnt “alles ab, was ich gehört habe”
Politik
München wird turbulentUS-Vertreter lehnt "alles ab, was ich gehört habe"
09.02.2026, 19:43 Uhr
Von Frauke NiemeyerArtikel anhören(07:11 min)00:00 / 07:11
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Sicherheitskonferenz-Chef Ischinger lädt zum Kickoff: Sein heute vorgestellter MSC-Report warnt vor einer Zerstörung der Weltordnung, der Nato-Botschafter der USA widerspricht rigoros, dafür "hat Wolfgang mich eingeladen".
Die Europäer haben den Schuss gehört. Das wäre eine wünschenswerte Bilanz des kommenden Wochenendes in München aus Sicht von Wolfgang Ischinger, dem Chef der Sicherheitskonferenz (MSC). Knallen dürfte es ziemlich laut von Freitag bis Sonntag, wenn Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, Sicherheitsexpertinnen und hochrangige Militärs im Bayerischen Hof die immer fragilere Weltlage diskutieren.
Der heute erschienene Sicherheitsreport von MSC-Expertinnen und Experten attestiert der Welt aktuell eine Lage, in der die USA als Jahrzehnte lang wichtigste und prägendste Verteidiger der Internationalen Ordnung diese nun aktiv zurückbauen. Der "einstige Stabilisator des Systems" werde unter US-Präsident Donald Trump zunehmend "zum Irritationsfaktor".
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Das ausgerechnet in einer aufziehenden "Ära der Großmachtrivialität", so analysiert die MSC mit Blick auf Russland und China, in der westliche Partnerschaften und die Nato als Verteidigungsbündnis "eigentlich Amerikas größte Stärke sein könnten".
"Woher kommt diese Lust an der Zerstörung?", fragen die MSC-Autoren in ihrem Report mit dem alarmierenden Titel Under destruction, also "in Zerstörung". Sie sehen die Antwort dort, wo bestehende politische Systeme sowohl national als auch international nicht mehr gut funktionieren und "für große Teile der Bevölkerung keine Verbesserungen mehr liefern".
In vielen G7-Staaten, darunter Frankreich, Großbritannien und Deutschland, befürchten demnach absolute Mehrheiten von Bürgerinnen und Bürgern von der aktuellen Politik negative Auswirkungen auf künftige Generationen. Dabei gehe es nicht nur um Gefühl, dass sich das eigene Leben nicht verbessert, sondern um den "Verlust des Vertrauens, dass Reformen und politische Kurskorrekturen überhaupt noch möglich" sind. Auf diesem Boden rekrutieren "die Trumps und Mileis dieser Welt ihre Anhänger" und die Kettensäge werde zum Symbol einer Politik der Freiheit.
Kettensäge als Freiheitssysmbol
Doch die MSC wäre nicht die MSC, wenn Wolfgang Ischinger nicht gemäß den "Münchner Regeln" die erhobenen Analysen und Erkenntnisse direkt zur kontroversen Debatte stellen würde. Weder Statements noch Sonntagsreden sind erwünscht, sondern lebendige Kontroverse. Nur eine Stunde nach Veröffentlichung des Reports gibt es darum harschen Widerspruch von amerikanischer Seite. Ischinger hat Matthew Whitaker auf ein Panel in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin geladen, den Botschafter der USA bei der Nato und einen erklärten Vertreter von Trumps Bewegung "Make America great again" (MAGA).
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Whitaker beginnt seinen Kommentar des MSC-Reports damit, er lehne "komplett alles ab", was er gerade gehört habe. Er hasse es, sofort den schwarzen Hut aufzusetzen und kämpferisch zu sein, sagt Whitaker. "Aber ich weiß, das erwartet Wolfgang von mir. Deshalb hat er mich eingeladen." Ob Whitaker in seiner politischen Analyse richtig liegt, daran werden viele Zuhörer ein Fragezeichen machen. Aber mit dieser Feststellung trifft er den Nagel wohl auf den Kopf.
Er sehe keine "world under destruction" sagt der Amerikaner mit Blick auf den MSC-Titel. "Als erstes, wir versuchen nicht, die Nato zu demontieren." Die Übereinkunft, fünf Prozent der Wirtschaftskraft in Verteidigung zu investieren, mache die Nato stärker. Trump versuche lediglich, die finanzielle Belastung von amerikanischen Steuerzahlern weg auf die Europäer zu verlagern. Es gehe um Balance und darum, dass die europäischen Verbündeten mehr tun, fähig und stark werden, denn "es ist Stärke, die Frieden garantiert".
Trump findet das "nicht fair"
Arancha Gonzalez Laya, ehemals spanische Außenministerin, sieht in dieser Politik ein Risiko für die USA: Wenn die Kalkulation sich verändere, tue sie das auch in Europa. Europa würde mehr in eigene Verteidigungsindustrie investieren wollen, autonomer werden. "Das sehen wir in diesem Land", entgegnet sie dem MAGA-Mann. Bislang investierten die EU-Länder laut Studien mehr als 60 Prozent ihrer Rüstungsausgaben in Produkte aus den USA. Das dürfte sich künftig ändern.
Dabei will Trump ja vor allem auch die US-Handelsbilanz verbessern. Da habe der US-Präsident festgestellt, so Whitaker, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Handelsvereinbarungen zwischen Europa und den USA "nicht fair gewesen" seien. Die ganze Philosophie, dass Europa Zeit brauchte für den Wiederaufbau. "Sie können keine amerikanischen Autos in Europa verkaufen", keine landwirtschaftlichen Produkte. "Wir werden das abreißen und etwas neues aufbauen, das gerecht ist", sagt Whitaker. Für alle Zeit, "wir wollen fundamentale Veränderungen".
Grönland – als drittes Thema – könne sich, wenn es mal "Mikrostaat" mit 50.000 Einwohnern werde, nicht selbst verteidigen. So könne es unter Einfluss von China oder Russland geraten. Die Chinesen hätten schon zweimal versucht, an Abbaurechte für kritische Mineralien zu kommen – durch Investitionen in Häfen und den Flughafen. "Wir versuchen, all diese Probleme zu lösen."
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Erst auf die Frage, ob man für die Lösungen dieser durchaus existierenden Probleme die territoriale Integrität eines Landes beschädigen müsse, wird Whitaker etwas kleinlauter. Er habe in Trumps erster Amtszeit gelernt, auf jeden Trumpschen Social Media-Post zu reagieren, wäre ein Vollzeit-Job. In Trumps Buch sei nachzulesen, wie er solche Situationen händle und in Bewegung bringe.
Eine ziemlich muntere Diskussion, die da auf Grundlage des MSC-Reports zur Mittagsstunde in Berlin geführt wird. Sie weckt Lust und zeigt zugleich die Notwendigkeit, dass es genauso kontrovers in München am Freitag weitergeht. Denn kaum etwas wäre dieser Tage trügerischer und riskanter, als sich gegenseitig in Analysen und Meinungen zu bestätigen. In dem Fall hätten die Europäischen Staaten auch nach drei Tagen MSC den Schuss noch immer nicht gehört.

