Militärexperte sieht Chancen für Erfolg der ukrainischen Gegenoffensive
Zwei Monate nach Beginn der ukrainischen Gegenoffensive sieht der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) realistische Chancen für einen Erfolg der Ukraine. »Wenn die Ukrainer es schaffen, durch die erste russische Verteidigungslinie zu kommen, wird die Offensive erfolgreich sein«, sagte Mölling den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Samstag.
Es würde reichen, wenn die Truppen »bis zu den quer verlaufenden Versorgungslinien auf Eisenbahn und Straße in Richtung Melitopol vorstoßen«, sagte Mölling. »Dann könnten sie das ganze Gebiet bis zum Asowschen Meer mit Artillerie und Raketenartillerie beschießen. Das Terrain wäre dann für die Russen nicht mehr zu verteidigen«, fügte er hinzu.
Die »Hauptphase der Offensive« habe noch nicht begonnen, betonte Mölling, die Ukrainer testeten noch »das vorsichtige Vorrücken«. Der Militärexperte hält es sogar für möglich, dass die ukrainischen Truppen alle besetzten Gebiete einschließlich der bereits 2014 annektierten Krim befreien. »Es reicht, wenn sie sich so gut aufstellen, dass es für die Russen nicht mehr möglich ist, den Süden zu halten. Dann müssen sie abziehen«, sagte Mölling. »Dieser Krieg kann ohne eine Entscheidungsschlacht entschieden werden. Es braucht kein Ende wie in einem Hollywood-Film.«
Falsche Erwartungen im Westen – und »Unbedarftheit« der Entscheider
Laut Mölling geht die Offensive »langsam, aber sicher« voran. Im Westen habe es die falsche Erwartung gegeben, dass die ukrainischen Truppen innerhalb kürzester Zeit bis zum Asowschen Meer vordringen können, sagte er. »Dies war nicht möglich, da der Westen nicht ausreichend die nötigen Waffen geliefert hat.« Dies zeige die »Unbedarftheit westlicher – auch deutscher – Entscheidungsträger in Politik und Regierung«.
Die Ukraine brauche mehr von allen bislang gelieferten westlichen Waffensystemen sowie Raketen mit größerer Reichweite, fügte Mölling hinzu und kritisierte, Deutschland habe bislang immer zu spät geliefert.
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Eine ausführliche Analyse der Gegenoffensive und ihrer Probleme finden Sie hier: Angreifen ist komplexer als Verteidigen – warum Kiews Offensive stockt
Andere Fachleute sehen die Lage nicht ganz so optimistisch wie Mölling: Brigadegeneral Christian Freuding etwa sagt den ukrainischen Streitkräften bei ihrer Gegenoffensive weitere schwere Kämpfe voraus. »Man muss ja nur mal auf die Karte blicken und da haben wir ein Kräfteverhältnis von ungefähr eins zu eins. Und eine neun Monate lang vorbereitete Verteidigung mit starken Geländeverstärkungen und seit einem halben Jahr vorbereiteten Minensperren. Das ist Realität«, sagte der Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium.
Für Vorstöße müsse eine örtlich und zeitlich begrenzte klare Kräfteüberlegenheit erzeugt werden. »Und das begründet auch das sehr vorsichtige, um es unmilitärisch auszudrücken, tastende Vorgehen der Ukrainer, diese Stelle zu finden. Und das ist schwierig genug«, sagte der Offizier, der auch die militärische Hilfe Deutschlands für die Ukraine koordiniert.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach in seiner allabendlichen Ansprache zuletzt von schweren Kämpfe im Osten und Süden des Landes. »Die Besatzer versuchen mit aller Kraft, unsere Jungs aufzuhalten«, sagte Selenskyj in dem Video auf seinem Telegram-Kanal. »Die Angriffe sind sehr brutal.«

