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Migration in die USA: »Ich will mit meiner Mama zusammen sein«

April 27
19:16 2021
Diese Mutter aus Nicaragua versucht mit ihrer Tochter in die USA auszuwandern. Sie haben es bis nach Texas geschafft – viele bleiben in Mexiko hängen Bild vergrößern

Diese Mutter aus Nicaragua versucht mit ihrer Tochter in die USA auszuwandern. Sie haben es bis nach Texas geschafft – viele bleiben in Mexiko hängen

Foto: John Moore / Getty Images

Es ist ein trauriger Ort, einer, an dem die Träume von Kindern zerplatzen. Die Unterkunft Noemi Alvarez Quillay für unbegleitete minderjährige Migranten liegt in der Innenstadt von Ciudad Juárez, nahe der Grenze zu den USA, ein unscheinbarer, flacher Betonbau mit vergitterten Fenstern. Mehr als 100 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 3 und 16 Jahren harren derzeit hier aus. Die Eltern von vielen von ihnen sind bereits in den USA.

Die Krise an der mexikanisch-amerikanischen Grenze spitzte sich in den vergangenen Monaten immer weiter zu.Hunderte Kinder aus Lateinamerika kommen derzeit täglich in Mexiko an. Allein im März griff der US-Grenzschutz 19.000 unbegleitete Minderjährige auf amerikanischem Boden auf – mehr als je zuvor in einem Monat. Die Auffanglager in den USA sind überfüllt. Doch wer es über die Grenze schafft, hat zumindest die Hoffnung auf ein neues Leben: Unbegleitete Minderjährige werden derzeit von US-Seite aus nicht sofort abgeschoben.

Anders sieht es aus, wenn Kinder mit ihren Elternin den USA ankommen. Dann wird die Familie im Rahmen einer Verordnung des Seuchenschutzes, die unter Ex-Präsident Donald Trump erlassen worden war, oft binnen wenigen Stunden zurück nach Mexiko transportiert – ohne Asyl beantragen zu können. Das führt dazu, dass viele Eltern sich inzwischen vor der Grenze von ihren Kindern trennen und sie allein losschicken.

Doch auch das ist keine Garantie: Wenn die Kinder noch auf der mexikanischen Seite von Einsatzkräften gefasst werden – oft passiert das in letzter Minute, knapp vor dem Ziel – landen sie unter anderem in dieser Unterkunft in Ciudad Juárez. Auf die allermeisten Kinder hier wartet nun die Abschiebung zurück in ihre Heimat.

»Sie sind sehr stark. Ihnen ist nicht bewusst, was für eine gefährliche Reise sie auf sich genommen haben«, sagt Claudia Villalobos, Psychologin in der Unterkunft. In gewisser Weise schütze das die Kinder vor Traumatisierungen. »Was ihnen wirklich zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass die Chance verstrichen ist, dass sie es nicht geschafft haben. Sie fühlen sich als Versager.«

Bis zur Abschiebung der Kinder können Monate vergehen, während dieser Zeit dürfen sie das Gelände nicht verlassen und gehen nicht zur Schule. Es gibt Angebote wie Malen, Schachspielen, Sport, einen Innenhof und einen Fernsehraum, wo sie zum Beispiel »König der Löwen« angucken können. Die Kinder schlafen in Stockbetten. Die Toiletten in der Unterkunft sind von innen nicht absperrbar, um Suizide zu verhindern.

Der SPIEGEL-Mitarbeiter Luis Chaparro konnte mit Kindern in der Unterkunft sprechen. Hier erzählen zwei von ihnen ihre Geschichte aus ihrer Sicht. Ihre Erlebnisse ähneln den Erfahrungen, die viele Flüchtlinge und Migranten machen. Zum Schutz der Kinder haben wir ihre Namen geändert, die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

»Ich habe gedacht, dass ich sterben müsste«, Juliana Fernandez, 10, aus Honduras

»Ich vermisse meine Mama. Sie ist vor fünf Jahren in die USA gegangen und arbeitet dort als Zimmermädchen in einem Hotel in Kansas City. Sie wollte mich kurze Zeit später nachholen. Aber dann sagte sie mir am Telefon, es sei keine gute Zeit für meine Reise, wegen des Präsidenten damals. Ich bin dann bei meinem Vater in Honduras geblieben. Aber es wurde immer schlimmer mit ihm, er kam jeden Tag betrunken nach Hause. Wir haben gestritten, weil er das Geld, das meine Mama für mich geschickt hat, behalten hat.

Ich habe meine Mama im Januar angerufen und ihr alles erzählt. Sie hat gesagt, ich soll zu ihr kommen. Eines Tages kam dann meine Tante und sagte mir, es sei Zeit zu gehen. Ich habe einen Rucksack mit ein paar Kleidern mitgenommen. Meine Tante und ich haben uns einer Karawane angeschlossen. Das waren vielleicht 300 Leute. Wir sind zu Fuß über die Grenze nach Mexiko gelaufen.

In Mexiko mussten wir im Kofferraum von Autos mitfahren. Einmal waren wir in einem großen Lastwagen mit sehr vielen anderen Leuten, und ich hatte schreckliche Angst. Ich hatte das Gefühl, ich könnte nicht atmen. Ich habe gedacht, dass ich sterben muss.

Meine Tante hat mich bis in die Stadt Puebla gebracht, von dort wollte sie wieder zurückreisen. Ich vermisse sie. Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist. Ich bin mit anderen Familien weitergereist bis zur Grenze in Ciudad Juárez.(Anmerkung der Redaktion: Die Entfernung von Puebla nach Ciudad Juárez beträgt rund 2000 Kilometer.) Dann hat ein Mann zu mir gesagt, ich solle über das Flussbett laufen und mich dann an die US-Grenzpolizei wenden. Aber als ich losgegangen bin, hat mich ein Polizist aufgehalten, und dann wurde ich hierhergebracht.

Einmal die Woche kann ich mit meiner Mama telefonieren. Ich habe sie angerufen, als ich hier ankam. Sie hat sich gefreut, weil sie dachte, ich sei in den USA. Dann war sie sehr traurig, als ich ihr gesagt habe, dass ich es nicht geschafft habe. Sie hat geweint.

Mein Fall sei sehr schwierig, sagen die Anwälte. Ich muss jetzt warten, was beschlossen wird, ob ich zu meiner Mama darf. Ich weiß, dass dieser frühere Präsident Donald Trump Migranten gehasst hat und eine Mauer gebaut hat, aber er ist jetzt weg. Ich könnte in den USA zur Schule gehen und Englisch lernen, und bestimmt würde ich dort Freunde finden. Nach Hause kann ich nicht, ich vermisse mein Zuhause nicht. Ich will mit meiner Mama zusammen sein.«

»Ich schäme mich, weil ich es nicht geschafft habe«, José Lopez, 14, aus Guatemala

»Ich bin losgezogen, weil ich meiner Familie helfen wollte. Wir kommen aus einem armen Dorf in Guatemala. Wir haben Mais und Kaffee angebaut, aber zwei Hurrikans haben unsere gesamte Ernte zerstört. Mein Papa ist zu alt, um zu arbeiten. Meine Mutter ist krank. Mein Traum war es, ihnen zu helfen, weil ich der Älteste bin.

Nach den Hurrikans mussten wir betteln. Dann haben wir als Familie entschieden, dass ich in die USA gehen soll, um zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie viel Geld meine Eltern an die Schmuggler gezahlt haben. Aber es muss sehr viel gewesen sein, denn wir haben unser Land verkauft.

Im Februar sagte uns ein Mann aus dem Dorf, jetzt sei eine gute Zeit zu gehen, weil ein neuer Präsident in den USA regiere, der für uns alle die Türen geöffnet habe. Der Mann brachte meinen Vater und mich zur guatemaltekisch-mexikanischen Grenze, weiter ging es mit einem Bus. In der Stadt San Luis Potosí empfing uns ein anderer Mann. Wir hatten ein Codewort. Aber es war falsch. Also mussten wir dem Mann noch einmal Geld bezahlen und bekamen dann ein neues Codewort.

Die Schmuggler sagten uns, es sei besser, wenn mein Vater dortbleibe und ich allein weiterreiste. Würde die Polizei mich allein verhaften, würde sie mich nicht zurückschicken, aber gemeinsam mit meinem Vater schon. Wir warteten ein paar Tage. Die Schmuggler sagten, es sei unsere Entscheidung, aber wir würden eine Menge Geld verschwenden, wenn mein Vater mitkäme.

Also bin ich allein gegangen. Wir haben uns verabschiedet, und mein Vater sagte, ich solle auf mich aufpassen und ihn nach meiner Ankunft in den USA anrufen. Ich fühlte mich nicht gut dabei. Ich versuchte, an die USA zu denken. Mein Plan war, auf einer Baustelle in Virginia zu arbeiten. Dann hätte ich Geld nach Hause schicken können.

Der Schmuggler und ich fuhren mit verschiedenen Bussen weiter. Sie sagten, falls mich jemand frage, solle ich behaupten, der Schmuggler sei mein Onkel. In Ciudad Juárez wurde ich in einen Kofferraum gesteckt. Ich hatte Angst. Ich weiß, dass in Mexiko viele Migranten gekidnappt und getötet werden. Ich wurde zu einem Haus mit vielen Leuten gebracht, wo wir circa eine Woche lang blieben, danach waren wir in einem Hotelzimmer.

Dann sagte der Schmuggler eines Tages, dass es jetzt so weit sei. Er nahm ein Mädchen und mich und brachte uns an die Grenze. Wir versuchten hinüberzulaufen, aber mexikanische Soldaten hielten uns auf. Das war der schlimmste Moment, weil ich wusste, dass ich jetzt all das Geld meiner Familie verschwendet hatte und mit nichts zurückkommen würde. Ich vermisse meinen Vater und meine Mutter, aber ich schäme mich sehr, weil ich es nicht geschafft habe.

Ich weiß nicht, was jetzt mit mir passiert. Entweder mein Vater holt mich hier ab, oder ich muss warten, bis sie mich mit dem Flugzeug nach Guatemala zurückbringen. Ich telefoniere einmal in der Woche mit meiner Mutter. Wir wissen nicht, wo mein Vater ist, und wir können ihn nicht erreichen. Vielleicht hat er kein Telefon mehr.

Ich glaube nicht, dass ich es noch mal versuchen kann. Es kostet sehr viel. Woher sollen wir das Geld nehmen? Ich habe gehört, dass der neue Präsident in den USA gut zu Migranten sein soll. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Stimmt das?«

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