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Lateinamerika: Wie Drogenkartelle der Krise trotzen

June 01
05:22 2020
Tätowierungen wie diese sind das Erkennungszeichen von Mitgliedern berüchtigter Gangs, etwa der MS-13 in El Salvador: Die Coronakrise trifft auch illegale Geschäfte Icon: vergrößern

Tätowierungen wie diese sind das Erkennungszeichen von Mitgliedern berüchtigter Gangs, etwa der MS-13 in El Salvador: Die Coronakrise trifft auch illegale Geschäfte

OSCAR RIVERA/ AFP

Sein Zustand verschlechterte sich rapide: Moisés Escamilla May bekam Atembeschwerden, dann verstarb er auf der Krankenstation des Gefängnisses von Puente Grande in Mexiko. Der 45-jährige Escamilla May alias "El Gordo May", "Der dicke May", war Chef einer Zelle des mexikanischen Zeta-Kartells – er sollte 37 Jahre absitzen, unter anderem weil er zwölf Menschen den Kopf abgeschlagen hatte. Fast hundert Insassen sind in dem Gefängnis positiv auf Corona getestet worden, möglicherweise ist der berüchtigte Zetas-Ex-Chef Miguel Ángel Treviño Morales alias Z-40 erkrankt.

Auch in El Salvador fürchten Gangs, dass die Coronakrise ihre Ränge ausdünnt: Präsident President Nayib Bukele lässt Mitglieder rivalisierender Banden in Gefängniszellen zusammenpferchen, deren Fenster dann verbarrikadiert werden. Die Armenviertel, wo viele Fußsoldaten von Gangs und Kartellen leben, gelten als besonders gefährliche Brutstätten des Virus. Vor allem aber: Überall in Lateinamerika stürzt Corona neben der legalen Wirtschaft auch das organisierte Verbrechen in die Krise. Finanzielle Verluste häufen sich, weil Bars, Restaurants oder Bordelle geschlossen sind und Schutzgelder ausbleiben.

Doch wird das Virus ihnen leider nicht den Garaus machen: Erstaunlich schnell gelingt es den Kartellen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Wie agile Start-ups verändern sie ihre Geschäftsstrategien. Die Bedingungen sind günstig – denn die Krise hat Staat, Sicherheitskräfte und Justiz geschwächt.

"Die Pandemie hat zu einem erheblichen Umsatzeinbruch bei den transnationalen, traditionellen Geschäften der mexikanischen Kartelle geführt, wie dem internationalen Drogen- und Menschenhandel", sagt der Sicherheitsexperte Edgardo Buscaglia. "Aber Geschäfte wie der Handel und die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen innerhalb des Landes gehen weiter und werden nachgefragt", so der Senior Research Scholar in Law and Economics an der New Yorker Columbia University und Präsident der NGO Instituto de Acción Ciudadana.

Weniger Schutzgeld im Lockdown

Straßengangs in Zentralamerika bricht derzeit eine ihrer Haupteinnahmequellen weg. In El Salvador, Honduras und Guatemala müssen Straßenverkäufer, kleinere und mittlere Unternehmen, aber auch Busfirmen normalerweise Schutzgeld an die Banden zahlen. Die drastischen Ausgangssperren in den zentralamerikanischen Ländern und Schließungen von Bars und Restaurants, aber auch die Einstellung des öffentlichen Transports, treffen sie jetzt besonders hart.

In Guatemala kassieren Kriminelle deshalb jetzt verstärkt Privatpersonen ab: Die Anzeigen von Bürgern sind gestiegen, die in der Coronakrise per Telefon, per Post oder direkt an ihrem Wohnort bedroht und erpresst worden sind. Die großen Gangs in Guatemala, aber auch in El Salvador, setzen teilweise Schutzgelderpressungen aus und lassen sich auf Zahlungsaufschübe oder niedrigere Beträge ein.

Gangs müssten derzeit genau kalkulieren, wie viel Geld sie ihren Opfern abnehmen könnten, sagt Vanda Felbab-Brown, Konfliktforscherin beim Washingtoner Thinktank Brookings – um ihre Geschäfte langfristig zu sichern. Aus dem gleichen Kalkül setzen sie in ihren Vierteln auch Ausgangssperren durch, notfalls mit Gewalt. "Die Gangs sind darauf angewiesen, dass die Betreiber von Geschäften überleben und dass sie nicht Bankrott gehen", sagt Felbab-Brown. "Kriminelle Gruppen, die dagegen eher von Drogenhandel leben, haben viel bessere Chancen, die Krise zu bewältigen."

Drogenschmuggel per Tunnel, Wasser oder Luft

Der Drogenschmuggel läuft weiter – auch wenn er in der Krise schwieriger geworden ist. "Kokain reist entlang unserer Zivilisation, auf Autobahnen, Zugstrecken, es versteckt sich im legalen Verkehr", beobachtet etwa Toby Muse, Drogenexperte und Autor von "Kokain", einem kürzlich veröffentlichten Buch, das den Weg des Rauschmittels von kolumbianischen Kokafeldern bis zum Konsumenten skizziert. "Wenn man die legalen Transporte massiv reduziert, sinkt auch die Chance des Kokains, verborgen zu bleiben."

Der wichtigste Kokain-Korridor der Welt führt Muse zufolge durch den östlichen Pazifik: Boote legen an der Küste Ecuadors oder Kolumbiens ab, fahren an Mittelamerika vorbei bis nach Mexiko, und laden Tonnen von Kokain in der Nähe der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko ab. "Unter all den anderen Fischerbooten haben die Kokainschiffe unter normalen Bedingungen eine bessere Chance, nicht aufzufallen", sagt Muse. "Wenn dort aber wie derzeit kaum normale Schiffe mehr verkehren, sondern nur Kokaintransporte, wird es viel leichter, sie aufzuspüren."

Deshalb suchen Südamerikas Gangs und Kartelle derzeit wohl verstärkt nach neuen Transportmitteln, um Grenzübergänge und Kontrollen zu umgehen. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie seit Jahren auch mit Hightech experimentieren: Per Leichtflugzeug und immer öfter auch mit Drohnen schaffen sie die Ware nach Norden. Vor Kurzem beschlagnahmten US-Grenzbeamte zwei Drohnen, die von Mexiko in die USA unterwegs waren – eine trug 463 Gramm Methamphetamin, die andere warf Pakete mit insgesamt elf Kilo Kokain ab. Ende März fing die kolumbianische Marine in den pazifischen Küstengewässern ein U-Boot mit einer Tonne Kokain an Bord ab, es war bereits das zwölfte "Narcosubmarino", das in diesem Jahr entdeckt wurde.

Kokain trotz Krise

"Der internationale Handel mit Heroin, das in erster Linie auf dem Landweg transportiert wird, wurde stärker gestört als der Kokainhandel, der sich auf Seewege stützt", heißt es in einem Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODC. "Relativ umfangreiche Beschlagnahmungen von Kokain in europäischen Häfen belegen den anhaltenden internationalen Kokainhandel."

Dem Organized Crime and Reporting Project (OCCRP) zufolge sind die Straßenpreise von Kokain in Europa in der Coronakrise zwar um 20 bis 30 Prozent gestiegen – es sei aber unklar, ob dies an Lieferproblemen liege oder ob Drogengangs schlicht ausnutzen würden, dass Konsumenten dazu gezwungen seien, zu Hause auszuharren.

Wie auch etablierte Arzneifirmen kommen Kartelle derzeit schwerer an Chemikalien, die für die Herstellung von Fentanyl oder Crystal Meth erforderlich sind und aus China kommen – das wirkt sich auf die Verfügbarkeit und die Preise von Fentanyl in US-Städten aus. Dennoch sind vor allem synthetische Drogen weiterhin im Umlauf. Kürzlich wurden in der Grenzstadt Tijuana am Flughafen zwei Passagiere festgenommen, die 47 Kilo Meth schmuggeln wollten.

Kriminelle Krisengewinner

"Die Lehre, die Kriminelle aus der Coronakrise ziehen werden, ist die Konzentration auf synthetische Drogen, weil sie leichter zu schmuggeln sind als alles andere", glaubt Vanda Felbab-Brown vom Washingtoner Thinktank Brookings. "Sie werden aber für die nächste Krise zukünftig eine ausreichende Menge von Chemikalien lagern, die für die Drogenproduktion notwendig sind, oder vielleicht sogar selbst versuchen, solche Stoffe in Mexiko herzustellen, was aber kompliziert ist und hohe Investitionen erfordert."

Felbab-Brown glaubt, dass vor allem die Kartelle, die den arbeitsintensiven Anbau von Schlafmohn in Mexiko und dessen Verarbeitung zu Opium beziehungsweise Heroin kontrollieren, als Gewinner aus der Krise hervorgehen: "Mexiko droht gerade ein massiver wirtschaftlicher Einbruch", so Felbab-Brown. "Es werden die Kartelle sein, die weiterhin Jobs anbieten können."

Icon: Der Spiegel

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