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Jetzt offener Streit um Palmer: Die Grünen prüfen den Nachgeschmack des Wahlsiegs

March 09
22:06 2026

Politik

Jetzt offener Streit um PalmerDie Grünen prüfen den Nachgeschmack des Wahlsiegs

09.03.2026, 17:48 Uhr a6d1097d-155c-4edc-b000-7806375dfbdb~1Von Sebastian HuldArtikel anhören(07:50 min)00:00 / 07:50

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Cem Özdemir und Boris Palmer haben nach dem Wahlergebnis gut lachen. (Foto: picture alliance/dpa)

Am Tag nach der Wahl ist bei den Grünen längst nicht alles eitel Sonnenschein. Weder der Sieger Cem Özdemir noch der Nachwuchs möchte sich in den Dienst der Parteispitze stellen.

Zu Dutzenden versammeln sich am Sonntagabend die Grünen-Mitglieder in der Bundesgeschäftsstelle vor dem Fernseher. Erste Reihe, dicht gedrängt, die Vorsitzenden von Bundespartei und Bundestagsfraktion, alle vorfreudig, aufgeregt. Sie wussten ja ungefähr, was ihnen die ersten Hochrechnungen gleich zeigen würden: Die Grünen sind nach Zweitstimmen stärkste Kraft in Baden-Württemberg geworden. Inmitten des aufbrandenden Jubels und der vielen Umarmungen hielten sich aber Luis Bobga und Henriette Held demonstrativ zurück. Mit Cem Özdemir hatte nicht der Kandidat der beiden Grüne-Jugend-Sprecher gewonnen. Er frage sich, "ob das am Ende grüne Politik ist", sagte Bogba kurz darauf über Özdemirs Wahlkampf.

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Das und allerlei andere scharfe Kritik war wohlüberlegt: Der Grünen-Nachwuchs befürchtet, die Partei könne sich nach dem Wahlerfolg dauerhaft und über Baden-Württemberg hinaus auf einen Özdemir-Kurs begeben. Das ist nicht die Belohnung, die sich Parteilinke für ihr Stillhalten während Özdemirs Wahlkampf wünschen. Den habe der Spitzenkandidat alleine führen wollen und gezeigt, dass er das kann, so Bobga. "Er kann aber nicht alleine regieren, sondern muss das als Teil dieser Partei machen." Bobga und Held fordern mehr Klimaschutz, mehr Mieterschutz, mehr Umverteilung von oben nach unten und zugleich weniger CDU-ähnliche Positionen und ganz besonders keinen Boris Palmer als Minister in Özdemirs künftigem Kabinett.

Was ist die Lehre für Grüne im Bund?

Als würde er die Ängste der Parteilinken bestätigen, hatte der frühere Parteichef Omid Nouripour am Montag den Baden-Württemberg-Wahlkampf zum neuen Richtmaß und Goldstandard für die Partei erhoben: Özdemir sei "ein Meisterstück gelungen", sagte Nouripour, der wie dieser dem Realo-Flügel der Grünen angehört. "Er zeigt, dass grüne Politik Mehrheiten gewinnen kann, wenn sie den Menschen zuhört, sich an ihrer Lebensrealität orientiert und den Platz in der gesellschaftlichen Mitte beansprucht."

Franziska BrantnerFranziska Brantner im FrühstartKritik der Grünen Jugend an Özdemir "ist absurd"

Die Grüne Jugend las das glatte Gegenteil aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU, das zulasten von SPD und Linke gegangen war: Deren Wähler hätten Grüne gewählt, um einen CDU-Ministerpräsidenten Manuel Hagel zu verhindern, so Bobga: "Ich finde, das ist ein sehr klarer Auftrag für Cem und die Grünen, eben diese Wählerinnen auch abzuholen mit linker Politik, mit Adressierung der Vermögensungleichheit im Land."

Bundesparteichef Felix Banaszak, Vertreter des linken Flügels, versuchte die Debatte fernzuhalten und betonte den "Rückenwind", den der Özdemir-Sieg der gesamten Partei verleihe. Franziska Brantner, wie Özdemir Baden-Württembergerin und Vertreterin des Realo-Flügels, erkannte ebenfalls Lehren über Baden-Württemberg hinaus: "Dass man nah an den Bürgern sein muss, dass man die Probleme lösen will, dass man ambitioniert ist im Ziel, in der Versöhnung von Klimaschutz und Wirtschaft, aber pragmatisch im Weg", zählte sie in der ntv-Sendung Frühstart auf.

Balanceakt für Parteispitze

Özdemirs demonstrative Distanz zu vielen Positionen der Bundespartei deutete Brantner in der Pressekonferenz am Montagnachmittag zum Beleg für Binnendemokratie und -freiheit bei den Grünen um: "Bei uns gibt es eben zum Glück kein Zentralkomitee." Sie versicherte aber: Es gehe nicht darum, den Erfolg im Südwesten zu kopieren, sondern darum, ihn zu "kapieren". Zudem zählte sie Kretschmanns ruhige Amtsführung sowie dessen Bemühen darum, möglichst viele Betroffene in Entscheidungen vorab mit einzubeziehen, als vertrauensbildende Erfolgsmaßnahmen auf.

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Die Grünen-Spitze möchte sich die gute Laune nicht verderben lassen und den von Banaszak gepriesenen "Rückenwind" unbedingt in die kommenden Wochen mitnehmen. Die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz in zwei Wochen sowie im Herbst in Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin werden ungleich schwieriger. Höchstens in der Hauptstadt könnte die Partei stärkste Kraft werden, ob aber mit einem derart linken Kurs, wie ihn Spitzenkandidat Werner Graf vertritt, ist auf Landes- und Bundesebene hoch umstritten. Das einigende Momentum eines Wahlsiegs ist da umso wertvoller und offene Kritik am Wahlsieger weniger willkommen.

"Dass so jemand Ministerpräsident werden kann, das war ihm nicht in die Wiege gelegt", sagte Brantner wiederholt zum Vorwurf der Grünen Jugend, Özdemirs Politik richte sich "ganz oft gegen Migrantinnen". Brantner denkt dabei an Özdemirs aus der Türkei nach Deutschland eingewanderten Eltern. Der Subtext: Der "anatolische Schwabe" Özdemir könne ja gar keine rassistische Politik machen. Bobga, selbst Sohn eines Kameruners, sieht das ganz anders und denkt dabei nicht zuletzt an Özdemirs demonstrative Freundschaft zu Boris Palmer. Der Oberbürgermeister von Tübingen fällt seit Jahren immer wieder mit provokanten Zitaten auf, die dem Grünen-Primat von Diversität und Toleranz zuwiderlaufen. Palmer ist auch deshalb kein Parteimitglied mehr.

Özdemir hält zu Palmer

Noch am Sonntagabend forderte die Grüne Jugend bei ntv.de, Palmer dürfe keinen Posten in Özdemirs Regierungsteam bekommen. Am Montag legte der Nachwuchs schriftlich nach: "Die Haltungen und wiederholten rassistischen Äußerungen des ehemaligen Grünen-Mitglieds Boris Palmer sind mit den Grundwerten unserer Partei unvereinbar", so die Grüne Jugend. "Weder Ministeramt noch Beraterrolle kommen für ihn infrage."

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Nachfragen hierzu umging Brantner – und damit einen möglichen Streit mit ihrem Wahlsieger in aller Öffentlichkeit. Sie dürfte auch ahnen, dass sich Özdemir da schon prinzipiell nicht hereinreden lässt. Und tatsächlich: Er sei Palmer "sehr, sehr dankbar", sagte Özdemir kurz darauf von Stuttgart aus. Palmer habe dazu beigetragen, dass er die Wahl gewonnen habe, daran gebe es nichts zu deuten. "Selbstverständlich wird er da für mich auch eine wichtige Rolle spielen." Die Frage nach Ämtern stelle sich aber erst am Ende, sagte Özdemir.

Während alle anderen Spitzenkandidaten der Landtagswahl am Montag in Berlin zusammen mit den Chefs ihrer Bundesparteien vor die Presse traten, blieb Özdemir in Stuttgart. Sich jetzt wieder in den Dienst der Bundespartei zu stellen, hat er offenbar nicht vor. Er muss eine Regierung bilden, an die der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz einen klaren Anspruch formulierte: "Cem Özdemir hat einen bürgerlichen Wahlkampf geführt, dann muss es auch bürgerliche Politik in Baden-Württemberg geben", so Merz. "Und keine linke und keine grüne Politik, wie sie die Grüne Jugend jetzt fordert." Es wirkt, als habe der Kanzler Bobgas Forderungen an Özdemir deutlich aufmerksamer verfolgt, als derjenige, an den sie gerichtet waren.

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