Island will nicht Grönland sein: Trump könnte der EU ein neues Mitglied bescheren
Politik
Island will nicht Grönland seinTrump könnte der EU ein neues Mitglied bescheren
19.03.2026, 19:37 Uhr
Von Lea VerstlArtikel anhören(09:15 min)00:00 / 09:15
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Island ist für viele Menschen in Europa Sehnsuchtsort, doch auch die Sehnsucht der Isländer nach dem herrlich berechenbaren Europa wächst. Bald soll eine Entscheidung fallen, ob das Land der Elfen und Geysire Beitrittsverhandlungen mit der EU aufnimmt – die enorm profitieren würde.
Durch das erratische Handeln des US-Präsidenten gewinnt die Europäische Union in den Augen vieler Staatenlenker an Attraktivität. Wer von den Drohungen und Zöllen Donald Trumps vor den Kopf gestoßen wird, schaut sich auf der internationalen Bühne nach verlässlichen Partnern um. Der Blick fällt dann auf die altehrwürdigen Institutionen in Brüssel. Nicht nur Kanada will die Beziehungen zur EU vertiefen. Sogar ein auf Neutralität bedachtes Land wie die Schweiz rückt durch ein neues Binnenmarkt-Abkommen näher an Brüssel heran. Und die neun Beitrittskandidaten, allen voran die kriegsgebeutelte Ukraine, setzen seit Jahren Reformen um, um endlich in die Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden.
Jetzt meldet ein weiterer Staat Interesse an einer Mitgliedschaft an: Island. Wenn alles klappt, kann es schnell gehen. Die isländische Regierung plant ein Referendum über ein Mandat zur Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen am 29. August 2026. Wird dies positiv beschieden, soll eine zweite Abstimmung zum EU-Beitritt an sich folgen. Falls Reykjavik und Brüssel sich rasch auf Abkommen und Reformen einigen, könnte eine Aufnahme bereits 2028 erfolgen. Spätestens Anfang der 2030er Jahre wäre Island dann EU-Mitglied.
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Dass sich immer mehr Menschen in Island für einen EU-Beitritt erwärmen können, liegt vor allem am deutlich abgekühlten Verhältnis zu den USA. Die ersten tieferen Risse bekam es, als Trumps Regierung einen Zoll von 15 Prozent auf alle isländischen Waren verhängte und die exportabhängige Wirtschaft des Inselstaats unter Druck setzte. Das Vertrauen sank rapide durch Trumps Drohung, die Nachbarinsel Grönland zu annektieren. Seitdem grassiert in Island die Angst, im Atlantik zwischen Großmächten zerrieben zu werden.
Isländer polarisiert möglicher EU-Beitritt
Island könnte in Trumps Visier rücken, da es am sogenannten GIUK Korridor liegt, einem strategisch wichtigen See und Luftraum zwischen Grönland, Island und Großbritannien (UK). Über diesen von der Nato streng bewachten Korridor könnten im Konfliktfall russische U-Boote in den Nordatlantik vorstoßen. Wollte Trump sich Island einverleiben, stünde der Inselstaat wehrlos da. Militärischen Schutz soll den Isländern neben der Nato-Mitgliedschaft ausgerechnet ein Verteidigungsabkommen mit Washington bieten. Eine eigene Armee haben sie nicht.
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Die pro-europäische Regierung sieht in einem EU-Beitritt deshalb einen wirtschafts- und sicherheitspolitischen Schutzschirm. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas reiste am Mittwoch nach Reykjavik, um dort gemeinsam mit Islands Verteidigungsministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir ein Sicherheits und Verteidigungsabkommen zu unterschreiben.
"Das Abkommen ergibt sich eher aus der Notwendigkeit gemeinsamer Interessen, etwa im Bereich der Cybersicherheit", sagt Andreas Schwab ntv.de. Der CDU-Politiker leitet im Europaparlament für die Zusammenarbeit mit Island zuständige Delegation. "Der US-Präsident hat mit seinen Vorstößen zu Grönland in der isländischen Politik einiges bewirkt. Für Island könnte eine EU-Mitgliedschaft eine vertiefte Zusammenarbeit auf Basis gemeinsamer Werte und Interessen ermöglichen. Doch die Meinungen zum EU-Beitritt in der isländischen Bevölkerung sind gespalten", sagt Schwab.
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Fischereilobby will Rechte behalten
In verschiedenen Umfragen steigt die Zustimmung zu einem EU-Beitritt unter den Isländern seit vergangenem Jahr an, zeigt aber eine Polarisierung. Etwas mehr als die Hälfte der Isländer unterstützt die Idee der Mitgliedschaft, knapp die Hälfte ist jedoch ausdrücklich dagegen. Zugleich sinkt der US-Präsident in der Gunst der Isländer. Laut einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Senders RUV glaubten 2025 rund 74 Prozent der Isländer, Trumps Interesse an Grönland und der Arktis stelle eine Bedrohung für ihr Land dar.
Doch auch in einem EU-Beitritt sehen manche Isländer eine Gefahr. Schwab verweist auf Bedenken wegen Fischereirechten. "Wenn die Isländer sich der Europäischen Union anschließen würden, würden sie sowohl von den Rechten und Vorteilen profitieren als auch die damit verbundenen Verpflichtungen tragen. Das ist den isländischen Fischern ein Dorn im Auge", sagt Schwab. Zudem müsste Island seinen Markt öffnen, doch eine Reihe von Unternehmen wolle den Wettbewerb mit ausländischen Firmen vermeiden, so Schwab. In einem kleinen Land wie Island habe diese Lobby ein entsprechend große Einflussmacht.
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Generell nimmt Schwab bei seinen Delegationsreisen in die Länder der arktischen Region ein hohes "Souveränitätsgefühl" wahr. "Diese Länder achten darauf, eine Äquidistanz zu allen Nachbarn zu behalten, obwohl sie die Europäische Union als den vorzugswürdigen Partner sehen." Bis zum Referendum könne aber noch einiges passieren, was dazu führen könnte, dass die Zusammenarbeit mit den USA unter den Isländern wieder mehr Zuspruch erfährt. "Es hängt auch davon ab, was der US-Präsident als nächstes macht", so Schwab.
2013 scheiterte ein EU-Beitritt Islands
Eine neue Drohung Trumps über die Aneignung Grönlands wiederum könnte der EU in die Karten spielen. Für die Isländer würde das Bedrohungsszenario dann wieder konkret werden. Denn wer Grönland absichern will, braucht Sensoren, Flugzeuge und Logistik über Island. Dessen dürfte sich auch die US-Regierung bewusst sein. Im Verteidigungskonzept der Nato spielt Island jedenfalls eine besondere Rolle. Die permanente US Basis Keflavík südwestlich von Reykjavík wurde zwar 2006 geschlossen. Der Stützpunkt dient aber noch immer als Nato-Vorposten zur Überwachung russischer Bewegungen sowie der See und Luftwege im Nordatlantik.
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Ein EU-Beitritt würde Island in die europäische Sicherheitsstruktur einbinden. Falls Trump dann mit einer Einverleibung droht, würde er mit der gesamten EU anecken, was hohe politische Kosten verursacht. Ein großer Gewinn wäre die Mitgliedschaft aber nicht nur für Reykjavik, sondern auch für Brüssel. Die EU hätte dann Zugang zu einem wichtigen Beobachtungsposten im Nordatlantik, könnte ihn besser ausstatten und in Missionen einbinden. Zudem ist Island wohlhabend und wäre Nettozahler in der EU. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf lag in Island 2024 bei rund 65.600 US Dollar. Und damit etwa 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt, der 54.300 Euro entspricht. Island könnte nach einem Beitritt außerdem eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung grüner Technologien spielen, da es seinen Strom fast vollständig aus Erneuerbaren Energien bezieht.
Wirtschaftlich ist Island bereits eng in die EU eingebunden. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), der Europäische Freihandelsassoziation (EFTA) und des Schengenraums ist Island in den Binnenmarkt integriert. Die Regierung in Reykjavik übernimmt damit große Teile des EU Rechts, hat aber in EU Institutionen kein Stimmrecht. In der aktuellen Debatte wird das Argument genutzt, ein EU-Beitritt gebe Island vollkommenes Mitspracherecht bei den EU-Regeln, die es bereits befolgen muss, ohne Einfluss nehmen zu können.
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Am Ende wird es jedoch darauf ankommen, die Skeptiker zu überzeugen. Aufgrund des Konflikts um die Fischereirechte betont die isländische Regierung, dass Identität, Lebensweise und Ressourcennutzung in Verhandlungen besonders geschützt werden müssten. Ob das reicht? 2013 war Island bereits auf dem Weg in die EU-Mitgliedschaft und hatte fast alle Verhandlungskapitel mit Brüssel geöffnet. Dann gewann eine EU-skeptische Mitte-Rechts-Koalition die Wahl, stoppte die Verhandlungen und löste das Verhandlungsteam auf.

