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Helge Braun: Wer ist Angela Merkels Corona-Manager?

July 16
20:56 2020
Kanzleramtschef Braun bei der Präsentation der Corona-Warn-App Mitte Juni in Berlin Icon: vergrößern

Kanzleramtschef Braun bei der Präsentation der Corona-Warn-App Mitte Juni in Berlin

Foto: Hannibal Hanschke/ DPA

Der Mann ist nicht fürs Rampenlicht gemacht. Und er wollte da wohl auch nie hin. Schon beim Einstellungsgespräch in der Klinik entschied sich Helge Braun dagegen, das verriet der gelernte Mediziner kürzlich im Gespräch mit dem SPIEGEL: Er ging in die Anästhesie, obwohl man als Arzt in anderen Disziplinen viel mehr glänzen kann.

"An den Anästhesisten erinnert man sich selten, obwohl Leib und Leben von ihm geschützt werden", erzählte Braun. "Aber er ist nicht der Star in der Manege."

Nun ist Helge Braun, 47, plötzlich doch ein Star. In der politischen Manege.

Nicht, weil der CDU-Politiker Kanzleramtschef ist. Den heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel kannte kaum einer außerhalb der politischen Szene, als er einst für Gerhard Schröder die Regierungszentrale organisierte. Ähnlich erging es seinen CDU-Nachfolgern Ronald Pofalla und Thomas de Maizière, die in Angela Merkels ersten Regierungsjahren das Kanzleramt führten. Erst Merkels Kanzleramtschef Peter Altmaier fand sich im Rampenlicht wieder: wegen der Flüchtlingskrise, die er zu koordinieren hatte.

Jetzt ist es ihr Kanzleramtschef Braun, den eine Krise ins Rampenlicht gerückt hat. Ohne Braun läuft im Kampf gegen Corona nichts mehr. Er ist Merkels Krisenmanager.

Zuletzt war das in dieser Woche zu besichtigen.

Der ChefBK, wie Braun intern abgekürzt wird, rang über Tage hinter den Kulissen mit den Ländervertretern, um ein gemeinsames Vorgehen für künftige deutsche Corona-Hotspots zu verabreden. Das macht nicht nur infektiologisch Sinn, sondern ist auch politisch hoch symbolisch: Marschierten Bund und Länder in den ersten Wochen der Coronakrise im Frühjahr vereint, war schon bald keine einheitliche Linie mehr zu erkennen.

Lokale, begrenzte Ausreisesperren

Braun forcierte offenbar die Idee von Ausreisesperren für stark betroffene Landkreise. Vorteil einer solchen einheitlichen Regelung: Dann müssten nicht alle anderen Regionen, zumal Ferienregionen, von Fall zu Fall entscheiden, wie mit Besuchern aus diesen Hotspots umzugehen wäre. Nach mehreren Verhandlungsrunden und Fernsehauftritten einigte sich Braun mit den Staatskanzleichefs der Länder an diesem Donnerstag nun auf die Möglichkeit sehr lokaler, sehr begrenzter Ausreisesperren. Das ist kein allzu großer Unterschied zum vorherigen Verfahren, dennoch hat Braun eine Bund-Länder-Einigkeit demonstriert.

Vor Corona sagte Helge Braun Sätze wie: "Der Kanzleramtsminister muss eine Vertrauensperson für alle politischen Seiten sein." Und: "Wenn ich ständig in den öffentlichen Meinungsstreit eingreife, funktioniert das nicht mehr."

Doch inzwischen ist der CDU-Politiker aus dem mittelhessischen Gießen als Krisenmanager und öffentlicher Krisenerklärer in Talkshows oder im Frühstücksfernsehen so präsent geworden, dass er plötzlich auch für andere politische Ämter gehandelt wird. In Wiesbaden gilt Ministerpräsident Volker Bouffier manchen als amtsmüde, sein Vertrauter Braun wird als möglicher Nachfolger genannt.

Braun hatte auch ohne Corona einen Höllenjob

Wer Braun vor der Coronakrise in seinem Büro im Kanzleramt besuchte, traf einen freundlichen, ruhigen Menschen. Dass er auch da schon einen der anstrengendsten Posten im politischen Berlin bekleidete, einen wahren Höllenjob, merkte man ihm nicht an. Das verbindet ihn neben der Leibesfülle mit seinem CDU-Vorgänger Altmaier, der auch im schlimmsten Stress immer gelassen wirkte. Aber anders als bei Altmaier, dessen von Aktenbergen bedeckte Schreibtische legendär sind, herrscht bei Braun penible Ordnung.

Auch das hat er wohl aus seinem Anästhesisten-Leben mitgebracht: Jede Nachlässigkeit kann tödlich sein.

Braun war lange Arzt, nach seinem Einzug in den Bundestag 1998 arbeitete er zunächst weiter im Uni-Klinikum Gießen, was ihm vier Jahre später die berufliche Existenz erleichterte, als er sein Mandat wieder verlor. Bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 kehrte Braun ins Parlament zurück, erst mit der Ernennung zum Parlamentarischen Staatssekretär im Forschungsministerium vier Jahre später gab er die Tätigkeit in der Klinik komplett auf.

Fast ironisch, dass den Mediziner Braun nun der Kampf gegen ein Virus politisch nach oben katapultiert hat. Braun weiß, wovon er spricht, wenn es um fehlende Krankenhausbetten, mangelnde Ausstattung oder überarbeitetes Personal geht. Und Braun hat schon von 2013 bis 2017 als Staatsminister im Kanzleramt, zuständig für die Bund-Länder-Beziehungen, ausreichend Erfahrungen auf dem komplizierten Feld des Föderalismus sammeln können.

All das kommt ihm nun zugute.

Mit der Coronakrise ist er für Angela Merkel unersetzlich geworden, aus der Bundes-CDU hört man nur Gutes über den Kanzleramtschef. Kommt aber Merkel der ChefBK nun noch kurz vorm Ende ihrer Amtszeit abhanden? Wandert Braun nach Hessen ab?

Die Spekulationen haben nicht unbedingt damit zu tun, dass sich Braun aus Sicht der hessischen Christdemokraten aufdrängen würde. Eine große Nähe zu Merkel bietet in dem zu großen Teilen konservativ aufgestellten Landesverband für viele Parteimitglieder noch immer Anlass zu Misstrauen.

Bouffier heizt Spekulationen an

Aber nach dem Selbstmord von Finanzminister Thomas Schäfer im März und der tiefen Krise von Innenminister Peter Beuth, der im Strudel der Polizeiaffäre um rechtsextremistische Drohmails unterzugehen droht, fehlen Bouffier zunehmend die Nachfolger-Alternativen aus dem konservativen Flügel der Partei.

Der Ministerpräsident hat im vergangenen Jahr selbst Spekulationen darüber angeheizt, dass er frühzeitig vor dem Ablauf seiner regulären Amtszeit Ende 2023 einen Machtwechsel in Hessen einleiten könnte. Anlass war eine Krebserkrankung, deren Behandlung bei ihm Spuren hinterlassen hat. Festgelegt hat sich Bouffier bisher nur darauf, dass er bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr antreten will.

Dass Bouffier die Regelung seiner Nachfolge, zu welchem Zeitpunkt auch immer, selbst in die Wege leiten will, gilt in der straff organisierten hessischen CDU als ausgemacht. Nach der Kommunalwahl im kommenden Frühjahr könnte ein guter Termin sein, glauben manche in der Partei. Bouffiers Vertraute registrieren aufmerksam, wie der Landesparteichef eine Modernisierung und Verjüngung der Partei anschiebt.

Braun ist einer, der vom Alter und als Digitalisierungsbeauftragter der Bundesregierung auch inhaltlich passen würde. Und: Bouffier kennt ihn seit Langem und vertraut ihm. Beide sind in Gießen geboren und aufgewachsen.

Noch allerdings wiegeln beide Seiten ab. Ein Sprecher des CDU-Politikers nannte die Spekulationen über einen Rückzug Bouffiers gegenüber "Media Pioneer" aus "der Luft gegriffen". Braun ließ zuletzt über einen Regierungssprecher ausrichten, er sehe sein aktuelles Amt "als sehr erfüllend an". Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte Braun mit Blick auf weitere Aufgaben in Berlin: "Ich bin gern bereit, im nächsten Team an der richtigen Stelle mitzuwirken."

Die Braun-Operation wäre nicht ohne Hindernisse

Falls Bouffier wirklich entsprechende Pläne mit Braun hegt, dürfte es jedenfalls nicht leicht sein, den Kanzleramtschef noch vor der nächsten Landtagswahl als Regierungschef in Hessen zu installieren.

Zwar müssen Ministerpräsidenten in Hessen nicht dem Landtag angehören, um gewählt zu werden. Aber Bouffiers schwarz-grüne Koalition verfügt im Landesparlament derzeit nur über eine hauchdünne Ein-Stimmen-Mehrheit. Nur ein unzufriedener Abgeordneter aus den eigenen oder den Reihen des Koalitionspartners würde genügen, um die Wahl platzen zu lassen.

Deshalb glauben in Wiesbaden viele, dass ein in der Koalition gut verdrahteter Insider aus Hessen bessere Chancen hätte, falls der Ministerpräsident sein Amt vorzeitig räumt.

Allerdings hat Braun schon einmal die Nachfolge Bouffiers angetreten: 2004 als Chef des Gießener CDU-Kreisverbandes.

Icon: Der Spiegel

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