»Great Reset«: Wie der Davos-Gründer zum Anführer einer Weltverschwörung wurde
Icon: vergrößernWEF-Gründer Klaus Schwab: »Böswillig ausgelegt«
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Als Michael Kretschmer neulich beim Schneeschippen Besuch von Corona-Leugnern bekam, konnte der sächsische Ministerpräsident hören und lesen, was diesen Menschen im Kopf rumgeht. »Die Elite will ihre AGENDA 2030 Great Resetdurchsetzen« stand da auf einem Schild, das eine Frau vor ihrem Bauch trug. »Das ist von oben bestimmt«, schimpfte die Frau aufgeregt, »von der Clique Soros, Bill Gates und allen«.
Dass der Slogan vom »Great Reset« es bis in die sächsische Provinz schafft, hätte sein Erfinder sich wohl nicht träumen lassen. Klaus Schwab, ein mittlerweile 82-jähriger ehemaliger Wirtschaftsprofessor aus Oberschwaben, ist Gründer und Chef des Weltwirtschaftsforums (WEF) – und vor allem durch das jährliche Treffen im Schweizer Skiort Davos bekannt, wo Politiker und Konzernchefs über die Probleme der Welt diskutieren.
Im vergangenen Jahr hat Schwab zusammen mit dem Franzosen Thierry Malleret ein Buch geschrieben mit dem Titel »Covid-19: The Great Reset«, das in der deutschen Ausgabe »Der große Umbruch« heißt (obwohl es eigentlich eher mit »Der große Neustart« übersetzt werden müsste). Auch als Motto für das diesjährige WEF-Treffen hatte Schwab »The Great Reset« ausgewählt. Eigentlich würde es ab diesem Montag stattfinden, doch wegen der Pandemie wurde die persönliche Zusammenkunft erstens in den Mai und zweitens ins derzeit quasi Corona-freie Singapur verlegt. Diese Woche wird es nur eine Onlineveranstaltung geben – mit Rednern vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping bis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Den Slogan vom »Great Reset« hat man sicherheitshalber in die Untiefen des Programms verbannt.
Auf den Verschwörungskanälen des Internets ist er dagegen allgegenwärtig – ob auf YouTube, Facebook, Twitter oder in selbst ernannten »alternativen Medien«: Wer nach dem Stichwort »Great Reset« sucht, bekommt den Eindruck, Schwab sei so etwas wie der katzenstreichelnde Bösewicht Ernst Stavro Blofeld in den alten James-Bond-Filmen: immer auf der Suche nach dem kürzesten Weg zur Weltherrschaft.
Dass sich diese Verschwörungsthese auch in Deutschland bis in viele Wohnzimmer verbreiten konnte, liegt unter anderem an Leuten wie Max Otte oder Robert Stein.
Otte, ein früherer Wirtschaftsprofessor, der sein Geld mit Börsenbriefen und Bestsellern wie »Weltsystemcrash« verdient, propagiert die These einer von der Elite geplanten »Transformation zu einer neuen Weltordnung« – und macht Schwab zu seinem Kronzeugen. Der Gründer des Weltwirtschaftsforums sei »nun wirklich mitten im Geschehen, in den Eliten, er kennt die Milliardäre dieser Welt und die Staatenlenker«, raunte Otte kürzlich in einem Interview mit dem YouTuber Gunnar Kaiser. Und wenn dieser Mann solch ein Buch schreibe, so die von Otte nahegelegte Argumentation, dann sei das kein Zufall. »Das kann noch richtig übel werden.«
Stille Verschwörungspost
Wenn Otte zumindest noch in grober Sichtweite zur Seriosität verkehrt, ist der YouTuber Robert Stein längst weiter. Eine kleine Elite der Superreichen habe einen »Plan zur Neugestaltung der Welt« beschlossen, orakelte der Moderator schon im vergangenen Herbst beim Internetsender Nuoviso. »Und damit die herrschende Elite auch nach diesem System-Reset die Macht behält, wird ein absichtlicher Systemabsturz herbeigeführt«: die Corona-Pandemie. Mittendrin auch in dieser Horrorgeschichte natürlich wieder: Klaus Schwab.
Es ist wie beim Kinderspiel »Stille Post«: Bei jedem neuen Verschwörungstheoretiker, der die Geschichte vom »Great Reset« weitererzählt, wird sie ein bisschen absurder und schauderhafter.
Selbst im US-Wahlkampf war der »Great Reset« ein Thema. Immer wieder warnte die ultrakonservative Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham ihr Publikum vor dem angeblich in Davos geschmiedeten Plan, mit dem die globale Elite eine Art neuen Überwachungssozialismus einführen wolle. Und der katholische Erzbischof und ehemalige Vatikandiplomat Carlo Maria Viganò orakelte in einem offenen Brief an den damaligen Präsidenten Donald Trump, dass alle Menschen, die sich einer Impfung und einem Gesundheitsausweis verweigerten, in Internierungslager gesperrt würden und ihr Privateigentum verlieren sollten.
Doch was steckt wirklich hinter Klaus Schwabs »Great Reset«? Wer sich zu dem Stichwort auf der Website des WEF umschaut, kann jedenfalls Großes vermuten: »Die Welt muss gemeinsam und schnell handeln, um alle Aspekte unserer Gesellschaften und Volkswirtschaften umzugestalten – ob Bildung, Gesellschaftsverträge oder Arbeitsbedingungen«, heißt es dort. Jedes Land müsse mitmachen und jede Wirtschaftsbranche transformiert werden. »Kurz gesagt: Wir brauchen einen ›großen Neustart‹ des Kapitalismus.«
Das klingt einerseits pathetisch, andererseits aber auch ziemlich unkonkret – und ist genau wegen dieser Kombination eine perfekte Projektionsfläche für Verschwörungstheoretiker. Jeder kann das hineininterpretieren, was er möchte. Beim WEF selbst sieht man sich damit auf dem Weg zu einer »besseren Welt: inklusiver, gerechter und respektvoller gegenüber Mutter Natur«. Im Universum der Schwurbel-YouTuber dagegen erkennt man darin die endgültige Machtergreifung der globalen Elite.
Ein genauerer Blick auf die Politikziele der »Great-Reset-Initiative« zeigt, wie weit die Verschwörungstheoretiker damit danebenliegen: eine bessere internationale Koordination bei Regulierung und Besteuerung, bessere Handelsabkommen, mehr private und staatliche Investitionen in eine nachhaltige Infrastruktur und eine intelligentere Nutzung von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz in den Sozial- und Gesundheitssystemen. All das könnte so auch im Bundestagswahlprogramm der SPD stehen. Oder der CDU. Oder der Grünen.
Auch Schwab selbst sieht seinen Slogan eher als Vorschlag, wie die Welt auf die Herausforderungen von Corona, Klimawandel und Digitalisierung reagieren sollte. »Jeder, der mein Buch liest, sieht, dass es eine Analyse der Folge der Pandemie ist, die grundsätzliche Trends aufzeigt, und nicht ein Rezeptbuch für einen totalen Überwachungsstaat oder ein marxistisches System«, teilte er auf Anfrage des SPIEGEL mit. Böswillig sei der Begriff »Reset« als eine gewollte totale Umgestaltung der Gesellschaft ausgelegt worden.
Ein Lob für jeden
In der Tat ist es schwierig, sich den 82-Jährigen als finsteren Weltverschwörer vorzustellen. Beim Davoser Stammpublikum ist er zwar für seine exzellenten Kontakte bekannt. Egal ob turbokapitalistische Hedgefonds-Manager oder kommunistischer Parteichef: Schwab, so scheint es, kann irgendwie mit jedem – und hat auch für jeden eine formvollendete Lobhudelei parat (»a great friend«). Manchmal wirkt das zu beliebig. Als Schwab 2018 den damaligen US-Präsidenten Donald Trump allzu freundlich begrüßte, ging ein deutlich vernehmbares Grummeln durchs Publikum.
Auch Schwabs Liebe zum ganz großen Slogan ist berüchtigt – und schlägt sich regelmäßig in den offiziellen Mottos der WEF-Treffen nieder. Ob »Stakeholders for a Cohesive and Sustainable World« (2020), »Creating a Shared Future in a Fractured World« (2018), »The Reshaping of the World« (2014) oder »Shaping the Post-Crisis World« (2009) – unter »Weltveränderung« macht man es beim WEF selten. Das lässt sich schon am Grundmotto der Organisation ablesen: »Committed to improving the state of the world«, Darauf verpflichtet, den Zustand der Welt zu verbessern.
Wer will, kann daraus eine gewisse Hybris ablesen. »Für uns ist entscheidend, was für die Menschheit als Ganzes richtig ist«, sagte Schwab einmal im SPIEGEL-Interview. Aber wer weiß schon, was das sein soll?
Zum Glück wird in Davos vor allem viel geredet und wenig entschieden – mal abgesehen von den Geschäften, die Unternehmensbosse am Rande des Treffens anbahnen.
Und immerhin ist Schwab sehr darauf bedacht, das Spektrum derer, die bei den Diskussionen mitreden dürfen, zu erweitern. Längst sitzen nicht mehr nur Manager und Politik in den Podiumsdiskussionen und bei den Abendessen, sondern auch Menschenrechts- und Klimaaktivisten. »Stakeholder« nennt er diese Gruppen, was man als »Beteiligte« oder »Teilhaber« übersetzen kann und was im Gegensatz zum klassischen »Shareholder-Kapitalismus« stehen soll, in dem nur die Aktionäre der Unternehmen mitreden dürfen.
Im vergangenen Jahr etwa war neben Donald Trump ausgerechnet die junge Schwedin Greta Thunberg einer der Stars des WEF-Treffens. Doch genau solche Entwicklungen machen Schwab für rechte Verschwörungstheoretiker besonders verdächtig.
Auch die Tatsache, dass Menschen wie George Soros und Bill Gates regelmäßig in Davos zu Gast sind, dient diesen Leuten als Beweis für die große Verschwörung. Schließlich zählen der amerikanisch-ungarische Milliardär und der Microsoft-Gründer nicht nur zu den reichsten Menschen der Welt, sondern wegen ihres politischen und gesellschaftlichen Engagements auch zu den beliebtesten Protagonisten der rechten Verschwörungsgeschichten. Womit wir wieder im sächsischen Örtchen Großschönau wären – bei den Corona-Leugnern, die den Ministerpräsidenten beim Schneeschippen besuchten.
Sie und alle anderen Verschwörungsfans könnten bald frisches Futter bekommen. An diesem Montag veröffentlicht Klaus Schwab sein neues Buch: »Stakeholder Capitalism: A Global Economy that Works for Progress, People and Planet«. Das klingt zwar gewohnt bombastisch, aber längst nicht mehr so griffig wie der Vorgänger. Vielleicht will Schwab auch einfach mal seine Ruhe haben.
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