Glaube in der Coronakrise: Wie mir mein Sohn half, das Jahr zu überstehen (Kolumne)
Icon: vergrößernNeulich fiel mir ein wütender Bürger auf einem Foto auf, bei einer Anti-Corona-Demo trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift: »Gott ist auch nur eine Verschwörungstheorie.« Kurz ertappte ich mich bei dem Gedanken: stimmt eigentlich. Ich bin evangelisch getauft, konfirmiert, habe kirchlich geheiratet, aber besonders gläubig war ich nie. Meine Bibel steht im Bücherregal meines Kinderzimmers im Haus meiner Eltern. Sehr weit entfernt von dem Leben, das ich im bayerischen Corona-Hotspot München führe.
Wie kann ein gütiger, liebender und angeblich allmächtiger Gott fast 600 Menschen an einem Tag an oder mit dem Coronavirus sterben lassen? Warum verhindert er nicht, dass Menschen unverschuldet in wirtschaftliche Not geraten? Oder Schulkinder weinend nach Hause kommen, weil ab sofort nur noch Distanzunterricht erlaubt ist?
Die in der Religionswissenschaft schwer zu beantwortende Theodizeefrage nach der Gerechtigkeit Gottes habe nicht ich mir gestellt. Es war mein fünfjähriger Sohn. Als er sich mal wieder ärgerte, dass er seine Freunde nicht sehen darf und weder Schwimmbad noch Eislaufbahn offen sind, fragte er erbost: »Wo ist Gott?« Ich antwortete wahrheitsgemäß: »Keine Ahnung.«

