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George Floyd: Emotionale Beerdigung in Houston

June 10
08:43 2020
Solidarische Eskorte: Trauernde Polizeibeamte begleiten den Sarg George Floyds zum Friedhof Icon: vergrößern

Solidarische Eskorte: Trauernde Polizeibeamte begleiten den Sarg George Floyds zum Friedhof

ADREES LATIF/ REUTERS

Die letzte Meile des Weges. So nennen sie die Fahrt zum Friedhof hier: Die "last mile", die soll man nicht alleine reisen.

George Floyd reist sie nicht alleine. Tausende säumen die Straße, als sein Sarg vorbeirollt, in einem gläsernen, von zwei Schimmeln gezogenen Leichenwagen. Sie knien nieder, recken die Fäuste hoch: "George! George!"

Immer mehr Leute schließen sich der Prozession an. Sie laufen nebenher, sie folgen auf Fahrrädern. Seit Stunden warten sie in der Hitze, jetzt begleiten sie Floyd bis zum Schluss. Bis der Leichenwagen einbiegt ins Tor des Friedhofs, wo Floyd ruhen wird – neben seiner 2018 verstorbenen Mutter, nach der er gerufen hat in seinen letzten, für die Welt dokumentierten Minuten: "Mama! Mama!"

Diese Szenen, mit denen Houstons zweitägiger Abschied von Floyd endet, sind mehr als sentimentale Show. Es sind Szenen für die Geschichtsbücher: Hier wird nicht nur ein weiteres schwarzes Opfer von US-Polizeigewalt zu Grabe getragen. Hier, so sagen viele, wird Amerikas neue Bürgerrechtsbewegung geboren.

Floyds Tod habe Houston zum "Epizentrum" dieser Bewegung gemacht, proklamiert Bischof James Dixon: "Wir sind das neue Montgomery." In der Hauptstadt des Südstaats Alabama begannen Martin Luther King und Rosa Parks einst ihren langen Kampf.

Die Bewegung, die der Tod Floyds ausgelöst hat, ist also nicht wirklich neu. Doch erstmals hat sie wieder die Kraft von Montgomery, gespeist aus Trauer, Trotz und Wut.

Diese Kraft zeigt sich am Dienstag schon vor der Beerdigung, bei einer vierstündigen Gedenkfeier, deren Gospelgesänge und Klagen von einer Megachurch im Süden von Houston aus ins ganze Land ausgestrahlt wurden. Da bündeln sich Privates und Politisches, Tränen und Parolen.

Diese Parolen formuliert Al Sharpton, Amerikas profiliertester Bürgerrechtler: "Es ist Zeit", ruft er von der Bühne herab, "dass wir uns in diesem Land die Rechtschaffenheit zurückerobern."

Die Fountain of Praise Church ist fast bis auf den letzten Platz mit VIP-Gästen gefüllt. Tags zuvor defilierten hier 6400 Menschen an Floyds Sarg vorbei, nach strengen Pandemie-Vorschriften, nur 500 Personen gleichzeitig in dem Gotteshaus, das sonst 2500 fasst. Doch die Trauer ist größer als die Corona-Angst. "Von wegen Abstandsregeln", sagte Pastor Remus Wright besorgt. Wenigstens tragen die meisten Masken.

Draußen stapeln sich Blumen zu einem Mahnmal, drinnen schwitzen Prominente, darunter die Schauspieler Jamie Foxx und Channing Tatum. Weiter vorne sitzen die Hinterbliebenen früherer Rassismusopfer. Die Mütter von Trayvon Martin und Eric Garner, die Väter von Michael Brown und Ahmaud Arbery, Botham Jeans Schwester, Pamela Turners Familie: Diese Trauerfeier ist auch für sie.

Ihnen dürften bald die nächsten folgen. Anfang der Woche wurde ein weiterer Fall eines Schwarzen bekannt, der 2019 in Austin, drei Autostunden westlich, im Würgegriff eines Cops mit den selben Worten starb wie Floyd: "I can't breathe."

Der Sarg ist offen, Floyd liegt im Anzug auf blauem Samt. Mehrere hier erinnern an Emmett Till, den schwarzen Teenager, dessen Lynchmord 1955 zum ersten Fanal der US-Bürgerrechtsbewegung wurde: Dessen Mutter hatte auf einem offenen Sarg bestanden, um der Welt zu zeigen, "was mit Emmett geschehen ist".

Sharpton, in weißer Robe, führt Floyds Familie nach vorne, auch sie alle in weiß, Symbolfarbe der Wiedergeburt. Nach zweiwöchigem Medienrummel sind sie nun erstmals direkt mit ihrem finalen Verlust konfrontiert.

Einer nach dem anderen bleiben sie am Sarg stehen. Floyds Bruder Philonise fällt Sharpton schluchzend in die Arme, minutenlang. Der streichelt das Samtkissen, als wolle er Floyd posthum beschützen.

Redner beschwören Floyds Jahre in Houston. Seine Kindheit im Armenviertel Third Ward, seine Zeit an der Yates High School, seine Football- und Basketballerfolge, seine Verdienste um Resurrection Houston, eine Schwarzenkirche.

"Er war ein lästiger Schelm, aber wir liebten ihn", schluchzt seine Tante Katheen McGee. Ein "sanfter Riese" sei "Big Floyd" gewesen, voller "Güte und Hingabe", sagt Ivy McGregor, eine damalige Klassenkameradin, die jetzt für Beyoncé arbeitet. Seine Nichte Brooke Williams nennt ihn "Superman" und ruft dann bebend: "Amerika, es ist Zeit für einen Wandel!"

Joe Biden beteiligt sich, via Video. Der Ex-Vizepräsident und Demokraten-Kandidat hat Floyds Familie am Vortag hier in Houston persönlich getröstet. Er kennt Trauer und Tragödien aus eigener Erfahrung, "das tiefe Loch in eurem Herzen, wenn ihr einen Teil der Seele begrabt".

Bidens Ansprache ist präsidialer als alles, was Trump an diesem Tag von sich gibt. Der postet verleumderische Tweets gegen einen verletzten 75-Jährigen, aber kein Wort über Floyds Beerdigung.

Biden wendet sich an "Little Gianna", Floyds sechsjährige Tochter, die ganz vorne sitzt, einen Teddybär umklammert. "Du bist so tapfer", sagt er. "Ich weiß, dass du viele Fragen hast, die kein Kind haben sollte, Fragen, die zu viele schwarze Kinder seit Generationen stellen müssen."

"Amerika kann es besser", zitiert er Thurgood Marshall, den ersten schwarzen US-Verfassungsrichter. "Amerika hat gar keine andere Wahl."

Immer wieder auch klare Worte in Richtung des Weißen Hauses

"George Floyd war nicht entbehrlich", sagt der Kongressabgeordnete Al Green. "Seine einzige Straftat war, dass er schwarz geboren wurde." Kollegin Sheila Jackson Lee spricht von Floyds göttlichem Auftrag, Amerika mit sienem Tod zum "Aufstand" zu bewegen.

Bürgerrechtsikone Bill Lawson erzählt, wie er 1955 nach Houston kam – als Emmett Till ermordet wurde und Rosa Parks sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus aufzugeben. "Die Hasser werden sich nicht ändern", sagt der 91-Jährige im Rollstuhl. "Aber wir." Unter lautem Jubel wendet auch er sich offen gegen Trump: "Als erstes müssen wir das Weiße Haus säubern."

Diesen Gedanken spielt Sharpton weiter. Er predigt, singt, verwebt Bibelverse mit Anekdoten, Trauer mit Schlachtrufen. Er berichtet, dass er direkt von Sklaven abstamme. Er wettert gegen Cops und Trump. "Verruchtheit auf höchster Ebene!", ruft Sharpton – viermal hintereinander.

Schließlich schließen sie den Sarg und bringen ihn nach draußen, Schritt für Schritt, im Gospeltakt. Der Friedhof ist 18 Kilometer entfernt, die Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde, erst im schwarzen Leichenwagen, dann in einer historischen, weißen Kutsche mit Fenstern und goldenen Vorhängen.

Die Menschen folgen dem Sarg bis zum Friedhof

Seit dem Morgen warten die Leute am Straßenrand. Sie haben Trucks auf Wiesen geparkt, Flaggen gehisst, Stühle aufgebaut, Kühltaschen mit Drinks gefüllt. Die Bäume am Cullen Boulevard, der zum Friedhof führt, sind mit purpurfarbenen Schleifen geschmückt, eine Aktion benachbarter Familien.

Jemand hat "I can't breathe" auf seine Windschutzscheibe gepinselt. "Wir alle sind George", sagt Chanté Rose, die mit ihrer Mutter und Schwester da ist. "400 Jahre Sklaverei. Es muss sich etwas ändern." Bis zum Friedhofstor folgen die Menschen dem Sarg. Dann drehen auch der TV-Helikopter und eine Videodrohne ab, um der Familie Diskretion am Grab zu geben.

"Wir legen dich nun zu deiner Mama", hat Sharpton bei der Feier gerufen. "Ruh dich jetzt aus. Wir werden weiterkämpfen. Wir werden weiterkämpfen."

Icon: Der Spiegel

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