George Floyd: Bewegende Trauerfeier in Houston

Goldener Sarg von George Floyd: Tausende kamen, um Abschied zu nehmen
DAVID J. PHILLIP/ AFP
Sie bringen Blumen und selbst gemalte Poster, haben Kinder dabei und Babys auf dem Arm. Stundenlang harren sie in der texanischen Sonne aus, viele schützen sich mit Schirmen, andere fächern sich mit Programmen zu.
"Ich kannte George Floyd nicht", sagt Deborah Vernon. "Aber als ich das Video von seinem Tod sah, sah ich meinen Sohn und meinen Enkel. Also musste ich hier sein."
Die Afroamerikanerin wartet mit Tausenden anderen vor der Fountain of Praise Church am Stadtrand von Houston. Nur schrittweise geht es voran. "Ich bin traurig, und mir ist heiß", sagt Vernon. "Aber ich will Georges Familie meinen Respekt erweisen." In der Hand trägt sie Lilien und vor dem Mund und der Nase eine Corona-Maske, die ihr immer wieder herunterrutscht.
Zwei Wochen nachdem er in Minneapolis von vier Polizisten brutal umgebracht wurde, kehrt George Floyd heim nach Houston. Seine letzte Reise durch ein aufgewühltes Amerika ist eine Prozession der rituellen Trauerfeiern. Minnesota, wo er gestorben ist. North Carolina, wo er geboren wurde. Nun Texas, wo er aufwuchs und zur letzten Ruhe gebettet wird.
Floyds "Homecoming", eine afroamerikanische Tradition, markiert das Ende eines Lebens – und zugleich den Beginn einer Bewegung, die plötzlich unaufhaltsam scheint. "Noch nie habe ich ein solches Erwachen erlebt", sagt Houstons Polizeichef Art Acevedo, ein Republikaner, wohlgemerkt, der sich ohne weiteres Aufsehen in die Schlange der Trauernden reiht.
Kevin Jacobs hat seinen neunjährigen Sohn Caleb mitgebracht, damit der diesen "historischen Moment" miterleben kann. "Die Welt schaut auf uns", sagt der Sonderschullehrer. "Selbst in Europa marschieren sie. Das ist wie unser Mauerfall. Amerika steht vor einem neuen Kapitel."
Caleb grinst schüchtern hinter seiner Maske. "Ich will ihm nicht die Unschuld rauben", sagt sein Vater. "Aber ich muss ehrlich sein." Er selbst sei als Teenager auch mal von Polizisten bedroht worden und habe um sein Leben gefürchtet. "Was George passiert ist, kann mir auch passieren. Weil ich schwarz bin."
"Ich werde mal die Welt verändern"
Trotzdem feiern die Wartenden den Tod wie das Leben, sie singen, tanzen, tauschen Reiseberichte aus, manche sind stundenlang angereist. Ein Kleinbus fährt hin und her, aus dem Lautsprecher dröhnt Whitney Houstons "I Will Always Love You". Jemand verteilt Eis am Stiel, ein anderer verkauft T-Shirts mit Floyds letzten Worten, dem Protest-Mantra: "I can't breathe."
Ein anderes Motto prangt, unter einem ganzseitigen Porträt Floyds, vom Cover der Tageszeitung "Houston Chronicle": "Ich werde mal die Welt verändern." Ein Zitat Floyds, als er jung war und Träume hatte wie jeder.
Die Kirche, ein gewaltiger, moderner Bau im Niemandsland am Südrand von Houston, ist von Springbrunnen gesäumt und einem Stahlkreuz überragt. Vor der Pandemie fanden hier Massenmessen statt, jetzt ist der Innenraum festlich geschmückt für das letzte Geleit eines einzigen Mannes. Nelkengestecke bilden die Buchstaben "BLM": "Black Lives Matter."
Ein Gospelchor singt. Vorn steht Floyds goldener Sarg. Der Sarg ist offen, wie üblich in den USA, und mit hellblauem Samt ausgelegt. Manche bemerken anschließend, wie friedlich Floyd aussehe, in seinem gold-beigen Anzug mit roter Krawatte, den Farben seiner einstigen Highschool. Ganz anders als auf dem Video, das seine letzten Minuten zeigte unter dem Knie eines Polizisten, der zur selben Stunde in Minneapolis erstmals vor dem Haftrichter erscheint. Kein Polizist mehr, sondern Mordangeklagter.
Wegen der Corona-Regeln – die Infektionszahlen in der Region steigen gerade wieder an – dürfen immer nur 500 Menschen gleichzeitig in der Kirche sein. Es herrscht Masken- und Handschuhpflicht, zudem wird bei allen an der Tür die Temperatur gemessen. Die Sitzbänke sind abgesperrt, auf dem Boden kleben Markierungen, die einen Abstand von zwei Metern anzeigen.
Auf dem Programm prangt ein privates Farbfoto von Floyd. Er sieht stark und entschlossen aus, als könnte ihn nichts umhauen. 46 Jahre alt war er, mitten im Leben.
Schritt für Schritt nähern sich die Gäste dem Sarg, um dann davor ein paar Sekunden innezuhalten. Jeder Small Talk ist nun verstummt. Viele sind überwältigt vom Anblick dieses Hünen, dessen Tod längst so viel mehr ist als eine weitere Statistik, ein weiteres Symbol für Polizeigewalt. "Ein Märtyrer für den Wandel", sagt Bischof James Dixon.
Erwachsene heben vor dem Sarg die Faust. Andere salutieren, greifen sich ans Herz oder weinen still ins Taschentuch. "Vote for Justice" steht auf dem Schild einer Frau. "Wählt Gerechtigkeit."
Am Ausgang liegt ein dickes Kondolenzbuch. Die Seiten sind feucht vom Schweiß aufgestützter Hände.
Die Mischung der Gäste symbolisiert die breite Koalition der Proteste, die auch an diesem Tag überall wieder aufflammen. Junge, Alte, Schwarze, Weiße, Latinos, Asiaten. Viele Familien sind gekommen, man sieht Feuerwehrleute, weinende Polizisten und den Ex-Boxer Floyd Mayweather. Er war mit Floyd befreundet und zahlt für die Beerdigungsfeierlichkeiten.
"Die Bewegung wird nicht ruhen"
Mitten im Trauerzug: Gouverneur Greg Abbott, im Rollstuhl, den Kopf gesenkt, die Hände zum Gebet gefaltet. Floyds Tod, sagt er hinterher, sei die "schrecklichste Tragödie", die er selbst je erlebt habe. Und: "George Floyd wird die Zukunft der USA verändern." Auch Abbott ist Republikaner.
"Dies fühlt sich anders an", sagt Houstons Bürgermeister Sylvester Turner über das vorherrschende Gefühl dieser letzten Tage. "Es ist anders."
Selbst Joe Biden, der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, ist nach Houston gekommen, seine bisher weiteste Reise aus der Corona-Quarantäne. Diskret trifft er sich mit Floyds Familie, um Wirbel und Politik zu vermeiden. "Er hörte zu, hörte ihren Schmerz und teilte ihren Kummer", berichtet Familienanwalt Benjamin Crump hinterher.
Es ist ein bewusster Kontrast zu US-Präsident Donald Trump, der für die Familie neulich nur ein zweiminütiges Telefonat übrighatte und den Montag lieber damit verbrachte, Polizeivertreter im Weißen Haus zu begrüßen, blind für die Symbolik eines solchen Termins.
An der Fountain of Praise Church wird dieser Affront nicht wahrgenommen, zumindest nicht in diesen Stunden. Nachmittags steht die Familie vor der Kirche, um den Gästen persönlich zu danken. Floyds Bruder Philonise, in einem T-Shirt mit dessen Sterbeklage "Don't take my life", erinnert sich an das "Haus voller Liebe", in dem sie in Houston aufwuchsen, im Third Ward nicht weit von hier, und bricht in Tränen aus. "Wir werden Gerechtigkeit bekommen", schwört er. "Wir werden nicht zulassen, dass sich diese Tür schließt."
Er steht im Kreis einer größeren Gruppe, die aus Solidarität eingeflogen ist – die Hinterbliebenen früherer Opfer: Michael Brown, Eric Garner, Ahmaud Arbery. "Die Bewegung wird nicht ruhen, für all diese Familien", sagt Al Sharpton, der Bürgerrechtler, der seit Jahrzehnten kämpft.
Doch erst müssen sie George Floyd beerdigen. Das wird an diesem Dienstag geschehen, mit einer Zeremonie, die privat bleiben soll. Mehr ist aber auch nicht nötig: Am Abend teilen die Organisatoren mit, dass insgesamt 6362 Menschen Floyd das letzte Geleit gegeben haben.
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