Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Experte zu Iran-Waffenruhe: “Mit der Darstellung Israels als Nazi-Staat schlägt Russland gleich drei Fliegen”  

April 09
22:46 2026

Politik

Experte zu Iran-Waffenruhe"Mit der Darstellung Israels als Nazi-Staat schlägt Russland gleich drei Fliegen"

09.04.2026, 18:44 Uhr Artikel anhören(09:22 min)00:00 / 09:22

  • 0.5x
  • 0.8x
  • 1.0x
  • 1.2x
  • 1.5x
  • 2.0x
Israeli-Prime-Minister-Benjamin-Netanyahu-speaks-during-a-press-conference-amid-the-U-S-Israel-conflict-with-Iran-in-Jerusalem-March-19-2026
In der russischen Propaganda wird Benjamin Netanjahu immer wieder mit Adolf Hitler verglichen. (Foto: picture alliance / SIPA)

Russland wird immer wieder als Hauptprofiteur des Krieges im Nahen Osten genannt. Die Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA dürfte das nun ändern. Das verbündete Mullah-Regime hat zwar überlebt – doch Grund zum Feiern habe Moskau nicht, sagt Osteuropa-Experte Alexander Friedman im Interview mit ntv.de. Die russische Propaganda stellt Teheran als Sieger dar, bleibt bei Kritik an den USA aber vorsichtig. Im Mittelpunkt steht ein anderer Gegner – Israel. Die russische Propaganda schreckt auch vor antisemitischen Verschwörungsmythen nicht zurück. Das habe in Russland eine lange Tradition, sagt Historiker Friedman.

ntv.de: Das Mullah-Regime im Iran bleibt zumindest vorerst bestehen – ein wichtiger Verbündeter des Kremls überlebt. Ist die Waffenruhe ein Grund zur Freude in Moskau?

Alexander Friedman: Diese Entwicklungen werden in Russland mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Die Reaktionen aus der Politik sind sehr verhalten, typische nichtssagende Rhetorik nach dem Motto: Wir sind friedliebend, wir sind froh über das Ende der Kampfhandlungen, wir sind besorgt über die israelischen Operationen im Libanon.

photo-2023-06-26-11-21-17
Alexander Friedman ist promovierter Historiker. Er lehrt Zeitgeschichte und Osteuropäische Geschichte an der Universität des Saarlandes und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Warum gemischt – was trübt denn die Freude in Moskau?

Zum einen die eigene bescheidene internationale Relevanz: Bei den diplomatischen Verhandlungen hat Russland kaum eine Rolle gespielt. Da waren die Chinesen aktiv, Pakistan, andere Länder der Region. Von Russland ist keine Rede, obwohl der Iran einer der wichtigsten strategischen Partner Moskaus ist. Russland ist diplomatisch genauso außen vor wie die Europäer und die Briten. Was dieser Krieg gezeigt hat: China ist der große globale Player, der überall mitmischt.

Zum anderen der Ölpreis: Mit dem steigenden Ölpreis während des Krieges hat Russland sehr gut verdient. Jetzt, wo der Preis sinkt, wird das die russische Wirtschaft zu spüren bekommen. Bei einer weiteren Eskalation hätte Russland noch besser verdient.

Rainer MunzMunz: Moskau sieht Erfolg bei sichFeuerpause im Iran – Kreml liefert "wichtige Reaktion"

Russland wurde aus diesem Grund als der große Kriegsprofiteur gesehen.

Das war zumindest die Erwartung. Und ja, Russland hat profitiert: Nicht nur von den steigenden Ölpreisen, sondern auch weil die Welt mehr als einen Monat lang auf den Iran fixiert war, die Ukraine spielte kaum eine Rolle. Das Verhältnis zwischen den USA und Europa hat sich weiter verschlechtert, Trump spricht jetzt offen über einen Nato-Austritt: Das sind alles Entwicklungen, die Moskau eigentlich sehr gut passen. Aber schaut man auf die Front in der Ukraine, sind die russischen Erfolge sehr bescheiden. Gleichzeitig haben die Ukrainer aktiv russische Infrastruktur angegriffen und dabei echten Schaden angerichtet.

FILE-PHOTO-U-S-President-Donald-Trump-holds-a-bilateral-meeting-with-NATO-Secretary-General-Mark-Rutte-at-the-World-Economic-Forum-WEF-in-Davos-Switzerland-January-21-2026Enttäuschung über Nato Trump bringt nach Rutte-Treffen wieder Grönland ins Spiel

Wie berichtet die russische Propaganda über die Waffenruhe?

Iran wird als Sieger gefeiert. Es heißt, die Iraner hätten diesen Krieg gewonnen, den Amerikanern ihre Bedingungen aufgezwungen. Dabei wird schlicht die iranische Propaganda übernommen und weiterverbreitet. Im Zentrum der Kritik steht Israel, nicht die USA. Mit Trump geht man deutlich vorsichtiger um, weil man mit Washington zusammenarbeiten will. Es wird zwar von der US-amerikanischen Niederlage gesprochen, aber als besonders böse werden die Israelis dargestellt, die keine Ruhe geben wollen würden, die auch mit der scheinbar friedlichen Lösung unzufrieden sind, die ihren Krieg gegen die Hisbollah fortführen. Dabei werden Narrative bedient, die vielen Russen seit Langem vertraut sind: antisemitische Muster noch sowjetischer Prägung.

A-fireball-rises-from-a-building-hit-by-an-Israeli-airstrike-in-the-area-of-Abbasiyeh-on-the-outskirts-of-the-southern-Lebanese-city-of-Tyre-on-April-8-2026-Lebanon-s-army-warned-people-against-returning-to-the-country-s-south-on-April-8-where-the-Israeli-military-is-still-launching-attacks-as-Israel-said-the-ceasefire-with-Iran-did-not-include-its-conflict-with-Hezbollah"Man kann nicht alles haben"Iran pocht nach "Massaker" auf Waffenruhe im Libanon

Können Sie da ein paar Beispiele nennen?

Die US-israelische Allianz wird zum Beispiel als "Epstein-Koalition" dargestellt – der Name spielt auf Jeffrey Epstein an, den verurteilten Sexualstraftäter mit Verbindungen in höchste US-Kreise. Die Botschaft dahinter: Amerika werde von Juden dominiert. So wird auch auf die jüdische Herkunft von Steve Witkoff und Jared Kushner angespielt, die die Verhandlungen mit dem Iran führen sollen.

Der russische Philosoph Alexander Dugin, der im Westen oft als Putins Chefideologe gilt – wobei ich seinen Einfluss eher für überbewertet halte, er spiegelt aber gewisse Tendenzen wider -, zieht offen Vergleiche zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Adolf Hitler. Solche Vergleiche sind in den russischen antiisraelischen Berichten weitverbreitet.

RUSSIA-MOSCOW-MARCH-4-2026-Russia-s-President-Vladimir-Putin-attends-an-annual-expanded-meeting-of-the-Collegium-of-Russia-s-Ministry-of-Internal-Affairs-to-discuss-the-ministry-s-operation-in-2025-Credit-Image-Kristina-Solovyova-TASS-via-ZUMA-PressOsteuropa-Experte zum Iran-Krieg"Russen fragen: Warum können die USA Chamenei töten – und wir Selenskyj nicht?"

Man vergleicht wirklich Juden mit Nazis?

Meistens wird von Israel gesprochen – in erster Linie von der Regierung und Armee. Die Botschaft ist aber eindeutig: Der jüdische Staat agiert heute so, wie es einst die Nazis getan hatten. Die israelische Führung wird als Nazis dargestellt, die diesen Krieg angezettelt und Trump für ihre Zwecke missbraucht haben. Das ist für Moskau eine Win-Win-Situation, der Kreml schlägt damit gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Man zeigt Solidarität mit dem Iran, bedient Narrative, die vielen Russen vertraut sind – und provoziert Trump nicht. Also schießt man lieber auf Israel.

Gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung der Ereignisse zwischen den muslimisch geprägten Regionen Russlands und dem Rest des Landes?

Im Nordkaukasus gibt es seit dem Hamas-Angriff auf Israel 2023 und der anschließenden israelischen Operation in Gaza einen rasanten Anstieg antiisraelischer und offen antisemitischer Gefühle. Dort geht es oft nicht um Kritik an Israel, sondern um blanken Antisemitismus. Erinnert sei an Ausschreitungen am Flughafen in Machatschkala Ende Oktober 2023, als ein antisemitischer Mob eine Maschine aus Israel angriff. Apti Alaudinow, Anführer der berüchtigten tschetschenischen Militäreinheit Achmat, und der tschetschenische Ramsan Kadyrow selbst signalisierten kürzlich Bereitschaft, den Iran militärisch zu unterstützen, sollte ein entsprechender Befehl aus Moskau kommen. Allerdings kam gestern eine überraschende Relativierung von Kadyrow: Er sympathisiere zwar mit dem Iran, aber die Iraner hätten auch zivile Ziele in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten angegriffen – Glaubensbrüder, Verbündete. Das könne man aus tschetschenischer Sicht nicht gutheißen.

Russland soll dem Iran während des Krieges Geheimdienstinformationen geliefert haben – Positionsdaten zu US-Militäreinrichtungen, auch in Golfstaaten, mit denen Russland gute Beziehungen unterhält. War das nicht gefährlich für Moskau?

Was die Russen tatsächlich geliefert haben, ist schwer zu überprüfen. Ich glaube, sie waren dabei sehr vorsichtig. Und bei Trump scheint das ohnehin kein großes Thema zu sein – er hat sinngemäß gesagt: Die Russen geben Informationen an den Iran, wir geben Informationen an die Ukraine. Also abgehakt. Anders könnte das bei Israel sein. Wenn russische Geheimdienstinformationen tatsächlich dabei geholfen haben, Angriffe auf Israel effizienter zu machen, könnte das langfristig Konsequenzen für das russisch-israelische Verhältnis haben. Aber Israel agiert da traditionell sehr vorsichtig gegenüber Russland. Diese Haltung hat historische Wurzeln – schon seit den 1950er Jahren, als Israel den Sowjetdiktator Stalin enttäuscht hat und kein sozialistischer Staat wurde, stellte sich die Sowjetunion klar auf die arabische Seite. Die Logik war immer: Das ist eine feindselige Atommacht, mit der man aufpassen muss – und die man nach Möglichkeit nicht herausfordern sollte, weil das gravierende Konsequenzen haben könnte.

Nach diesem Krieg werden die Israelis aber sehr genau analysieren, welche Rolle Russland tatsächlich gespielt hat. Genauso die Golfstaaten. Wenn sie zu dem Schluss kommen, dass Moskau zu weit gegangen ist, könnte das echte Konsequenzen haben. Aber das lässt sich in dieser Phase noch nicht abschätzen.

President-Donald-Trump-speaks-with-reporters-in-the-James-Brady-Press-Briefing-Room-at-the-White-House-Monday-April-6-2026-in-Washington"Keine Möglichkeit für Einigung"Experte sieht Trump bei Gesprächen mit Iran in der Gaza-Falle

Kremlsprecher Peskow hat gesagt, man hoffe, die USA hätten jetzt wieder Zeit für Friedensgespräche über die Ukraine. Ist das ein gutes Zeichen?

Nein. Damit will Russland nur seine angebliche Gesprächsbereitschaft demonstrieren. Aber Moskau bleibt bei Positionen, die für die Ukraine nicht akzeptabel sind. Die Forderung lautet im Grunde: erst Gebietsabtretungen, dann wird geredet. Das ist eine Falle. Man hofft, dass die Ukraine in einem schwachen Moment zustimmt – und dann folgen die bekannten Maximalforderungen, die letztlich darauf hinauslaufen, die Ukraine unter Kontrolle zu bringen.

Mit Alexander Friedman sprach Uladzimir Zhyhachou

Neueste Beiträge

22:46 Experte zu Iran-Waffenruhe: “Mit der Darstellung Israels als Nazi-Staat schlägt Russland gleich drei Fliegen”  

0 comment Read Full Article