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Energiekrise in Portugal: »Eltern müssen entscheiden, wer frieren soll«

January 18
17:26 2023

In kaum einem Land Westeuropas frieren diesen Winter so viele Menschen in ihren Wohnungen wie in Portugal. Der Wissenschaftler João Pedro Gouveia kennt die Ursachen – und mögliche Lösungen.

SPIEGEL: Herr Gouveia, zu Beginn eine ganz grundsätzliche Frage: Wie würden Sie Energiearmut definieren?

João Pedro Gouveia: Für mich gehören dazu mehrere Dinge. Das offensichtlichste ist, dass jemand nicht in der Lage ist, ausreichend zu heizen. Aber es geht auch um andere Formen von Energienutzung: Dass man es sich leisten kann, die eigene Wohnung ausreichend zu beleuchten oder zu kochen. Entscheidend ist nicht nur, ob man sich Energie leisten, sondern auch, ob man sein Zuhause so isolieren kann, dass Wärme drin bleibt. Das alles kann man natürlich in Zahlen messen, so wie andere Formen von Armut. Aber mir ist wichtig zu zeigen, dass es nicht nur ums Frieren im Winter geht.

SPIEGEL: Diese Klarstellung erscheint auch deshalb wichtig, weil Portugal in Mitteleuropa eigentlich eher mit zuverlässigem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturenassoziiert wird. Doch laut EU leiden nur wenige Länder so stark unter Energiearmut wie Ihres. Warum ist das eine so große Herausforderung?

Gouveia: Zuerst einmal sind hohe Energiekosten nicht nur bei Kälte ein Problem – sondern genauso bei Hitze, wenn Sie ständig kühlen müssen. Dazu kommen historisch besondere Gründe, die dafür sorgen, dass wir so viel schlechter dastehen als etwa die Menschen in Spanien oder Italien: Portugal war bis in die Siebzigerjahre arm und isoliert. Die Bausubstanz ist deshalb oft bis heute sehr einfach und nicht besonders solide. Seitdem gab es eine rasante Aufholjagd in fast allen Bereichen der Gesellschaft, die dazu geführt hat, dass in wenigen Jahrzehnten Millionen Menschen in die urbanen Zentren zogen. Vielfach wurde schnell und billig gebaut. Bis 1990 gab es keinerlei Isolierungsvorschriften. Das alles führt dazu, dass heute 80 Prozent der Wohngebäude schlecht oder sehr schlecht isoliert sind. Und fehlende Isolierung ist das größte Problem, wenn es um effizientes Heizen geht. Wer billig baut, muss teuer heizen.

SPIEGEL: Welche Folgen hat das für die Betroffenen?

Gouveia: Ohne ausreichende Wärme werden sie schneller krank, ihre Lebensqualität nimmt ab und sie können weniger gut arbeiten. Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, dass sie nur noch einen Raum im Haus beheizen können. Energiearmut sorgt jedes Jahr für Hunderte oder Tausende Tote.

SPIEGEL: Jetzt übertreiben Sie aber.

Gouveia: Leider nein. Die wiederkehrende Kälte führt zu gesundheitlichen Problemen, dazu kommen Emissionen aus Öfen und alten Kaminen – die Menschen leben also jahrelang unter ungesunden Bedingungen. Das Problem: Wir halten diese Umstände für normal. Wer in Portugal im Winter ein Haus betritt,sagt oft schon spöttisch zur Begrüßung: Draußen war es wärmer als hier! Und leider stimmt das häufig.

SPIEGEL: Wie sehr verschärfen der Ukrainekrieg und der Klimawandel das Problem?

Gouveia: Wir sind zwar bei der Energie nicht von Russland abhängig. Aber die steigenden Preise sorgen dafür, dass viele Leute in diesem Winter sparen müssen. An der Heizung geht es meist leichter als beim Essen oder beim Auto. In den vergangenen Wochen hat ausgerechnet das Winterwetter dafür gesorgt, dass die Energieversorgung kurzfristig etwas leichter wurde.Noch im Sommer hatten wir eine der schlimmsten Dürren unserer Geschichte. Jetzt regnet es seit Wochen, und die Staubecken sind wieder randvoll, Stromerzeugung ist also aktuell kein Problem. Langfristig werden die Probleme aber natürlich zunehmen und wir gehören ja bereits jetzt zu den Ländern, die am stärksten von Energiearmut betroffen sind.

SPIEGEL: Warum wurden die Ursachen nicht früher angegangen, wenn es ein so verbreitetes Problem ist?

Gouveia: Es fehlt nicht nur an Bewusstsein dafür, sondern auch an greifbaren Lösungsansätzen. Viele Menschen haben schlicht keine Ahnung, welche Energieeffizienzklasse ihr Haus hat und wie man sie verbessern könnte. Wenn man sie fragt, was ihr größtes Problem ist, sagen sie: die Strompreise. Vielen Handwerkern fehlt das Wissen, wie moderne Isolierung heute aussieht. Das hören wir übrigens genauso aus anderen europäischen Ländern. Die Folge: Wir drehen den Ofen auf, anstatt das Dach abzudichten. In Zeiten des Klimawandels und der Energieknappheit geht das nicht mehr lange gut.

SPIEGEL: Sie haben mit Ihrem Team jahrelang Daten dazu gesammelt und Betroffene Menschen in ganz Portugal interviewt. Was haben Sie dabei gelernt?

Gouveia: Viele Familien müssen sich im Winter überlegen, welche Räume sie überhaupt heizen. Eltern müssen dann entscheiden, wer frieren soll. Oft wird ein Elektro-Ofen ins Kinderzimmer gestellt, damit es zumindest dort etwas warm ist. Diese Geräte waren schon immer Stromfresser, aber in der heutigen Zeit ist der Energieverbrauch nicht mehr zu rechtfertigen. Doch viele Radiatoren erzeugen pro Nacht sieben bis acht Euro Stromkosten. Wir haben festgestellt, dass viele Menschen das nur vage wissen. Sie denken oft, dass Strom nachts automatisch billiger ist. Aber das ist schon lange nicht mehr der Fall und hängt vom Tarif ab. Energiearmut ist also auch eine Bildungsfrage. Nicht zuletzt gibt es schließlich ein Stadt-Land-Gefälle. In vielen Regionen leben heute viel weniger Menschen als früher. Auch das erhöht den Pro-Kopf-Verbrauch, viele alte Menschen müssen plötzlich allein ein ganzes Haus unterhalten.

SPIEGEL: Der EU-Wiederaufbauplan hat dafür gesorgt, dass energetische Sanierungen teils großzügig bezuschusst werden. Kann so das Problem gelöst werden?

Gouveia: Die portugiesische Regierung hat zwei Programme aufgesetzt, um die EU-Mittel zu verteilen. Das erste ist allgemein für Renovierungsarbeiten. Es ist sehr beliebt, weil das Geld direkt ausgezahlt wird und einen Großteil der Kosten ersetzt, aber leider nutzen viele Menschen es nur, um Wärmepumpen zu installieren oder die Fenster auszutauschen. Auch Solarzellen sind beliebt, weil jeder leicht versteht, wie sie funktionieren. Das ist alles nachvollziehbar, nützt aber für den Winter wenig, wenn die Isolierung schlecht bleibt. Über das zweite Programm werden Gutscheine für Energiesanierungen an Menschen mit geringen Einkommen verteilt. Der Plan war, dass fünf Jahre jährlich 20.000 Gutscheine ausgegeben werden. Inzwischen sind wir im zweiten Jahr – und es wurden insgesamt noch nicht einmal 10.000 Sanierungen angestoßen. Das ist eine sehr ernüchternde Nachricht.

SPIEGEL: Sie beraten die Regierung und sind in verschiedenen europäischen Gremien aktiv. Haben Sie eine Idee, wie es besser ginge?

Gouveia: Wir sollten die Gutscheine stärker auf lokaler Ebene verteilen. Um die Menschen direkter zu erreichen und praktische Anlaufstellen zu schaffen, haben wir bereits in den Zentren einiger Ortschaften Container aufgestellt. Dort erhalten die Leute Tipps zu ihrer Stromrechnung, Hilfe bei Förderanträgen oder eine kostenlose Energieberatung für ihren Haushalt.In diesen Gemeinden funktioniert es inzwischen besser. Aber es gibt immer noch viele Hürden. Wie in den meisten europäischen Ländern besitzen in Portugal die meisten Menschen die Wohnung, in der sie leben. Sie alle einzeln anzusprechen, ist eine Mammutaufgabe. Es wird wohl Jahrzehnte dauern, unsere Wohnhäuser zu sanieren. Trotz aller Probleme habe ich aber auch Hoffnung: Wir werden immer wieder gezwungen zu schauen, welche Konzepte am besten sind. Dadurch können wir Kompetenzen aufbauen und das Wissen um moderne Isolierung breit streuen. Für unser demokratisches Miteinander kann das eine Chance sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes waren die Stromkosten für Radiatoren pro Stunde angegeben. Tatsächlich gemeint waren die Kosten pro Nacht. Wir haben die Stelle korrigiert.

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