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“Ein Akt großer Dummheit”: Trump und Starmer streiten um eine Insel so klein wie Norderney

February 12
10:56 2026

Politik

"Ein Akt großer Dummheit"Trump und Starmer streiten um eine Insel so klein wie Norderney

12.02.2026, 08:41 Uhr imageVon Kevin Schulte

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Diego Garcia ist die Hauptinsel des Chagos-Archipels. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Seit Jahren streitet Großbritannien mit Mauritius über eine winzige Inselgruppe im Indischen Ozean – und neuerdings auch mit Donald Trump. Es geht um den Chagos-Archipel mit der Hauptinsel Diego Garcia. Winzig, aber militärstrategisch enorm wichtig für die USA.

Donald Trump hat es nicht nur auf die größte Insel der Welt abgesehen. Seit einigen Monaten wirft der US-Präsident neben Grönland auch ein Auge auf eine winzige Inselgruppe im Indischen Ozean. Der Chagos-Archipel ist ein britisches Überseegebiet. Zumindest noch. Denn Großbritannien will die Inselgruppe an Mauritius zurückgeben. Mit einer Ausnahme: Die Hauptinsel Diego Garcia soll noch mindestens 99 Jahre unter britischer Kontrolle bleiben. Dafür zahlt Großbritannien eine Milliardensumme an Pacht.

Denn auf Diego Garcia befindet sich ein Militärstützpunkt, den Großbritannien und die USA gemeinsam nutzen. Und dank des Pachtvertrags auch mindestens die nächsten 99 Jahre weiter nutzen können.

Voriges Jahr im Mai hatte die britische Regierung entschieden, die Chagos-Inseln an Mauritius zurückzugeben, aber Diego Garcia weiter zu pachten. Damals begrüßte die US-Regierung den Deal. Außenminister Marco Rubio sagte, auch Trump unterstütze das Abkommen. Es handele sich um eine "monumentale Errungenschaft". Der britische Premierminister Keir Starmer sagte, Trump und die anderen Verbündeten des Westens würden "die strategische Bedeutung dieser Basis erkennen".

Das ist zweifellos richtig. Trump sieht in Diego Garcia einen strategisch wichtigen US-Außenposten. Und dennoch folgte hinsichtlich des Großbritannien-Abkommens mit Mauritius eine rhetorische Kehrtwende von Trump: Die Rückgabe der Chagos-Inseln sei "ein Akt großer Dummheit" und ein weiterer Grund, warum Grönland an die USA übergeben werden müsse, schrieb Trump Mitte Januar auf Truth Social. Seine Begründung: China und Russland würden in der Aufgabe der Chagos-Inseln einen "Akt der totalen Schwäche" sehen.

Vergangene Woche gab es deshalb ein Krisengespräch zwischen Trump und dem britischen Premierminister Keir Starmer. Ein gutes Telefonat, wie US-Regierungssprecherin Karoline Leavitt sagte. "Donald Trump versteht die Position von Premierminister Starmer und unterstützt sie." Trump schrieb auf Truth Social, dass Starmer "nach Meinung vieler" das Beste erreicht habe, "was er erreichen konnte". Die USA behielten sich jedoch das Recht vor, den Stützpunkt auf Diego Garcia militärisch zu sichern, sollten künftige Vereinbarungen den Status der Einrichtungen gefährden.

Malediven sind nächster "Nachbar"

Diego Garcia ist so klein wie Norderney und trotzdem die größte Insel des Chagos-Archipels im Indischen Ozean. Die rund 60 kleinen Inseln verteilen sich auf 7 Atolle und führen ein einsames Leben. Die nächstgelegenen Inselgruppen sind die Malediven, 750 Kilometer nördlich, und die Seychellen, 1800 Kilometer westlich. Anders als die Touristenparadiese ist Diego Garcia aber einer der militärstrategisch wichtigsten Orte im Indischen Ozean. Amerikas "unsinkbarer Flugzeugträger", so wird die Insel genannt.

Völkerrechtlich gehört Diego Garcia zum Inselstaat Mauritius. Der liegt mehr als 2.000 Kilometer südwestlich. Die Hoheit über die Insel hat aber immer noch Großbritannien. Es ist ein Relikt aus alten Kolonialzeiten. 1814 hat London die Chagos-Inseln in Besitz genommen, zusammen mit Mauritius. 1968 entließen die Briten Mauritius in die Unabhängigkeit, aber drei Jahre zuvor hatten sie den Chagos-Archipel inklusive Diego Garcia administrativ von Mauritius getrennt: Noch heute heißt der Chagos-Archipel deshalb offiziell "Britisches Territorium im Indischen Ozean" (BOT).

Aber nicht mehr lange. Das Recht über die Souveränität hat sich Mauritius vor dem Internationalen Gerichtshof erkämpft. 2019 entschied Den Haag, dass Großbritannien die Chagos-Inseln "so schnell wie möglich" an Mauritius zurückgeben muss. Die Briten hätten "den Prozess der Entkolonialisierung von Mauritius nicht rechtmäßig abgeschlossen", begründete das Gericht.

imago0125610002hStrittige Militärbasis im OzeanDiego Garcia ist Amerikas "unsinkbarer Flugzeugträger"

115 Millionen Euro Pacht – pro Jahr

Nach der Entscheidung vor Gericht ist jahrelang nichts passiert. London argumentierte, die Einschätzung von Den Haag sei nur eine beratende Stellungnahme und daher nicht bindend. Großbritannien bewegte sich auch dann nicht, als der Internationale Seegerichtshof im Jahr 2021 die Souveränität von Mauritius über Chagos bestätigte. Erst der Regierungswechsel im Vereinigten Königreich, von den Tories zu Labour, führte zum Kurswechsel. Wichtig: Die Nachfahren der Bewohner der Chagos-Inseln, etwa 10.000 Menschen, wurden übergangen. Es gab kein Referendum oder Ähnliches. Die Chagossianer wurden vor der Errichtung der Militärbasis umgesiedelt, leben heutzutage hauptsächlich auf Mauritius, den Seychellen und in Großbritannien.

Künftig hat Mauritius die volle Kontrolle über den Chagos-Archipel, mit Ausnahme von Diego Garcia. Beide Kammern des britischen Parlaments haben den Deal mit Mauritius überprüft. Er steht kurz vor der Unterschrift. In dem Abkommen ist festgehalten, dass Großbritannien weiterhin Diego Garcia pachtet. Für umgerechnet 115 Millionen Euro pro Jahr. Das heißt, die Briten und die Amerikaner können den "unsinkbaren Flugzeugträger" mitten im Indischen Ozean weiter nutzen.

ChagosChagos-Inseln abgetreten"Britische Regierung verkauft uns erneut an Mauritius"

Seit 1971 gibt es den Militärstützpunkt schon. Es ist eine der wichtigsten und geheimsten US-Basen im Ausland. Hier wurden bereits U-Boote, Langstreckenbomber und AWACS-Aufklärer stationiert, während zweier Golfkriege und beim Angriff auf Afghanistan nach dem 11. September. 2002 und 2003 soll der US-Geheimdienst CIA Terrorverdächtige im Gefängnis auf Diego Garcia inhaftiert und gefoltert haben.

Trump ist die Insel aus mehreren Gründen strategisch wichtig. Die Lage von Diego Garcia ist exzellent. Mitten im Indischen Ozean. Von hier aus lassen sich Südasien, Ostafrika und der Nahe Osten gleichermaßen gut überwachen. Sollte sich Trump doch für einen Angriff auf den Iran entscheiden, wäre Diego Garcia eine ideale Basis für Bomber und Kriegsschiffe.

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