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Das schwarze Herz verglüht: Putin und China ruinieren Russlands Kohleindustrie

August 31
14:16 2025

Wirtschaft

Ein Kohleverladeterminal in Wanino an der russischen Pazifikküste - der Weg dorthin war weit.

Ein Kohleverladeterminal in Wanino an der russischen Pazifikküste – der Weg dorthin war weit.

​Der Kusbass ist ein riesiges Kohlerevier im Südwesten von Sibirien. Doch die Branche ist hoch verschuldet. Zwei Drittel der Unternehmen schreiben rote Zahlen. Viele Bergleute warten seit Monaten auf ihren Lohn. Die Ursachen? Wladimir Putins Krieg – und eine Veränderung in China.

Der russische Angriff auf die Ukraine war ein Segen für die russische Kohleindustrie. Anfangs jedenfalls. Russische Kohle wurde von der EU zwar mit einem Einfuhrverbot belegt, aber die Energiekrise in Europa hat den Kohlepreis weltweit in die Höhe getrieben. Exporte in Länder wie China waren plötzlich Gold wert, die Einnahmen gingen sprunghaft nach oben.

Doch die Euphorie war von kurzer Dauer: Das russische Exil-Portal "The Insider" berichtet, dass 2024 ein katastrophales Jahr für die Branche war, mit Verlusten von umgerechnet 1,5 Milliarden US-Dollar.

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Dieses Jahr wird Prognosen zufolge noch schlimmer: Durch den Krieg stiegen die Kohlepreise Ende 2022 auf 400 US-Dollar pro Tonne. Inzwischen sind sie auf 60 bis 80 Dollar eingebrochen. In Russland finden selbst große Kohleunternehmen keine Abnehmer mehr. Etwa zwei Drittel schreiben rote Zahlen. Bereits im Mai war das Minus der Branche so groß wie im gesamten vergangenen Jahr. Bis zum Jahresende soll sich die Summe verdreifachen. Das russische Energieministerium rechnet mit einem Verlust von umgerechnet 4,4 Milliarden US-Dollar.

27 Unternehmen vor der Insolvenz

Wie schlecht die Lage ist, zeigt ein Blick in den Kusbass, das "schwarze Herz" des Landes. Das Kusnezker Becken ist ein riesiges Steinkohlenrevier im Südwesten von Sibirien – mit Kohleschichten, die im Schnitt anderthalb bis drei Meter dick sind. Nicht selten sind es auch 10, 15 oder sogar 30 Meter.

Etwa 60 Prozent der russischen Steinkohle werden hier gefördert. Dazu kommen 80 Prozent der Kokskohle für die Stahlindustrie. Doch immer mehr Unternehmen im Kusbass müssen ihre Produktion drosseln. Laut der "Moscow Times" wurden in den vergangenen Jahren bereits 17 Bergwerke geschlossen. Einige von ihnen dauerhaft. Nach Angaben des russischen Energieministeriums stehen 27 weitere Unternehmen kurz vor der Insolvenz.

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Dramatische Folgen hat das auch für die Arbeiter: Viele Bergleute im Kusbass haben den Berichten zufolge seit Monaten keinen Lohn mehr bekommen. Die Rede ist von Hungerstreiks und der Hoffnung, dass die Führung in Moskau eingreift. Bisher vergeblich. Die russische Regierung hat Bergleute bis November von den Sozialabgaben befreit, um Unruhen zu vermeiden. Ein winziger Trost, wenn der Arbeitsplatz vernichtet wird.

Dasselbe Problem wie Gazprom

Selbsthilfe scheint ebenfalls ausgeschlossen. Die Kohleindustrie steht bei russischen Banken bereits mit mehr als 15 Milliarden US-Dollar in der Kreide. Der Schuldenberg wächst stetig. Um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, müssen die Kohleunternehmen Kredite aufnehmen. Bei Leitzinsen im Bereich von 20 Prozent gleicht der Gang zur Bank allerdings einem finanziellen Selbstmord.

Denn an der Ursache der Misere ändert kein noch so hoher Kredit etwas. Die Kohleindustrie hat dasselbe Problem wie Gazprom, das einstige Vorzeigeunternehmen in Putins Rohstoffimperium. Die russische Infrastruktur für Rohstoffexporte führt nach Westen. Pipelines, Autobahnen, Schienen und Häfen wurden jahrzehntelang mit Europa als Abnehmer im Blick entworfen, entwickelt und gebaut.

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Seit Kriegsbeginn geht der Blick zwangsweise nach Osten. Dort führen jedoch nur zwei Bahnstrecken hin: die Transsibirische Eisenbahn und die Baikal-Amur-Magistrale. Erstere war laut "Insider" sofort überlastet, letztere wurde inzwischen ausgebaut und elektrifiziert. Dennoch bleibt das Transportangebot geringer als früher. Der Wettbewerb mit anderen Branchen treibt die Kosten nach oben, die deutlich längere Strecke auch. Falls die Kohle überhaupt auf der Schiene transportiert werden kann oder einen Umweg über einen Hafen und die See nehmen muss.

Je tiefer die Weltmarktpreise fallen, desto größer wird die Belastung. Die russische Kohleindustrie wird von der internationalen Konkurrenz abgehängt.

Kehrtwende von China

Erschwert wird die Lage durch eine neue Entwicklung: In den vergangenen drei Jahren gingen 44 Prozent der russischen Exporte nach China. Die Volksrepublik benötigt Kohle für die Stromerzeugung und für ihre Stahlindustrie. Zuletzt brach die Nachfrage allerdings in beiden Bereichen ein: China hat seine Importe im ersten Halbjahr um 25 Prozent reduziert.

Einerseits, weil auch die chinesische Wirtschaft nicht frei von Problemen ist. Die Stahlnachfrage ist gedämpft, auch aus Sorge vor amerikanischen Strafzöllen.

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Andererseits war der chinesische Kohlebedarf in der Vergangenheit speziell im Sommer hoch, wenn Klimaanlagen und Lüfter auf Hochtouren laufen und der Stromverbrauch nach oben schießt. Am Bedarf hat sich nichts geändert. Trotzdem riefen chinesische Regierungsbeamte die heimische Kohleindustrie in diesem Jahr nicht wie früher dazu auf, die Förderung zu erhöhen: Sie baten die Kohleunternehmen, die Produktion zu drosseln, weil Sonne und Wind die Sommerlast inzwischen immer häufiger allein tragen können.

Das bedeutet nicht, dass China vollständig von erneuerbaren Energien lebt. Die Volksrepublik stößt nach wie vor mehr Emissionen aus als jedes andere Land der Welt und hat im ersten Halbjahr so viele neue Kohlekraftwerke ans Netz angeschlossen wie seit neun Jahren nicht mehr. Das sind inzwischen aber eher Beschäftigungsmaßnahmen als alles andere: In vielen Provinzen hängen Arbeitsplätze von der Kohleindustrie ab. China baut Kohlekraftwerke, die es nie brauchen wird.

Das wahre Bild zeigt sich bei den Emissionen: Im ersten Halbjahr sank der CO2-Ausstoß der Volksrepublik verglichen mit dem Vorjahr um ein Prozent – trotz Wirtschaftswachstums.

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Probleme summieren sich

Das sind gute Nachrichten für die gesamte Welt – außer für die russische Kohleindustrie. "Viele Kohleunternehmen sind zum Untergang verurteilt", sagt ein russischer Energieexperte in der "Moscow Times". "Die weltweite Nachfrage nach Kohle steigt zwar, aber sie wird nur dort abgebaut, wo die Förderung rentabel ist. In Russland sind sowohl der Abbau als auch der Transport teuer."

Für Wladimir Putin summieren sich somit die Probleme im russischen Kerngeschäft. Gazprom steht seinetwegen vor einem Scherbenhaufen. Die russische Ölindustrie weiß keine Antwort auf ukrainische Drohnenangriffe. Nun steht auch russische Kohleindustrie vor dem Zusammenbruch.

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