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Coronavirus – Dritte Welle in Spanien: Noch schlimmer als im Herbst

January 26
01:18 2021
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In Caceres wird ein Corona-Patient ins Krankenhaus eingeliefert

Foto: Javier Caldera / dpa

Jorge Garcia Criado kann nicht mehr. Der Intensivmediziner arbeitet im Universitätskrankenhaus von Salamanca, einer kleinen Stadt im Westen Spaniens. Bis zu 24 Stunden am Stück beatmet er derzeit Patienten, verabreicht ihnen Kortison, er hat da inzwischen eine gewisse Erfahrung. Für Garcia Criado ist es die dritte Corona-Welle.

Im März und April sah Carcia Criado in die erschrockenen Augen der Patienten, die Covid-19 für ein Todesurteil hielten. Im Oktober beatmete er die Menschen, die sich im Spätsommer angesteckt hatten, kurz nach dem Ende des strikten Lockdowns. Und nun muss Garcia Criado jene versorgen, die sich über Weihachten bei Familie und Freunden infiziert haben. Viele Patienten seien auffallend jung.

Die dritte Corona-Welle hat Spanien mit enormer Wucht erfasst. Die 14-Tage-Inzidenz liegt über 800 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Während Italien, Frankreich und Deutschland die Infektionskurve mit harten Maßnahmen nach unten drückten, schoss sie in Spanien zuletzt so steil nach oben, wie es in Großbritannien vor ein paar Wochen noch der Fall war.

Die dritte Welle trifft das Land schon jetzt wesentlich härter als die zweite. Und noch ist nicht sicher, ob sie weniger schrecklich wird als die erste. In einigen Regionen sind die Krankenhäuser schon jetzt voller als im Frühjahr. Wieder werden Feldlazarette errichtet, wieder bitten Ärztinnen und Krankenpfleger mit einem Hashtag um die Mithilfe der Bevölkerung: #solosnopodemos – auf Deutsch: »Allein schaffen wir es nicht.«

Der Anstieg der Infektionszahlen begann schon, als die zweite Welle noch gar nicht ganz vorbei war. Ganz langsam kletterten die Zahlen wieder nach oben, anfangs machte sich kaum jemand Sorgen. Dann kam ein Brückentag, wenig später Weihnachten, Silvester, schließlich Heilige Drei Könige. Die Feiertage, an denen keine strikten Regeln galten, halfen dem Virus: Es sprang von Familie zu Familie, von Freundeskreis zu Freundeskreis.

Im Herbst ist es den spanischen Regionen gelungen, die Infektionswelle mit vergleichsweise milden Maßnahmen zu bremsen. Mancherorts mussten Restaurants schließen, einige Städte durfte man nur mit gutem Grund verlassen, Freunde nur in kleinen Gruppen treffen. »Chirurgisch« nennt Spaniens oberster Virologe und Pandemie-Erklärer Fernando Simón diese Maßnahmen. Im ganzen Land war man froh, die Wirtschaft nicht wieder durch einen harten Lockdown belasten zu müssen.

Aber reichen die chirurgischen Maßnahmen auch diesmal aus? Lässt sich der Anstieg stoppen, bevor das Gesundheitssystem zusammenbricht oder die neue britische Virusmutation sich ausbreitet?

50 Corona-Patienten werden in Salamanca derzeit Tag für Tag ins Krankenhaus eingewiesen. In ein oder zwei Wochen habe man das Niveau der ersten Welle erreicht, sagt Garcia Criado. Die Patienten behandelt er auf notdürftig umfunktionierten Stationen. Die eigentlichen Intensivstationen sind längst voll. Die Stimmung im Krankenhaus sei gespenstisch, sagt Garcia Criado am Telefon. Auf den Korridoren herrsche Stille, die meisten Operationen und regulären Behandlungen wurden verschoben.

Das schlimmste, sagt Garcia Criado, sei die Verzweiflung seiner Kolleginnen und Kollegen: die Müdigkeit der Krankenschwester, die in ihrer Pause kraftlos im erstbesten Sessel versinkt; das Trauma der Ärztin, die mitten im Gespräch mit den Tränen kämpft. Garcia Criado, 44 Jahre alt, ist seit Jahren Intensivmediziner, er ist Stress gewohnt. Jetzt hat er dem Chef vorgeschlagen, die 24-Stunden-Bereitschaftsdienste zu verkürzen, weil er unter diesen Bedingungen nicht lange genug durchhält.

Die Regierung will keine allgemeine Ausgangssperre

Viele spanische Regionen drängen Gesundheitsminister Salvador Illa, härtere Maßnahmen ergreifen zu dürfen. Der Zentralstaat hat ihnen die Kompetenz übertragen, dabei aber im Notstandsgesetz enge Grenzen gesetzt. Eine Ausgangssperre ist etwa frühestens ab 22 Uhr möglich. Viele Regionen würden sie gern vorziehen oder gleich in einen harten Lockdown übergehen. Nur so, glauben sie, kann man noch verhindern, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht.

Gesundheitsminister Illa lehnt das ab. Es brauche keine Gesetzesänderung, um die Infektionszahlen zu senken, argumentiert er. Die Regionen hätten noch genug Spielraum, sie könnten zum Beispiel Restaurants schließen.

Die spanische Zentralregierung gibt sich betont optimistisch. Es gebe erste Anzeichen dafür, dass die Kurve nicht mehr ganz so schnell steige, versichern die Verantwortlichen. Einige Regionen hätten erst Mitte Januar strikte Maßnahmen ergriffen. Die begännen nun zu wirken. Vielleicht sei der Gipfel schon Ende dieser Woche erreicht.

Mittlerweile bemerke man zwei Drittel der Infektionen, heißt es. Im Ministerium schätzt man, dass das mehr seien als in so manchem anderen Land in Europa.

Viele politische Beobachter vermuten, dass das zögerliche Vorgehen politisch motiviert sein könnte. »Die regierenden Sozialisten haben kein Interesse daran, dass Gesundheitsminister Illa im Streit mit den Regionen nachgeben muss«, glaubt Politökonom Miguel Otero vom Thinktank Instituto Elcano. Illa tritt bei der in gut zwei Wochen anstehenden Regionalwahl in Katalonien als Kandidat an, sein Amt als Gesundheitsminister in Madrid wird er deswegen niederlegen.

Seit Beginn der Pandemie war Illa fast jeden Tag im Fernsehen, die Sozialisten kämpfen dank des »efecto Illa« in Katalonien plötzlich um den Sieg mit. Eigentlich sollte Illa als Gewinner antreten, als derjenige, der Spanien durch die schlimmsten Phasen der Pandemie führte und erst abtrat, als der Impfstoff da war. »Das wollen die Sozialisten sich nun nicht kaputt machen lassen«, glaubt Experte Otero. Ein weiterer Lockdown mit Ausgangssperre würde Illas Chancen weiter dämpfen.

Britische Virusmutation könnte schon im März dominant sein

Die Strategie der Regierung ist riskant. Denn ohne Lockdown werden die Infektionszahlen langsamer sinken als im Frühjahr. Gefahr droht vor allem durch die britische Virusmutation B.1.1.7. Sie ist offenbar ansteckender und womöglich auch tödlicher als die bisher gängigen Varianten.

Noch glaubt man im Gesundheitsministerium, dass die Variante in Spanien bisher kaum verbreitet sei. B.1.1.7 mache derzeit nur zwischen einem und vier, maximal fünf Prozent der Fälle aus, heißt es.

Allein: Schon im März, da sind sich die Fachleute einig, könnte die britische Mutation zur dominanten Corona-Variante in Spanien werden. Die Regierung hofft, dass bis dahin viele ältere Spanierinnen und Spanier schon geimpft sind. Doch niemand weiß, ob sich das Virus dann noch mit chirurgischen Maßnahmen stoppen lässt.

Jorge Garcia Criado jedenfalls kann den Optimismus der Regierung nicht mehr nachvollziehen. »Vor Weihnachten haben Regionalpolitiker und Zentralregierung fast gar nichts gemacht«, sagt er. »Und jetzt machen sie das individuelle Verhalten der Bürger für den Anstieg der Zahlen verantwortlich.« Seine Kritik teilen zahlreiche Experten: Die Maßnahmen in Spanien würden stets zu spät ergriffen, die Verantwortlichen reagierten nur, statt einen Anstieg zu antizipieren.

Nachts schläft Garcia Criado schlecht, je näher die nächste Schicht rückt, desto schlimmer wird es, sagt er. Gerade hat sich der Mediziner zeigen lassen, wie man die Lungen von Corona-Kranken röntgt. Für den Fall, so sagt er, dass die Not im Krankenhaus noch größer wird.

Icon: Der Spiegel

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