Coronavirus beherrschte TV-Debatte von Mike Pence und Kamala Harris
Icon: vergrößernKandidaten zwischen Plexiglas: Harris und Pence bei ihrer TV-Debatte
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Fernsehdebatten von US-Vizepräsidentschaftskandidaten lassen sich in der Regel noch schneller vergessen als die ihrer Chefs. Bestenfalls bleiben Soundbites und Anekdoten.
Dass es diesmal anders war, merkten die TV-Zuschauer sofort. Mike Pence, der republikanische Amtsinhaber, und Senatorin Kamala Harris, die Vize-Kandidatin der Demokraten, saßen weit entfernt voneinander, getrennt von großen, aber offenbar weitgehend nutzlosen Plexiglasscheiben. Das Saalpublikum trug Masken, die Platztickets – so erfuhr man nebenher – enthielten den Hinweis, dass jeder für gesundheitliche Folgen selbst hafte.
Die Coronakrise, die seit letzter Woche mitten im Weißen Haus angekommen ist, beherrschte nun auch dieses Forum.
Dafür sorgte allein Donald Trump. Der hatte ja trotz seiner Erkrankung vorzeitig das Krankenhaus verlassen und wenige Stunden vor der Debatte ein bizarres Video gepostet, indem er seine Coronavirus-Infektion als "Geschenk Gottes" pries.
Trumps Vize Pence hatte keine Chance.
Wie schlug sich Kamala Harris?
Die Ex-Generalstaatsanwältin von Kalifornien nutzte die Chance von Anfang an. Sie warf Trump und seinem Team in der Coronakrise "das schlimmste Versagen einer Regierung in der Geschichte dieses Landes" vor. "Sie wussten, was los war, und sie sagten es Ihnen nicht", sagte sie in die Kamera an das Publikum vor den TV-Schirmen gerichtet. "Sie wussten es und sie vertuschten es." Dagegen hatte Pence wenig zu melden.
Einer ihrer stärksten Momente galt einem potenziellen Corona-Impfstoff: Sollten die Mediziner es empfehlen, werde sie sich natürlich impfen lassen. "Aber wenn Donald Trump uns rät, das zu nehmen, dann nehme ich es nicht."
Kühl und mit süffisantem Lächeln versäumte sie es auch nicht, Trumps angebliche 400-Millionen-Dollar-Schulden anzusprechen, außerdem sein enormes Haushaltsdefizit, seine missratene Außen- und Handelspolitik und seine mangelnde Distanz zu Rechtsextremen und Neonazis.
Vor allem tat Kamala Harris, was ihre Hauptaufgabe war: Sie hielt ein 90-minütiges Plädoyer für "Joe", wie sie Biden durchweg nannte, und feuerte scharfe Attacken gegen Trump und Pence, dessen Stellvertreter im Weißen Haus und auf der Bühne. Zugleich bewies die 55-Jährige, dass sie selbst eine versierte Präsidentin wäre im Fall einer Amtsunfähigkeit Bidens – oder bei der nächsten Wahlentscheidung 2024.
Zugleich ließ sie sich von Pence – der sie mehrfach unterbrach – nicht den Mund verbieten: "Mr Vice President, ich rede gerade." Viele Frauen, denen solche Situationen aus dem privaten und professionellen Leben allzu bekannt sind, dürften mitgefühlt haben.
Wie schlug sich Mike Pence?
Der Vizepräsident hatte den andauernden Angriffen von Kamala Harris wenig entgegenzusetzen. Er tat das, was er im Grunde seit vier Jahren tut: Mit traurigem Blick und viel Pathos in der Stimme verteidigte er die Eskapaden seines Chefs.
Trumps Coronapolitik bezeichnete Pence als "beispiellose Leistung". Der Präsident habe allein durch seine frühe Entscheidung, Einreisen aus China zu untersagen, "Hunderttausende von Leben gerettet", behauptete er. Fragen der Moderatorin zu Trumps eigener Erkrankung mit Covid-19 und der Ausbreitung des Virus im Weißen Haus wich Pence derweil beständig aus.
Immerhin: Einige Male gelang es dem Vizepräsidenten selbst, Attacken gegen Kamala Harris und Joe Biden zu platzieren. Sein Hauptziel dabei: Er versuchte, genau die Wahlkampfbotschaften zu setzen, die Trump bei der letzten Debatte gegen Joe Biden eben nicht unterbrachte, weil er damals fast nur zusammenhangslose Parolen abfeuerte.
Pence malte die Demokraten als Bedrohung für Amerikas Wirtschaft und Sicherheit. Unter einer Regierung von Biden und Harris würden die Steuern erhöht und Millionen Arbeitsplätze vernichtet, behauptete Pence. Insbesondere die Klimapolitik der Demokraten, der "Green New Deal", sei eine große Gefahr. "Amerika droht dann eine Depression", warnte Pence.
Bemerkenswert: Anders als sein Boss Trump versuchte Pence, möglichst seriös, respektvoll und zivil zu wirken. Zwar unterbrach er Harris immer wieder. Aber zugleich nickte er ihr mehrfach freundlich zu, auch gratulierte er ihr zu ihrer historischen Rolle als erste schwarze Vizepräsidentschaftskandidatin. Offenbar hat zumindest der Vizepräsident verstanden, dass reines Gepoltere à la Trump nicht bei allen Wählern gut ankommt.
Was waren die kuriosesten Momente?
Einige brennende Fragen kamen nicht von Moderatorin Susan Page von der Zeitung "USA Today", die dem Wortblasendunst von Pence oft hilflos ausgeliefert schien. Sondern sie stellten sich jedem, der zusah: Was war mit Pence' Auge los? Und war das eine Fliege, die auf seinem festgesprühten Haar klebte?
In der Tat war das linke Auge des Vizepräsidenten während der Debatte sichtlich blutunterlaufen. Was nicht nur Kommentatoren und Epidemiologen sofort zu Spekulationen veranlasste. Viele wiesen auf Twitter darauf hin, dass eine Bindehautentzündung Symptom einer Covid-19-Erkrankung sei. Nach Informationen von ABC News haben sich inzwischen mindestens 34 Personen aus dem Umfeld Trumps mit dem Coronavirus infiziert. Pence testete nach Angaben seines Teams vor der Debatte erneut negativ.
Die beharrliche Fliege amüsierte selbst Biden: "flywillvote.com", twitterte er – was zu der Wahl-Website "I will vote" der Demokraten führte. "Die Fliege flog weg, weil ihr langweilig wurde", lästerte MSNBC-Moderatorin Nicole Wallace.
"Ich habe erst hinterher von dieser berühmten Fliege erfahren", sagte Harris' Ex-Vorwahlrivale Pete Buttigieg anschließend fast enttäuscht im Kabelsender MSNBC. Dass solche Ablenkungen überhaupt so ein großes Thema waren, zeigt, wie absurd dieser Wahlkampf geworden ist.
Wer hat gewonnen?
Insgesamt machte Kamala Harris eine bessere Figur als Pence. Es ist aber nicht zu erwarten, dass diese Debatte an der derzeitigen Stimmung im Wahlvolk viel ändert. Sie unterstreicht eher den allgemeinen Trend: In den Umfragen liegen die Demokraten derzeit klar vorn, Trump und seine Republikaner schaffen es aktuell nicht, die Stimmung zu ihren Gunsten zu drehen.
Pence war da auch keine wirkliche Hilfe. Er hat allenfalls die treue Wählerbasis der Partei gesichert, nicht mehr und nicht weniger.
Viel wird jetzt davon abhängen, ob Trump in den verbleibenden zwei TV-Debatten gegen seinen Herausforderer Biden noch Boden gut machen kann. Am 15. und 22. Oktober sollen die Präsidentschaftskandidaten erneut aufeinandertreffen. Sofern Trump bis dahin wieder vollständig genesen ist.
Und natürlich gilt wie immer: Weitere Überraschungen sind in diesem Wahlkampf nicht ausgeschlossen. Wir leben schließlich im Trump-Zeitalter. Noch.
Icon: Der Spiegel

