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Corona: Warum Thüringen und Sachsen so langsam impfen

January 09
07:33 2021
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Impfstoff

Foto: Matthias Bein / dpa

Ginge es nach der Greizer Landrätin Martina Schweinsburg, hätte ihr Bundesland Thüringen das mit dem Impfen alles anders organisiert. »Wir wissen ja nicht einmal, was hier genau die Strategie ist und wie vorgegangen wird«, sagt sie. »Das Impfen wird allein vom Sozialministerium und der Kassenärztlichen Vereinigung organisiert, wir erfahren kaum etwas.«

Die CDU-Politikerin ist unglücklich darüber, wie es läuft: die Informationswege, die bisher so niedrige Impfquote, die Auswahl der Objekte in den Kommunen für die Impfzentren.

Das Impfen ist eigentlich der Hoffnungsschimmer für das Jahr 2021. Ein effektiver Weg, um die Todeszahlen zu senken, ebenso die Infektionen, die Überlastung des Gesundheitssystems zu bremsen. Je schneller es vorangeht, desto schneller ist der Shutdown-Spuk vorbei, so die Hoffnung.

Doch der Impfstart in Deutschland läuft rumpelig. Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind Stand Freitag gerade mal knapp 480.000 Menschen im Bundesgebiet geimpft worden.

Ausgerechnet in Thüringen und Sachsen geht es mit dem Impfen bisher besonders langsam voran. Beide Länder haben bundesweit die höchsten Werte bei der 7-Tage-Inzidenz. In Sachsen wurde am Freitag bei einem Rückkehrer aus Großbritannien erstmals die neue, hochinfektiöse Mutante des Virus nachgewiesen, die die Lage im Bundesland noch verschlimmern könnte.

Beim Impfen steht Thüringen dafür auf der Tabelle der Bundesländer weit hinten, knapp 8000 Menschen sind bislang immunisiert, im Nachbarland Sachsen-Anhalt sind es fast 20.000. Beide Länder haben ähnlich wenige Einwohner. Angeführt wird die Tabelle von Mecklenburg-Vorpommern mit 24.000 Impfungen. Das entspricht 15 Impfungen pro 1000 Einwohner. Thüringen liegt bei 3,7 und Sachsen bei 3,8.

Woran liegt diese Differenz? Warum hinken gerade die schwer betroffenen Hotspot-Länder Thüringen und Sachsen so hinterher?

Krankenhäuser first

In Thüringen werden dafür verschiedene Gründe genannt. Zum einen hat sich das Land entschieden, zunächst in den Krankenhäusern zu impfen.

80 Prozent der bisher gelieferten Impfstoffe sind für die Krankenhäuser vorgesehen. Diese Strategie wird in mehreren Bundesländer verfolgt, die Quote in Thüringen ist aber besonders hoch.

"Die Strategie entscheidet das Gesundheitsministerium und ich halte das für richtig", sagt Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Wenn man zunächst die Menschen in den Krankenhäusern immunisiere, biete das für die Beschäftigten und das Gesundheitssystem einen Schutz. Dort jedoch werde noch nicht genügend gemeldet, wie viele Personen geimpft seien.

Die Zahl der tatsächlich Geimpften könnte also etwas höher sein. Zudem ist die Bereitschaft bei den Beschäftigten in den Krankenhäusern bisher gering. Ramelow appellierte zuletzt, dass sich möglichst viele in den Krankenhäusern impfen lassen sollten.

20 Prozent der bisher gelieferten Impfstoffe sind in Thüringen für die Altenheime vorgesehen, wo in Kleinteams geimpft wird. Das funktioniert auch gut bisher. Es dauert aber in den Altenheimen lange, weil viel erklärt werden muss.

Aus den Landkreisen ist zudem von Unmut darüber zu hören, dass die lokalen Gesundheitsämter und Kreisverwaltungen nicht bei der Organisation eingebunden wurden. Zuständig für die Impfungen ist die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT), die mit dieser Aufgabe allein aber überfordert sei. »Wir sind überall eingebunden, deswegen kamen wir überhaupt nicht auf die Idee auch beim Gesundheitsministerium anzumelden, dass dies auch bei den Impfungen der Fall sein sollte«, sagt die Landrätin Martina Schweinsburg.

Von der KVT wird dies zurückgewiesen. »Zusammenarbeit mit den Landkreisen, insbesondere mit den Gesundheitsämtern, gab es in vielen Fällen bei der Auswahl der Standorte für die Impfstellen", sagt der KVT-Sprecher Veit Malolepsy. »Weitere Absprachen, zum Beispiel zur Terminvergabe, gab es zunächst nicht, um die Gesundheitsämter, die mit der Kontaktverfolgung bereits umfangreich beschäftigt sind, nicht mit zusätzlichen Aufgaben zu belasten.«

Ein anderer Kritikpunkt ist etwa die Reihenfolge der Pflegeheime, die in mehreren anderen Bundesländern von den Kreisen bestimmt wird. »Wir fänden es gut, wenn wir bei dieser Frage eingebunden würden«, sagt etwa der Jenaer Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP). »Auch und gerade dort, wo es bereits Ausbrüche gibt, würden wir gern impfen. Derzeit wird die genau andere Strategie gefahren, was ich nicht für richtig halte«, so Nitzsche.

Am kommenden Mittwoch sollen in Thüringen die 14 Impfstellen geöffnet werden, wo dann zentral geimpft wird. Da soll die Zahl der Geimpften noch mal erheblich steigen. Bisher wurden 30.000 Termine für die Erst- und Zweitimpfung bereits vergeben. In Sachsen-Anhalt und Sachsen öffnen sie schon am Montag. Begründung in Thüringen ist, dass gerade viele Ältere noch am Montag zu ihrem Hausarzt gehen würden und die Ärzte auch noch die Grundversorgung sicherstellen müssten.

Bei der Terminvergabe für die Impfzentren jedoch gab es nun schon mehrfach technische Pannen. Gleich am ersten Tag, als eine entsprechende Hotline freigeschalten wurde, fiel der Strom aus, sodass die Nummer nicht erreichbar war. Ende Dezember wurde das Online-Portal für die Termine aus bisher nicht ganz geklärten Gründen mit Tausenden Anfragen überflutet, sodass die Server überlastet waren und mehrere Hundert Menschen ihre Termine noch mal buchen mussten.

Impfzentren zu, weil zu wenig Impfstoff

Auch in Sachsen sind 13 Impfzentren noch nicht geöffnet, was die Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) auf den fehlenden Impfstoff zurückführt. Die Zentren hätten nach kurzer Zeit wieder schließen müssen, weil der Nachschub fehle.

Knapp mehr als die Hälfte der bislang gelieferten Biontech-Dosen gingen direkt an Krankenhäuser, die in eigener Verantwortung ihr Personal impfen. Wie in Thüringen will man verhindern, dass sich die ohnehin angespannte Personalsituation durch weitere Corona-Fälle verschärft.

Die restlichen Dosen werden durch mobile Impfteams im Land verteilt – vorrangig in Alten- und Pflegeheimen. Alle vorhandenen Dosen, so heißt es, seien »verteilt oder verplant«.

Immerhin, in Sachsen öffnen die Impfzentren wie in Sachsen-Anhalt bereits am Montag, allerdings auch nur für Menschen mit höchster Priorität, man rechnet ab kommender Woche mit 2.800 Impfungen täglich. Bis Ende Januar, so die Botschaft des Sozialministeriums, sollen etwa 18 Prozent der am meisten gefährdeten Gruppe geimpft sein.

Zeitnah soll auch der am Mittwoch von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zur Zulassung durch die EU empfohlene Moderna-Impfstoff die Lage entspannen. Allerdings erhält Deutschland in den ersten drei Monaten wohl nur zwei Millionen Dosen. In den Hotspots Thüringen und Sachsen sind sie deshalb zurückhaltend. Und: Das Mittel werde in großen Dosen zu zehn Impfungen ausgeliefert. Das sei zu groß für Hausarztpraxen, man laufe Gefahr, knappe Impfstoffmengen gegebenenfalls vernichten zu müssen, heißt es.

Sachsens Gesundheitsministerin Köpping moniert, dass bisher die Verteilung des Impfstoffes allein nach der Einwohnerzahl der Bundesländer organisiert wird. »Ich glaube, dass auch andere Faktoren bei neuen Lieferungen eine Rolle spielen sollten. Wir haben die bundesweit höchste Inzidenz. Ein Faktor sollte auch sein, welche Bundesländer einen besonders hohen Anteil an älteren Menschen haben. Dazu gehört Sachsen«, so Köpping. Sachsen hat etwa rund eine Million Menschen, die älter als 65 Jahre sind.

»Sie müssen schnell besonders geschützt werden. Gerade mit Blick auf die Menschen, die zu Hause leben, dauert das zu lange. Wir brauchen daher schneller mehr Impfstoff«, fordert Köpping.

Icon: Der Spiegel

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