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Corona nimmt’s, der Staat gibt‘s – Studie zu Einkommensverlusten

December 10
12:47 2020
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Große Packhofstraße in Hannover: Fast 90 Prozent der Einkommensverluste fängt der Staat im Schnitt auf

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Hauke-Christian Dittrich / DPA

Die Pandemie hat die deutsche Wirtschaft tief abstürzen lassen – doch der Sozialstaat hat die finanziellen Auswirkungen auf Bürgerinnen und Bürger extrem abgefedert. Mehr noch: Er hat dafür gesorgt, dass die Ungleichheit nicht gestiegen ist – obwohl die Coronakrise Menschen mit kleinen Einkommen im Verhältnis deutlich stärker getroffen hat als jene mit höheren Einkommen. Das zeigt eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zumindest für die Zeit bis August 2020, also noch vor dem neuerlichen Shutdown ab Anfang November.

Demnach sind die Brutto-Einnahmen der Menschen aus Erwerbsarbeit und Selbstständigkeit, aber auch aus Vermietungen oder Kapitalanlagen in der Krise im Schnitt pro Kopf um 107 Euro im Monat gesunken – Ökonomen sprechen hier von den Markteinkommen. Wesentlich geringer sind die Verluste allerdings bei den verfügbaren Einkommen, also dem Geld, das tatsächlich jeden Monat auf dem Konto landet, nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben und inklusive staatlicher Leistungen wie Rente, Kurzarbeitergeld, Grundsicherung oder Kindergeld. Diese verfügbaren Einkommen sanken im Schnitt pro Kopf lediglich um zwölf Euro im Monat. Insgesamt also, über die ganze Bevölkerung hinweg, kompensiert der Staat die Krisenverluste seiner Bürger fast vollständig; von zehn verlorenen Euro gibt er ihnen fast neun wieder zurück – im Schnitt.

Doch so beruhigend der Blick aus der Vogelperspektive ist – wie verhält es sich bei näherem Hinsehen, wenn sich Gut- und Schlechtverdiener, Selbstständige und Arbeitnehmer, Eltern und Kinderlose unterscheiden lassen? Die Antwort ist deshalb von besonderer Relevanz, weil sich die soziale Frage in der aktuellen Krise wieder neu und mit Nachdruck stellt. Der häufig geäußerte Schluss liegt nahe, dass Corona die Ungleichheit zwischen Armen und Reichen noch vergrößert, dass es zuvorderst jene hart trifft, die ökonomisch am verletzlichsten sind, und jene verschont werden, die ohnehin auf der Sonnenseite stehen.

Das ist richtig und falsch zugleich, wie die Studie des IW zeigt. Denn in der Tat sind die Markteinkommen – also vor allem die ausgezahlten Löhne – in den unteren Einkommensgruppen im Vergleich zum Jahr 2019 massiv gesunken, in den oberen Gruppen weit weniger stark. Betrachtet man aber die verfügbaren Einkommen – also das Geld, das die Menschen tatsächlich ausgeben können –, verhält es sich andersherum: Die unteren Gruppen haben sogar etwas mehr Geld als im Vorjahr, die oberen etwas weniger.

Wie kann das sein? Denn die These der krisenbedingt steigenden Ungleichheit erscheint ja durchaus plausibel. Im Shutdown leiden jene Branchen, in denen die Beschäftigten ohnehin schlecht verdienen: Gastronomie, Kultur, Einzelhandel oder Tourismus. Die Wahrscheinlichkeit, im Homeoffice arbeiten – und damit weiter normal verdienen – zu können, steigt mit den Löhnen. Und für Alleinerziehende ist auch die mögliche ökonomische Belastung durch geschlossene Kitas und Schulen ungleich größer als für Eltern in einer Paarbeziehung.

Das Problem dabei: Es gibt bisher kaum belastbare Daten, um diese Vermutung zu überprüfen. Amtliche Statistiken wie der Mikrozensus oder die Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) – einer Langzeitbefragung Tausender Haushalte – werden erst in einigen Jahren Auskunft über die exakte Wirkung der Krise geben. Wer fundiert herausfinden will, welche Personengruppen besonders hart von der Krise getroffen wurden, konnte bislang auf die SOEP-Sonderbefragung aus dem März und April sowie die Erwerbstätigenbefragung des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts aus April und Juni zurückgreifen. Demnach leiden Selbstständige, Eltern und besonders Alleinerziehende am stärksten unter der Krise. Bei Geringverdienern waren die Befunde nicht eindeutig. (Hier finden Sie eine detaillierte Analyse dieser Daten.)

Nun präsentieren die IW-Verteilungsforscherin Judith Niehues und die IW-Ökonomen Martin Beznoska und Maximilian Stockhausen neue Daten: Sie ließen im August mehr als 1200 Personen befragen – entsprechend sind die Effekte des neuerlichen Shutdowns ab November nicht enthalten. Die Ergebnisse verknüpfte das Team mit SOEP-Daten – und ergänzte es um eine wichtige Komponente: Sie berechneten die Effekte von Sozialleistungen, Steuern und Abgaben, also den Einfluss staatlicher Umverteilung.

Dieser staatliche Einfluss dämpft demnach nicht nur den Kriseneffekt steigender Ungleichheit, sondern kehrt ihn sogar um. Der Gini-Koeffizient – ein international gebräuchliches Maß für Ungleichheit – ist den Berechnungen zufolge von 29,2 Prozent im Jahr 2019 auf nun 28,9 Prozent gesunken.

Damit kommt das IW-Forscherteam zu einem anderen Ergebnis als die Forscher des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts, die eine höhere Ungleichheit durch die Coronakrise konstatierten. Das kann daran liegen, dass das WSI ausschließlich Erwerbspersonen befragte. Das IW befragte hingegen einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, also auch Rentner, die wiederum einen großen Anteil an den unteren Einkommensgruppen haben.

Da die Renten in diesem Jahr stark gestiegen sind, kann das erheblich dazu beigetragen haben, dass die verfügbaren Einkommen in den unteren Gruppen im Schnitt nicht gefallen sind. Allgemein sorgen die etablierten Systeme des Sozialstaats – allen voran das Kurzarbeitergeld – dafür, dass das Gros der Einkommensverluste ausgeglichen wird.

Einen weiteren Teil beigetragen haben Entscheidungen der Regierungen in Bund und Ländern, die gezielt in der Pandemie getroffen wurden:

  • Die Anhebung des Kurzarbeitergelds bei längerem Bezug,

  • der Kinderbonus von 300 Euro pro Kind,

  • der erheblich höhere Steuerfreibetrag für Alleinerziehende,

  • aber auch die Hilfen des Staates für Selbstständige und der erleichterte Zugang zu Hartz IV.

Doch einige Effekte gehen auch auf Änderungen zurück, die die Große Koalition bereits vor der Krise zugunsten niedriger Einkommen beschlossen hatte und die zum Jahreswechsel wirksam wurden, etwa die Verbesserungen bei Wohngeld und Kinderzuschlag.

Das erklärt zum Teil die Unterschiede zwischen verschiedenen Haushaltstypen: Alleinerziehende etwa konnten ihr verfügbares Einkommen im Schnitt trotz Krise steigern – während Paare mit einem Kind hingegen weniger Geld zur Verfügung haben. Für den Unterschied dürften der erhöhte Steuerfreibetrag für Alleinerziehende sowie die Verbesserungen bei Wohngeld und Kinderzuschlag sorgen.

Die IW-Studie enthält noch eine Reihe weiterer relevanter Befunde:

Selbstständige – individuell hohe Verluste, doch mitunter nur etwas weniger Wohlstand

Auch in der IW-Befragung ist unter den Selbstständigen der Anteil derer, die Einkommensverluste beklagen, mit 47 Prozent enorm hoch – damit werden die bestehenden Erhebungen bestätigt. Bei den Arbeitnehmern berichteten 18,5 Prozent über Verluste. In beiden Gruppen gab nur ein sehr kleiner Teil an, ihr Einkommen trotz der Krise gesteigert zu haben. Bei den Menschen mit Vermögenseinkommen – also Kapitalanlagen, Unternehmensbesitz, Vermietungen und dergleichen – verzeichneten 41 Prozent ein Minus, aber auch 17 Prozent ein Plus. Minijobber waren im Übrigen mit einem Anteil von 45 Prozent fast so häufig von Einkommensverlusten getroffen wie Selbstständige.

Weniger drastisch sieht das Bild aber aus, wenn es um die Frage geht, wie stark der Lebensstandard von Selbstständigen im Schnitt sank. Betrachtet man nämlich das gesamte verfügbare Einkommen eines Haushalts (und berücksichtigt dabei auch die Zahl der Personen im Haushalt) verzeichneten Selbstständige mit 3,2 Prozent zwar das höchste Minus unter den Erwerbstätigen – aber auf einem absolut gesehen recht niedrigen Niveau.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer büßten 1,5 Prozent Einkommen ein, Minijobber 1,8 Prozent. Die einzige Berufsgruppe, die in der Krise im Schnitt zulegen konnte, waren mit plus 0,3 Prozent die Beamten.

Ein anderer Aspekt: Das individuelle Einkommen muss nicht immer viel über den tatsächlichen Lebensstandard aussagen – wenn Partnerin oder auch Eltern beziehungsweise Kinder entsprechend verdienen.

So gehörten zwar mehr als die Hälfte der Selbstständigen, die in der IW-Befragung angaben, in der Krise über ein Viertel ihres Bruttogewinns eingebüßt zu haben, zu der Gruppe mit ohnehin niedrigen Einnahmen aus ihrer Tätigkeit von weniger als 2000 Euro im Monat. Gleichzeitig lebten fast 60 Prozent von ihnen in einem Haushalt mit einem Nettoeinkommen von mehr als 3200 Euro im Monat.

Folgende Grafik macht deutlich, dass Selbstständige im Schnitt deutlich häufiger als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung in Haushalten mit hohen Einkommen leben.

Ein Teil der Selbstständigen kann also auch hohe Verluste des eigenen Geschäfts relativ gut verkraften, ohne den Lebensstandard stark einschränken zu müssen.

Gleichzeitig ist der Anteil von Selbstständigen, die in Haushalten mit sehr niedrigen Einkommen bis 1300 Euro netto im Monat leben, mit elf Prozent mehr als fünfmal so hoch wie bei Arbeitnehmern. Bei ihnen können andere Familienmitglieder die Einkommensverluste nicht kompensieren. Innerhalb der Gruppe der Selbstständigen ist die Spreizung des Lebensstandards also hoch – und damit auch die Verletzlichkeit durch die Coronakrise sehr unterschiedlich. Laut den IW-Daten sind aber vor allem Selbstständige mit höheren Haushaltseinkommen von Krisenverlusten betroffen.

Die obere Hälfte verliert mehr Einkommen – aber merkt es weniger

Wenn es darum geht, wie gut jemand finanziell dasteht, ist Einkommen nur die eine Seite – die andere sind die Ausgaben. Das wird deutlich bei der subjektiven – also gefühlten – Veränderung der finanziellen Situation durch die Krise. Obwohl Haushalte mit höheren Einkommen (unter Berücksichtigung der Personenanzahl) objektiv im Schnitt höhere Einkommensverluste verzeichneten, gaben sie deutlich seltener an, ihre Situation habe sich verschlechtert. Im Gegensatz dazu hatten rund 30 Prozent der untersten Einkommensklassen dieses Gefühl – obwohl das verfügbare Einkommen hier im Schnitt objektiv gestiegen ist.

Das IW liefert keine Erklärung für diese Diskrepanz, aber es liegt nahe, dass gerade die reicheren Haushalte auch weniger ausgeben als vor der Krise. Kostspielige Auslandsreisen, gehobene Abendessen, Familienausflüge in Freizeitparks – das alles geht in diesem Jahr seltener oder gar nicht. Das wird auch an der Sparquote deutlich, die in diesem Jahr wohl einen Rekordstand erreichen wird. Wer also zwar weniger Geld einnimmt als im vergangenen Jahr, die Ausgaben aber noch stärker reduziert hat, empfindet die finanzielle Situation als gleich oder sogar besser als vor der Krise.

Icon: Der Spiegel

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