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Corona-Krise in Indien: Fake News haben fatale Folgen

June 10
01:00 2020
Viele Wanderarbeiter sind arbeitslos geworden, sie warten, wie hier in Delhi, auf einen Bus nach Hause. Icon: vergrößern

Viele Wanderarbeiter sind arbeitslos geworden, sie warten, wie hier in Delhi, auf einen Bus nach Hause.

AP

Am 24. März verordnete die indische Regierung der Bevölkerung einen strikten Lockdown. Hunderttausende verloren ihre Arbeit; sie leben von Erspartem, viele auf der Straße. Millionen Wanderarbeiter flohen in den vergangenen Wochen aus den großen Städten, aus Delhi oder Mumbai, Orte, die ihnen keine Arbeit mehr bieten. Sie flohen auch vor den Menschenmassen und der Gefahr einer Infektion durch das Virus.

Die Stimmung, sagt der Journalist Pratik Sinha, sei panisch. Die Coronakrise habe auf drastische Weise die wirtschaftliche Ungleichheit freigelegt und antimuslimische Ressentiments befeuert. Eine Stimmung, auf deren Boden sich besonders gut Fake News verbreiten können. Sinha hat vor drei Jahren die Fact-Checking-Website "AltNews" gegründet. Dort klärt er über Gerüchte auf, recherchiert Behauptungen hinterher. Indien gilt weltweit als ein Land mit besonders hoher Fake-News-Dichte.

SPIEGEL: Herr Sinha, welche Fake News kursieren in Indien in Bezug auf das Coronavirus?

Sinha: Oh, sehr viele. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Nehmen wir zum Beispiel die angeblichen Wundermittel gegen das Virus: Es gab etwa das Gerücht, eine homöopathische Behandlung, die Arsenic-Album-Therapie würde die Leute prophylaktisch vor einer Infektion schützen. Diese Therapie wurde sogar von der Regierung beworben. Und ist völliger Unsinn. Genauso die Behauptungen, dass Zitrone in heißem Wasser, Knoblauch oder Ingwer das Immunsystem vor dem Virus schützten.

Es gibt auch die Theorie, bestimmte Minderheiten – vor allem die Muslime – würden absichtlich das Virus verbreiten. Die Behauptungen wurden durch Videos angeheizt, auf denen Leute zu sehen sind, die angeblich in der Öffentlichkeit andere Menschen anniesen. Im Lockdown haben die Menschen extrem viele solcher Inhalte im Internet konsumiert.

SPIEGEL: Warum halten sich diese Mythen so hartnäckig, warum glauben Menschen daran?

Sinha: Vielen Bürgerinnen und Bürgern in Indien bleibt nichts anderes übrig, als auf diese "Hausmittel" zu vertrauen. Auf eine ernst zu nehmende Gesundheitsversorgung können sie nicht hoffen. Viele sind aber auch grundsätzlich skeptisch gegenüber der Medizin. In den vergangenen Jahren wurde das öffentliche Gesundheitswesen in Indien extrem geschwächt, Krankenhäuser wurden privatisiert. Die Menschen haben das Gefühl, es gehe mehr um den Profit als um den Patienten. Auch deshalb vertrauen sie sich der alternativen Medizin an, sind empfänglich für Verschwörungstheorien.

In der Coronakrise sehen wir, wie Autoren von Falschnachrichten ganz gezielt mit der Angst der Menschen spielen: Wann hört diese Krise auf? Wird es einen Impfstoff geben? In ihrer Angst verfallen die Menschen diesen Theorien.

SPIEGEL: In Indien verbreiten sich Fake News vor allem über WhatsApp-Gruppen, denen oft Hunderte Nutzer angehören. Sie sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt, es ist fast unmöglich mitzubekommen, was in diesen Chats abläuft. Was setzen Sie diesen Unwahrheiten entgegen?

Sinha: Als wir 2017 mit unserer Plattform starteten, stammten die Fake News vor allem aus dem rechten Parteienspektrum, aus Modis Regierungspartei BJP und seinen Unterstützern. Heute kommen sie aus allen politischen Lagern. Der gesamte indische Wahlkampf 2019 war dominiert von Fake-News-Kampagnen. Erst vor ein paar Tagen haben wir wieder eine falsche Geschichte entlarvt, die die Regierung auf ihrer eigenen sogenannten Fact-Checking-Seite "PIB" lancierte – und die einzig und allein dazu dienen sollte, die Folgen des politischen Missmanagements in der Coronakrise von sich zu weisen.

SPIEGEL: Worum ging es?

Sinha: Es geht um ein Video, das in den sozialen Netzwerken sehr oft geteilt wurde: Es zeigt, wie ein Kleinkind versucht, seine tote Mutter aufzuwecken. Die Frau starb im Zug, während sie mit ihrem Kind in Richtung Heimat unterwegs war. Viele flüchten in diesen Tagen zurück zu ihren Familien aufs Land, weil sie aufgrund der Coronakrise in indischen Städten ihre Jobs verloren und oft seit Tagen nichts gegessen haben.

Die Regierung und die Verantwortlichen der Bahn behaupten, die Frau im Video sei aufgrund einer Vorerkrankung gestorben – und nicht etwa an den unmenschlichen Bedingungen in den Zügen. Viele Züge sind überfüllt, es gibt kaum Wasser und Essensversorgung, dazu die große Hitze; im ganzen Land brechen Menschen aus Erschöpfung zusammen.

Wir haben dann mit Familienmitgliedern und einer Ärztin gesprochen, die uns versicherten: Die junge Frau hatte keinerlei Vorerkrankung. Die Regierung hat, nach allem, was wir wissen, gelogen. Wir klären auf. Aber das alleine reicht nicht aus.

SPIEGEL: Was braucht es noch?

Sinha: Zuerst einmal müssen sich die sozialen Netzwerke endlich ihrer Verantwortung stellen für die Inhalte auf ihren Plattformen. Es ist 2020 und diese Unternehmen tun so gut wie nichts gegen Fake News, obwohl sie die großen Bühnen der Fake-News-Autoren sind. Ihre Priorität ist der Profit. Nehmen Sie YouTube: Es gibt dort keine Funktion, mit der Falschinformationen markiert werden. Ähnlich bei Twitter. Auch Facebook geht nur sehr zaghaft gegen Fake News vor.

SPIEGEL: Eine Studie des Reuters Institute zeigt: 68 Prozent der Inder nutzen das Smartphone als Nachrichtenquelle, 52 Prozent informieren sich bei WhatsApp oder Facebook. Steht Digitalkompetenz auch auf dem Stundenplan in den Schulen?

Sinha: Leider nein. Dabei spielt Bildung eine so große Rolle. Schulen müssen anfangen, über Falschinformationen aufzuklären. Es herrscht ein Informationschaos auf der Welt. Was können wir glauben, was nicht? Das sollten wir Kindern schon in der Grundschule beibringen.

Bildung und digitale Kompetenz stoßen aber auch an Grenzen: Schauen Sie in die USA, dort gibt es ein viel höheres Bildungsniveau als in Indien, auch eine höhere digitale Kompetenz, und dennoch kursieren unfassbar viele Fake News. Die Gesellschaft ist extrem polarisiert, der Präsident spaltet.

Die indische Bevölkerung ist seit Jahren aufgepeitscht, Minderheiten werden ausgegrenzt, Menschen werden durch Gesetze diskriminiert. Erst im Dezember und Januar gab es in Indien riesige Proteste gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz, es gab viele Tote. Diese sozialen Spannungen und Ängste sind der Boden, auf dem sich Fake News verbreiten.

SPIEGEL: Sie sagen, Fake News können töten. Wie meinen Sie das?

Sinha: Allein, dass Leute aufgrund falscher Information die falschen Medikamente schlucken, wenn sie mit Corona infiziert sind, kann zum Tod führen. Ein anderes Beispiel: Seit Jahren verbreitet sich über WhatsApp in Indien das Gerücht, dass Leute durchs Land ziehen, um Kinder zu entführen. Die Leute hören das, sie erzählen es weiter, sie bekommen Panik. Das ging teils so weit, dass Lynchmobs loszogen, Menschen angriffen oder sogar töteten, die sie für Kidnapper hielten. Dutzende Morde gehen auf dieses Gerücht zurück. Der Kidnapping-Mythos verbreitete sich über die Landesgrenzen hinweg bis nach Bangladesch. Auch dort wurden mehrere Menschen umgebracht.

SPIEGEL: Fast doppelt so viele Inder als noch vor ein paar Jahren besitzen heute ein Smartphone, auch auf dem Land haben Menschen dadurch zum ersten Mal Zugang ins Internet. Was verändert sich dadurch?

Sinha: Als sich immer mehr Menschen mobiles Internet leisten konnten, hieß es: großartig! Das wird zu einer Demokratisierung der Menschen führen. Endlich sind Informationen nicht mehr nur einer kleinen Elite zugänglich. Endlich können sich auch die normalen Leute eine Meinung bilden. Aber so kam es nicht: Denn viele Inder wissen nicht, wie sie mit der Masse an Information umgehen, welchen Infos sie trauen können. Sie sind die leichtesten Opfer für Verschwörungstheorien.

Icon: Der Spiegel

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