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Corona-Erreger: Kann Gurgel-Test aus Österreich Sars-CoV-2 nachweisen?

August 18
20:21 2020
Eine Demonstration des Gurgel-Tests auf einer Pressekonferenz in Wien Icon: vergrößern

Eine Demonstration des Gurgel-Tests auf einer Pressekonferenz in Wien

Foto: Roland Schlager / dpa

Während in vielen Bundesländern die Schule nach den Sommerferien bereits wieder begonnen hat, herrscht in Baden-Württemberg noch Urlaubsstimmung. Auch in Bayern, Bremen, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen sind die Schulflure derzeit noch verwaist. Überall anders stellen sich Lehrer, Eltern und Schüler derzeit schon bange Fragen: Wie viel Normalität ist möglich beim Unterricht in der Pandemie? Wie belastbar sind all die Corona-Konzepte, die Bildungspolitiker in den vergangenen Monaten entwickelt haben? Und was passiert, wenn die Infektionszahlen in den Bildungseinrichtungen ansteigen?

In Österreich sind die Schüler aller Bundesländer noch in den Ferien. Doch auch hier machen sich die Verantwortlichen Gedanken über den bevorstehenden Schulstart. Bei einem Pressetermin am Montag verkündete Bildungsminister Heinz Faßmann in Wien eine womöglich interessante neue Strategie, um sich einen besseren Überblick über die Infektionslage in den Bildungseinrichtungen zu verschaffen: Alle drei Wochen sollen 15.000 Schülerinnen und Schüler sowie 1200 Lehrkräfte auf den Sars-CoV-2-Erreger getestet werden. An dem Projekt seien die Universitäten Wien, Linz, Graz und Innsbruck beteiligt.

Das Besondere daran: Die Proben an den 250 Schulen des Projektes sollen nicht wie bisher mit Abstrichtupfern tief im Rachen genommen werden, was eine ziemlich unangenehme Angelegenheit sein kann. Stattdessen wird mit einer kleinen Menge an Salzlösung gegurgelt. Nach 60 Sekunden spuckt man die Flüssigkeit dann in ein Probenröhrchen. Auf Virenerbgut analysiert wird diese später mit einem herkömmlichen PCR-Test im Labor, wie er auch bei der Auswertung von Abstrichproben zum Einsatz kommt.

Allerdings sollen beim österreichischen Ansatz die Proben von bis zu zehn Getesteten zusammen ausgewertet werden. Nur für den Fall, dass der Test anschlägt, soll es Einzeltests geben. (Lesen Sie hier mehr zur Strategie des sogenannten Poolens, mit der die Gesamtzahl an Corona-Tests deutlich erhöht werden kann.)

Die neue Testform sei eine Ergänzung zu den klassischen Tests, so Minister Faßmann. Der Gurgeltest sei "genauso verlässlich wie die Methode mit den Wattestäbchen", so Michael Wagner vom Zentrum für Mikrobiologie an der Universität Wien. Entwickelt wurde er vom Forschungsverbund Vienna Covid-19 Diagnostics Initiative (VCDI). Zum Einsatz kommt das Verfahren derzeit auch bei der Untersuchung von Reiserückkehrern aus Kroatien. Eine Studie zur Leistungsfähigkeit ihres Tests haben die österreichischen Forscher zwar nach eigenen Angaben angefertigt, auf SPIEGEL-Anfrage erklärte das Bildungsministerium in Wien jedoch, diese sei derzeit noch nicht öffentlich verfügbar.

"Ich rechne mit mehr falsch negativen Testergebnissen"

Harald Renz vom Universitätsklinikum Gießen ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL). Vom SPIEGEL zur Aussagekraft des Gurgeltests befragt, zeigt er sich nicht übermäßig euphorisch: "Ein negativer Test mit solch einer Methode hat wenig Aussagekraft. Ich rechne mit mehr falsch negativen Testergebnissen."

Das heißt: Ist ein Getesteter krank, kann es trotzdem fälschlicherweise passieren, dass das Ergebnis lautet: "kein Sars-CoV-2".

Renz gibt zu, dass der aktuell gebräuchliche tiefe Mund-Nasen-Rachenabstrich zur Probengewinnung für die Coronatests "eine extrem unangenehme Untersuchung" ist. Der Wunsch, auf schonendere Weise an Analysematerial zu kommen, sei daher nachvollziehbar. Der Erreger sei aber zumeist an schwer zu erreichenden Stellen im Rachen zu finden, so Renz: "Das Virus sitzt hinten oben, nicht hinten unten. Da komme ich nur durch die Nase ran." Daher bleibe das aktuell praktizierte Testverfahren "der Goldstandard".

Erste Gurgel-Tests in Köln

Auch das Robert Koch-Institut hatte auf Anfrage des "Tagesspiegels" erklärt, beim Gurgel-Verfahren werde die Sensitivität "in der Regel als geringer eingeschätzt als bei einem guten Abstrich". Das Verfahren sei grundsätzlich möglich. Es könne in bestimmten Probandengruppen zur Anwendung kommen – oder aber, wenn Abstrichtupfer für den klassischen Test gerade nicht zu haben sind.

Zumindest getestet wird das Verfahren gerade in Köln. "In unseren Augen ist es genauso sinnvoll wie alle anderen Methoden", zitiert der "Tagesspiegel" den Mediziner Gerhard Wiesmüller vom Gesundheitsamt der Stadt. Die Behörde hatte zusammen mit einem privaten Analyselabor bei ausgesuchten Corona-Tests in Köln zuletzt beide Verfahren parallel ausprobiert. Das Ergebnis dieser sogenannten Validierung wurde noch nicht offiziell vorgestellt.

Auch am Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit der Charité in Berlin suchen Mediziner nach einer möglichst schonenden Form der Probenentnahme für Corona-Tests. Diese soll zum Beispiel die Eltern von Schulkindern übernommen werden. Gedacht ist zum Beispiel an Wattestäbchen, die aber nur noch im Mundraum hin und her bewegt werden müssten. Auch hier experimentieren die Fachleute aber mit einer Gurgel-Variante.

Icon: Der Spiegel

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