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China: Coronavirus und Heimattourismus – Zu Hause ist es doch am schönsten

August 08
17:06 2020
Pack die Badehose ein - und halte Abstand: chinesische Touristen am Strand von Qingdao Icon: vergrößern

Pack die Badehose ein – und halte Abstand: chinesische Touristen am Strand von Qingdao

Foto: STR/ AFP

Die Frau, die da unter der Sommersonne aus dem Gelben Meer steigt und den Strand heraufstapft, scheint älteren Jahrgangs zu sein. Ihr gebeugter, etwas mühevoller Gang lässt es vermuten, doch genau kann man es unmöglich erkennen: Sie trägt einen Ganzkörper-Badeanzug, eine eng anliegende Haube verhüllt Haar und Gesicht, Löcher im Stoff lassen lediglich Augen, Mund und Nasenlöcher frei.

Der sogenannte Facekini ist seit Jahren populär in China, wo gebräunte Haut vielen als Makel gilt. Wenigstens was die Bademode angeht, ist am Strand Nummer eins der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao also alles beim Alten.

Ansonsten ist in diesem Corona-Sommer auch in der Reisenation China vieles anders. In normalen Jahren bevölkern chinesische Reisegruppen das Heidelberger Schloss und Venedigs Markusplatz, Chinas Individualtouristen Balis Strände und die Jazzklubs von New York.

Doch nun ist der Luftverkehr aus China praktisch zum Erliegen gekommen. Zuvor war der Pekinger Hauptstadtflughafen mit jährlich mehr als hundert Millionen Passagieren der weltweit zweitgeschäftigste nach Atlanta, heute heben dort pro Tag nur eine Handvoll internationale Flüge ab. Was machen Chinas Touristen also stattdessen?

Mediterranes Klima, sattgelbe Strände

Seit auf dem Meer vor Qingdao 2008 die olympischen Segelwettbewerbe ausgetragen wurden, hat sich die Stadt zu einer Tourismusdestination gemausert. Die deutschen Kolonialherren, die dort von 1898 bis 1914 herrschten, haben von Platanen gesäumte Alleen und wilhelminische Bauten mit roten Ziegeldächern hinterlassen, die heute als Markenzeichen der Stadt gelten. Mediterranes Klima, sattgelbe Strände.

An einem Nachmittag Ende Juli sitzen jedoch nur vereinzelte Gruppen älterer Herren im Sand und spielen das traditionelle chinesische Spiel Mahjongg, schlagen ein paar Jugendliche einen Volleyball hin und her. Hält man Fotos aus vergangenen Jahren dagegen, fällt vor allem auf, wie leer es ist. Dabei sind auch in China jetzt Schulferien.

Doch viele Chinesen verzichten diesen Sommer ganz auf Urlaub. Einzelne Unternehmen haben ihren Mitarbeitern und viele Schulen den Eltern grundsätzlich davon abgeraten. Zwar hat die Führung in Peking die Epidemie mit drastischen Lockdown- und Überwachungsmaßnahmen vergleichsweise gut unter Kontrolle gebracht, doch treten in unterschiedlichen Provinzen immer wieder einzelne Cluster auf.

Wehe, man befindet sich zufällig nahe einem Ausbruch: Die obligatorischen, auf jedes Handy aufgespielten Corona-Apps registrieren den eigenen Standort genau. Quarantäne wird in China nicht unter dem Aspekt der Freiwilligkeit diskutiert – sie wird einfach verordnet, und zwar mitunter Hunderttausenden, die sich unglücklicherweise in der Nähe eines Infektionsherds aufgehalten haben. Allein das schreckt viele Chinesen davon ab, sich weit von Zuhause wegzubegeben.

An welchen chinesischen Großflughafen man dieser Tage auch fährt, in Peking, Shanghai, Chongqing, Wuhan: Überall sind die Zubringerautobahnen frei, die Abflughallen leer, nur wenige Ticketschalter geöffnet.

Während der fünftägigen Maifeiertage stürzten die Ausgaben für touristische Inlandsreisen im Vergleich zu 2019 um 60 Prozent ab, während des dreitägigen Drachenbootsfestivals Ende Juni sogar um fast 70 Prozent. Zu den inländischen Zielen, die trotz des Einbruchs noch vergleichsweise gut besucht waren, gehörten laut der Buchungswebsite Ctrip die Metropolen Shanghai und Chengdu sowie der Ferienort Sanya auf der Tropeninsel Hainan, auch "Chinas Hawaii" genannt.

Dennoch waren Hainans Hotels im Mai nur zu etwa einem Drittel ausgelastet. Dabei lagen die Tarife niedrig, große Fünfsternesuiten mit Meerblick waren inklusive Frühstücks für unter hundert Euro zu haben. Am Frühstücksbüfett fiel es leicht, die Abstandsregeln einzuhalten, in den Pools konnten die Schwimmer ungestört ihre Bahnen ziehen. Warteschlangen gab es keine, in China so ungewöhnlich wie wohltuend.

2020 fast keine ausländischen Touristen in China

Zu den Gästen in Hainan gehörten im Mai auffallend viele Expats. Ausländer, die in China leben, dürfen das Land zwar verlassen – haben wegen der nach wie vor geltenden Einreisebeschränkungen allerdings kaum eine Chance, danach wieder zurückzukehren. Statt auf Phuket, Mallorca oder in Berlin machen sie nun innerhalb Chinas Urlaub.

Andersherum kommen 2020 praktisch keine Touristen aus dem Ausland mehr in die Volksrepublik. Selbst an vielen Orten, die ausländische Reisende für gewöhnlich frequentieren, ist man fremde Gesichter kaum mehr gewöhnt. Manchen Chinesen sind Ausländer dieser Tage ohnehin suspekt – sei es, weil das Virus jenseits der Landesgrenzen weiterhin außer Kontrolle ist, sei es wegen der gespannten Atmosphäre mit dem Westen.

Das Kunstmuseum von Qingdao ist in einem Gebäude mit Säulenportal und Lichthof untergebracht, eine wuchtige Mauer umgibt das Gelände. Am Tor sitzt ein Wächter, der die Gesundheitscodes aller Besucher zu überprüfen hat. Als die Corona-App nicht sofort auf Grün springt, wird er ungehalten. Was man als Ausländer hier überhaupt verloren habe? Wo man denn eigentlich herkomme?

Aus Deutschland.

Sein Gesicht hellt sich auf, er reckt den Daumen in die Höhe: Ach so, nun gut, dann sei ja alles in Ordnung. Wirklich unwillkommen, gibt er zu verstehen, seien ja nur Amerikaner.

Icon: Der Spiegel

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