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Boris Becker: Die Tennis-Legende kämpft gegen Rassismus – und gewinnt an Statur

June 11
16:40 2020
Ex-Tennisprofi Becker: An Statur gewonnen Icon: vergrößern

Ex-Tennisprofi Becker: An Statur gewonnen

Isa Foltin/ Getty Images

Es ist wieder Juni. Im Tennis ist das die hohe Zeit der Rasenturniere, Halle, Queens und natürlich am Ende des Monats: Wimbledon. Es war die Zeit im Jahr, in der der Tennisspieler Boris Becker zu seiner besten Form auflief. Der Rasenspieler Boris Becker, der sich in Wimbledon sein Wohnzimmer eingerichtet hatte.

In diesem Juni gibt es kein Wimbledon, es gibt kein Rasentennis, die Tenniswelt tastet sich erst sehr langsam nach dem Corona-Schock wieder an den Turnieralltag heran. Aber Boris Becker ist dennoch in aller Munde, und gut in Form scheint er sich auch zu befinden. Der "Stern" nennt ihn sogar den "besten Becker seit Ende seiner Tennis-Karriere".

Beckers Teilnahme an der Anti-Rassismus-Demonstration in seiner Wahlheimat London am vergangenen Wochenende, seine Tweets darüber, wie sehr ihn daraufhin beleidigende Reaktionen aus Deutschland erreicht hätten, sein Hinweis auf seine Familie, die mehrfach rassistische Attacken über sich hatte ergehen lassen müssen – Becker ist dieser Tage im Angriffsmodus. Sozusagen Serve and Volley. Und er gewinnt dadurch an Statur gerade bei denen, die ihn viele Jahre abgetan haben.

Wege in die richtige und falsche Richtung

Becker wird in diesem Jahr 53, ein gestandenes Alter, mit 53 hat man genug Zeit, Wege in verschiedene Richtungen gegangen zu sein. Irrwege, Erfolgswege, Wege in die richtige und in die falsche Richtung. Becker hat das weidlich ausgenutzt.

Wenn man zusammenträgt, was da alles gewesen ist neben und nach seinen sportlichen Triumphen, der Hype in den ersten Jahren, der alles Gekannte in der deutschen Sportwelt übertraf, die Privatgeschichten, Steuerhinterziehung und Finanzprobleme, Pokerspieler, Weltklassetrainer, Sportfunktionär, TV-Experte, selbst einen Erziehungsratgeber hat er herausgegeben. Natürlich die Fliegenklatschenkappe im Trash-Fernsehen, es war alles drin. Becker hat jetzt schon eine Über-Biografie hinterlassen, Essayisten, Kolumnisten, Leitartikler, das Feuilleton, sie haben sich an ihm abgearbeitet. Mit wechselndem Erfolg.

Becker ist eine Marke weltweit geblieben, vielleicht ist er sogar der bekannteste Deutsche, Angela Merkel mag da noch mithalten, auf der ganzen Welt wird man noch immer auf ihn angesprochen, in Laos, in Russland, in Brasilien. "German? Ah, Boris Becker."

In Deutschland nicht ernst genommen

Aber zur großen öffentlichen Anerkennung in seinem Heimatland Deutschland hat es nach Ende seiner Sportkarriere nie gelangt, im Gegenteil. Verspottet wurde er, als Naivling, lebende Realitätsferne, in seinen Wortmeldungen via Social Media irrlichternd, mit 50 immer noch nicht ernst genommen außerhalb der Fachwelt Tennis. Boris Becker, einer, der immer nur spielen will. Der irgendwie nicht weiß, was er mit seinem großen Leben anfangen soll.

Und jetzt unvermittelt: Boris Becker als Respektsperson. Einer, der sich gegen Rassismus nicht nur zu Wort meldet, das tun viele, an der Grenze zum Lippenbekenntnis. Aber Becker wagt es darüber hinaus, sich mit Rassisten anzulegen, ihre Beleidigungen zum Thema zu machen. Dabei wird er auch manchen meinen, der ihn als Tennisspieler verehrt hat. "Warum, weshalb, wieso? Sind wir ein Land von Rassisten geworden?", fragt er. Das ist plakativ und übersieht die Tausenden, die in Deutschland am Wochenende auf die Straße gegangen sind. Aber: Der Fokus liegt plötzlich auf Deutschland, nicht vermeintlich weit weg, auf den USA. Dort, wo das Thema "so ein bisschen unter den Teppich gekehrt wird", wie Becker twittert.

Was Beckers Engagement glaubwürdig macht, sind seine eigenen Erfahrungen, sind die Erfahrungen mit den eigenen Kindern. Sohn Noah hat in der Vergangenheit mehrfach über rassistische Erlebnisse berichtet, hat sich mit der AfD angelegt, die Sache ging vor Gericht. Wenn Becker sich dazu zu Wort meldet, kann niemand es mit der Bemerkung abtun, er wisse ja nicht, wovon er redet. Hier lässt die Wirklichkeit der Realitätsferne keine Chance mehr.

Boris Becker hat einen sehr langen Weg hinter sich. Weit länger als die sechs Stunden 39 Minuten aus jener legendären Davis-Cup-Nacht von Hartford. Es ist der Weg vom deutschen Sporthelden Becker zum respektierten Menschen Boris Becker, er ist noch mitten auf der Strecke. Aber diese Woche hat ihren Teil dazu beigetragen, diese Wandlung zu vollziehen.

Becker war lange außen vor, wenn es um Anerkennung geht, um Seriosität, um Coolness sowieso. Das wird jetzt anders. Becker ist drin.

Icon: Der Spiegel

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