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Bleaching und Rassismus in Ghana: “Wenn du hell bist, bekommst du bessere Jobs”

June 07
17:57 2020
Helle Haut als Schönheitsideal: In Ghana und einigen anderen afrikanischen Ländern sind gefährliche Hautbleichungsmittel ein Milliardengeschäft Icon: vergrößern

Helle Haut als Schönheitsideal: In Ghana und einigen anderen afrikanischen Ländern sind gefährliche Hautbleichungsmittel ein Milliardengeschäft

SIMON MAINA/ AFP

Wenn sich Regina Nettey etwas Gutes tun will, öffnet sie nach dem Duschen den kleinen Kühlschrank in ihrem Zimmer. Darin liegt die Creme. "Es gefällt mir, wenn sie kalt ist", sagt Nettey. "Ich trage sie überall auf dem Körper auf. Es ist mein Luxus." Die 22-Jährige hat derzeit keinen Job. Sie hat auch keine eigene Dusche. Nettey lebt in einem Vorort im Westen Accras, der Hauptstadt von Ghana. Die Straßen in ihrem Viertel haben keinen Asphalt, die Menschen teilen sich schmale Hütten und wenige Sanitäranlagen.

Die Creme ist für Regina Nettey in der westafrikanischen Hitze nicht nur angenehm kalt. Sie ist eine Verheißung. Eine Perspektive für ein besseres Leben. Auf der Verpackung steht "White Secret". Die Creme enthält ein Bleichmittel, das die Haut aufhellt.

Regina Nettey kauft diese Creme seit fünf Jahren für umgerechnet knapp drei Euro auf dem Markt. Manchmal spart sie einige Mahlzeiten ein, um sie sich leisten zu können. Manchmal fragt sie jemand, warum sie das bloß macht.

"Ist doch total normal", sagt Nettey dann. "Männer lieben helle Haut." Sie trägt die Creme aber nicht nur für die Männer auf.

Auch die Frauen in ihrer Nachbarschaft benutzen Bleichprodukte und sehen sofort, wenn eine andere "schön hell" ist. Und Chefs würden lieber Frauen einstellen, die "besonders und hell" aussehen. Regina Nettey dreht während sie spricht eine Strähne ihrer pink gefärbten Haare um ihren Zeigefinger. In der anderen Hand hält sie stets ihr Handy. "Es nervt, wenn Leute sagen, dass ich aufhören soll. Alle anderen bleichen doch auch."

Seitdem der Afroamerikaner George Floyd in Minnesota bei einem brutalen Polizeieinsatz ums Leben kam, gibt es weltweit Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Vorurteile gegen schwarze Menschen sind oft tief in der Gesellschaft verwurzelt – selbst auf dem afrikanischen Kontinent. Die Sehnsucht von Millionen von Menschen nach einer helleren Haut ist ein tragisches Zeichen dafür.

Im vergangenen Jahr feierte Ghana das "Year of return". Das Jahr der Rückkehr war eine Marketingkampagne der Tourismusbehörde, um die Diaspora zurück ins Land zu rufen – 400 Jahre, nachdem die ersten Sklavenschiffe aus Afrika in den USA angelegt hatten. Es gab Ausflugs-Touren zum Cape Coast und Elmina Castle, zwei von gut 30 historischen Forts entlang der ghanaischen Küste. Von dort aus verschifften Niederländer und Briten jährlich Zehntausende Einheimische in die europäischen Kolonien in Nord- und Südamerika. Es gab afrikanische Musikfestivals, Diskussionsreihen und Filmabende. Es ging darum, stolz zu sein. Auf die eigene Herkunft. Auf den Kontinent. Auch auf die schwarze Haut. Gut eine Million Besucher wurden gezählt. Das Jahr der Rückkehr war ein Erfolg.

Doch das rassistische Erbe der Kolonialmächte, die Abwertung von Menschen mit schwarzer Haut, ist auch in Ländern wie Ghana, das seit 1957 unabhängig und in dem ein Großteil der Bevölkerung schwarz ist, noch immer tief im Alltag verankert.

Helle Haut wird nicht selten gleichgesetzt mit Schönheit, Reinheit und Wohlstand. Das sogenannte "Bleaching", also Bleichen oder Aufhellen der Haut, ist zur Milliardenindustrie geworden. In vielen Ländern der Welt verwenden Menschen Cremes und Lotionen, um eine hellere Hautfarbe zu bekommen. Hauptsächlich in Indien, China, einigen Ländern der Karibik, den USA – und in Afrika. In Westafrika gelten Nigeria und Ghana als am stärksten betroffen. Einige Studien gehen von 40 bis zu 77 Prozent der jeweiligen Landesbevölkerung aus. Das entspricht Millionen von Frauen und auch Männern, die Aufhellungs-Produkte anwenden.

Manche schwangeren Frauen nehmen Tabletten, damit ihr Kind schon mit heller Haut zur Welt kommt. Manche cremen ihre Babys mit einer Bleichlotion ein, wie sie Regina Nettey benutzt. Der Nachwuchs soll es besser haben.

Allen Kampagnen und Einzelpersonen zum Trotz, die vor den oft gesundheitsschädlichen Bleaching-Produkten warnen oder "Black is beautiful" ausrufen, steigen die Verkaufszahlen. Hersteller aus aller Welt haben Westafrika als Absatzmarkt für ihre Lotionen, Tinkturen, Tabletten und Injektionen entdeckt. Inzwischen werden die Produkte auch über Instagram vertrieben.

Beauty-Geschäftsfrau Farcadi, mit echtem Namen Enyonam Patience Gbekle, ist so in Ghana bekannt geworden. Die 25-Jährige verkauft meist per Direktnachricht-Bestellung die Cremes, Peelings und Seifen, mit denen sie nach ihren Angaben auch ihre eigene Haut extrem aufgehellt hat. Sie lebt gut eine Stunde von Regina Nettey entfernt in einem Viertel für Besserverdiener im Norden der Stadt.

"Helle Haut gibt Selbstbewusstsein und bringt die Aufmerksamkeit von anderen", sagt Enyonam. Das halbstündige Interview in einem angesagten Café unterbricht sie zweimal, posiert dann schnell für Fotos, die ihr Assistent auf Instagram stellen soll. "Vor allem bedeutet helle Haut aber Geld. Wenn du hell bist, bekommst du bessere Jobs, verdienst mehr, wirst eingeladen."

Wer die Bleichprodukte verwendet, kann tatsächlich um einiges heller werden. Vor allem aber schwer krank. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Bleaching als akute Bedrohung und Krise für das Gesundheitswesen eingestuft. Inhaltsstoffe wie Hydrochinon, ein Phenol, das die Produktion von Melanin, dem braunen Schutzfarbstoff der Haut, hemmt, verursachen laut Dermatologen und Gesundheitsorganisationen teils schwere Erkrankungen. Darunter Leber- und Nierenschäden, Erblinden, Deformationen bei Neugeborenen können die Folge sein. Eines der größten Risiken ist Hautkrebs, insbesondere in Regionen nahe dem Äquator mit hoher Sonneneinstrahlung.

Der Dermatologe Edmund Delle betreut täglich mehrere Patienten, die mit schweren Hautschäden als Folge der Anwendung von Beauty-Bleichprodukten zu ihm kommen. "Hell ist schön. Schwarz ist wie Dreck und muss gebleicht werden! Das sind schreckliche Gedanken, die uns die Kolonialmächte eingebracht haben", sagt Delle. "Diese Annahmen sind nicht nur unwahr, sie töten unsere Leute."

Edmund Delle ist 77 Jahre alt und praktiziert seit den Siebzigerjahren. Seine Sprechstunde in der von ihm gegründeten Rabito-Hautklinik in Accra ist immer auf Monate ausgebucht. Das Wartezimmer ist getäfelt mit seinen medizinischen Zertifikaten und Preisurkunden. Er hat als einer der ersten Dermatologen in Afrika vor der Hautaufhellung gewarnt, hält seit Jahren Vorträge zu den Risiken, geht an Schulen und klärt auf und bildet Kollegen aus.

Oft verschweigen Patienten aus Scham, dass sie Bleaching-Produkte verwendet haben. Delle erkennt es aber sofort. Oft reicht das Geld nur, um Gesicht und Hände aufzuhellen. Wer die Produkte am ganzen Körper anwendet, behält oft trotzdem dunkle Fingerknöchel und Ellenbogen. Andere bekommen Dehnungsstreifen oder extreme Falten, "wie eine Elefantenhaut sieht das dann aus."

Delle bittet seine nächste Patientin in das Behandlungszimmer. Er begrüßt sie, steht zügig auf, drückt sogleich ihren Kopf leicht nach vorn, untersucht die zerstörte Haut an Nacken und Schultern. Dann die mit Tausenden Falten überzogenen Arme. Die Patientin ist 55. Später wird er an ihrem Rücken einen starken Pilzbefall feststellen. Bleaching zerstört die Schutzschicht der Haut, Bakterien und Pilze können sich leicht in ihr einnisten. "Das führt meist auch zu einem intensiven und furchtbaren Geruch, wie fauler Fisch", sagt Delle. Er macht sich einige Notizen, schüttelt dabei leicht den Kopf.

"Ich habe nie aufgehört, gegen Bleaching zu kämpfen", sagt Edmund Delle. "Manchmal scheint es aussichtslos. Sechs von zehn Menschen machen es. Wir brauchen keine Verbote, wir brauchen Aufklärung. Niemand sollte diese Produkte mehr kaufen."

Die "Food And Drugs Authority" (FDA), eine Behörde zur Kontrolle von Nahrungsmitteln, Kosmetika und Medikamenten in Ghana, hat Hydrochinon und einige ähnlich wirkende Inhaltsstoffe wie manche Steroide oder Quecksilber 2016 verboten. Sie dürfen nicht mehr in Kosmetikprodukten zur Depigmentierung verwendet werden. Das heißt aber nicht, dass sie oder andere Hautaufheller nicht erhältlich sind. Die Preisspanne reicht von wenigen bis hin zu gut 250 Euro pro Produkt.

In Supermärkten gibt es Einzelregale mit "Natural Fairness", einer Nivea-Bodylotion für "hellere Haut". In Drogerien "Beauty Active"-Creme zur "Aufhellung". In Schönheitssalons Tinkturen, Schaum und Peelings. Auf vielen Märkten, wo die meisten Menschen einkaufen, unzählige Bleaching-Produkte zu geringen Preisen.

"Es gibt kein nicht-gefährliches Hautaufhellungs-Produkt", sagt Emmanuel Nkrumah, 47, Leiter der Kosmetikabteilung der FDA. Er geht von Hunderten Bleaching-Mitteln aus, die im Umlauf sind. Manche würden Substanzen beinhalten, die noch nicht verboten sind. Manche nicht alle Inhaltsstoffe auf der Verpackung ausweisen. Manche seien als heilendes Medikament registriert und könnten nur schwer verboten werden. Auch der Zuwachs an Produkten von großen, internationalen Konzernen bereitet ihm Sorgen.

"Bis vor wenigen Jahren gab es hier zum Beispiel keine Aufhellungscreme von Nivea", sagt Nkrumah an seinem Schreibtisch in der FDA-Zentrale. "Der Grund, warum es jetzt so eine Nivea-Creme gibt: Geld. Deswegen. Der Markt ist immens, alle wollen etwas abhaben." Das Beiersdorf-Produkt wurde in Ghana im Oktober 2017 mit einem hellhäutigen Model auf großen Plakaten beworben, was für Empörung in den sozialen Netzwerken sorgte. Kurz zuvor wurde eine "White is Purity"-Anzeige von Nivea als extrem unsensibel kritisiert. Getan hat sich seitdem aber wenig.

Vor Emmanuel Nkrumah stapeln sich Ordner gefüllt mit Dokumenten zu Bleichprodukten, die derzeit von der Behörde untersucht werden. Bald soll es einen Spezialeinsatz mit der Polizei geben, um einen Händlerring aufzuheben, der Bleaching-Mittel für Kinder vertreibt. 2019 hat die FDA so viele Aufklärungskampagnen wie noch nie zuvor umgesetzt, um über die Gefahren der Hautaufhellung zu informieren.

"Der Wunsch nach heller Haut sitzt aber tief. Und solange viele Menschen so fühlen und diese Produkte kaufen, wird es sie auch geben", sagt Nkrumah. "Es ist frustrierend."

Am anderen Ende der Stadt steigt Samuel Akufo in seinen Wagen. Der 31-Jährige setzt pro Jahr 30 bis 40 Werbekampagnen für internationale Unternehmen um. Akufo kann an keinem der haushohen Werbeplakate, die Accras Hauptstraßen säumen, einfach vorbeifahren. Er regt sich auf, über unverständliche Designs und alberne Fotos. Zwischendurch erzählt er, was sich seine Kunden wünschen.

"Die meisten sagen nicht, dass sie gern hellhäutige Personen in ihrer Werbung hätten", sagt Akufo. "Das müssen sie aber auch nicht. Gut 80 Prozent der Models haben inzwischen ohnehin eine sehr helle Haut. Wer dunkel ist, traut sich meist gar nicht, zu einem Casting zu gehen."

Mit zu sensiblen Firmen könnte das zu Problemen führen. Wie am Anfang des Jahres, als ein europäisches Unternehmen sich beschwert habe, dass ausgerechnet in Westafrika ein Gruppenfoto für eine Anzeige nur hellhäutige Menschen zeigte. "Sie wollten mehr Diversität", sagt Akufo. Er musste ziemlich lange nach passenden Models suchen.

Icon: Der Spiegel

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