Corona-Krise in Florida: Wo der 4. Juli nicht gefeiert wird
Icon: vergrößernLeere am gesperrten Strand von Miami Beach: Florida ist zerrissen zwischen Vernunft und Wahnwitz
Giorgio Viera/ imago images/Agencia EFE
John Delgado kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt mit seiner Familie zu Abend gegessen hat. "Anfang März?", sagt er. "Wow. Lange her. Zu lange."
Delgado, 52, ist ein kräftiger Mann, doch bei seiner Familie wird er schwach. Die Schwiegermutter leidet an Alzheimer, die Ehefrau ist herzkrank. Weshalb er seit Monaten nicht mehr in seinem Haus schläft, sondern in einem Campingzelt im Garten: "Ich will keinen anstecken."
Denn jeden Tag setzt sich Delgado dem Coronavirus aus. Er managt Farm Share, die größte private Essensausgabe in Florida – ein hochriskanter Job, während die Pandemie den "Sunshine State" mit voller Wucht trifft.
Florida ist der neue Corona-Hotspot der USA – und ein Sinnbild des amerikanischen Versagens. Immer mehr Menschen leiden deshalb auch wirtschaftliche Not, und vielen gehen die Lebensmittel aus.
Also ist Delgado auch an diesem Morgen aus seinem Zelt neben dem Swimmingpool gekrochen, hat im Gartenbad geduscht und die frischen Shorts angezogen, die ihm seine Frau über Nacht hingelegt hat, und ist nach Wynwood gefahren, den einstigen Lagerhallenbezirk von Miami.
Da warten schon Hunderte Autos mit laufendem Motor. Die ersten stehen seit nachts Schlange. Cops passen auf, dass sich keiner vordrängelt.
Früher bedienten sie rund 500 Bedürftige am Tag, jetzt sind es doppelt so viele. Selbst bei Hurrikanen, sagt Delgado, habe er sowas nie erlebt.
Delgado und sein Freiwilligenteam verteilen Kartons mit frischen Kartoffeln, Zwiebel, Tomaten, Gurken, Paprika, Karotten, Äpfeln, Birnen sowie verschweißten Plastiktüten mit Hähnchenbrust. "Gesund", sagt Delgado. "Reicht für eine Woche."
Die Wagen rollen einzeln heran, die Kofferraumdeckel klicken hoch, Delgados Leute werfen pro Insasse einen Karton hinein und klopfen aufs Dach. "Go, go, go!" Kontaktfreie Hilfe, keiner steigt aus. Amerika 2020.
"Ich habe meinen Job am Flughafen verloren, die staatliche Unterstützung reicht nicht", ruft eine Schwarze durchs Autofenster. "Farm Share ist mein Lebensretter."
Oft sieht Delgado sogar Freunde in der Schlage. Er wird wütend, wenn er darüber nachdenkt, warum es nun auch hier so weit gekommen ist, trotz der bösen Erfahrungen anderswo. "Die haben alles so schnell wieder aufgemacht", sagt er. "Das gab vielen ein falsches Gefühl der Sicherheit."
Überraschen kann das keinen. Florida, der Staat der Widersprüche, ewig zerrissen zwischen Vernunft und Wahnwitz. Und dessen Gouverneur Ron DeSantis letzte Woche, während die Temperaturen auf 38 Grad kletterten, behauptete: "Im Großen und Ganzen mag das Virus Sonnenschein nicht."
Im Gegenteil. So ist denn keinem zum Feiern zumute hier an diesem Feiertagswochenende. Die Feuerwerke zum US-Unabhängigkeitsfest fallen aus. Strände sind gesperrt, die Leute verunsichert und verärgert. Gerade in Miami, wo sich nord- und südamerikanisches Gemüt zum explosiven Cocktail verquirlt, der Geduld und Umsicht schnell ertränkt.
"Miami ist wie ein Kind", sagt Pepe Villegas. "Ein Kind, das nicht erwachsen werden will."
Der Grafiker und Bildhauer lebt seit zehn Jahren in Miami. Er floh vor der New Yorker Kälte, ganz wie die "Snowbirds", die Saisonmigranten, die jedes Jahr in den Süden umsiedeln. Nun hat die Pandemie die gleiche Route genommen.
In Florida stieß das Virus auf Ignoranz, Ideologie und Idiotie, eine nahrhafte Mischung. "Jeder denkt nur noch an sich selbst", sagt Villegas.
Das merkt er etwa in seinem Job. Für die Filiale eines Öko-Supermarkts in Miami Beach hat Villegas Grafiken entworfen, die die Corona-Auflagen mit Humor vermitteln sollen. Zum Beispiel hat er bunte Verkehrsschilder gemalt ("Einbahnstraße"), um dafür zu sorgen, dass sich die Kunden in den Gängen voller Yoghurt und Körnerbrot nicht zu nahe kommen.
Trotzdem fällt das manchen schwer. Und immer wieder weigert sich jemand, im Laden eine Maske zu tragen. Diese Verbohrtheit deprimiert Villegas so sehr, dass er manchmal sogar mit einer Rückkehr nach Puerto Rico liebäugelt.
Miami Beach, das vom Dealer- zum Touristenparadies mutierte Strandidyll, war immer schon ein regelfreier Raum. Und selten hielten sie sich hier an die Corona-Vorschriften.
Der Lockdown währte nicht lange. Im Mai kehrten vor allem junge Leute an den Ocean Drive zurück, die Art-deco-Promenade mit den überteuerten Kneipen. Die meisten standen dicht an dicht, ohne Masken.
Als die Zahlen erneut hochschossen, schraubten die Bürgermeister der Region die Öffnung jetzt kollektiv zurück. Sie führten wieder Maskenpflicht ein und sperrten den Vier-Kilometer-Strand – ironischerweise einer der sichersten Pandemie-Plätze. Ihre Furcht: Dass das lange Wochenende zu so einem Corona-Brandherd würde wie das Memorial Day Weekend im Mai, der einer der Gründe für den jüngsten Anstieg ist.
Trotzdem flanieren immer noch viele ohne Mundschutz herum. "Ich lasse mir nichts sagen", sagt eine Frau auf der Lincoln Road. "Das ist Freiheit."
Die Maske als Politikum. Auch in Palm Beach, dem Reichenrefugium eine Stunde nördlich. Vor dessen Bezirksgericht windet sich das Schlagwort "Freiheit" gerade durch ein absurdes Zivilverfahren: Eine 80-seitige Klage bezeichnet die Maskenpflicht als "gefährliche ärztliche Behandlung", die die "persönliche Freiheit" verletze und das "Grundrecht, das Leben zu genießen".
"Die Stimmen der Mehrheit der Leute, die sich gegen die gesetzwidrige Maskenpflicht aussprachen, wurden meistens übertönt und ignoriert", sagt Rechtsanwalt Louis Leo im Namen der Kläger zum SPIEGEL. "Nicht nur von Palm Beach, sondern auch von der US-Presse."
"Ich kann solche Menschen nicht ausstehen", schimpft dagegen Margrit Bessenroth, 75. "So viele unvernünftige Menschen. Die denken, sie leben für immer."
Bessenroth, die 1965 mit 17 aus Bremerhaven in die USA kam, führt den größten Beauty-Betrieb in Palm Beach. Ihr Traditionsladen an der feinen Hauptstraße ist Salon, Nagelstudio und Spa in einem. Hier lassen sich die Kennedys und Martha Stewart die Haare legen.
"Eigentlich war's nicht so schlimm", sagt Bessenroth. In der Tat scheint die Coronakrise um Palm Beach fast einen Bogen gemacht zu haben. Während Fort Lauderdale, Miami und das benachbarte West Palm Beach schwer getroffen wurden, gab es hier nur 46 Infektionen und zwei Todesfälle.
Das beweist, wie ungleich das Virus wirken kann – und warum manche die Gefahr ignorieren. Das Prominentendomizil, in dem Donald Trump sein Kitschschloss Mar-a-Lago hat, liegt isoliert auf einer schmalen Insel und hat nur knapp 9000 Einwohner, mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreseinkommen von 178.000 Dollar.
Die Auswirkungen sind aber auch hier spürbar. Die Luxusboutiquen an der Worth Avenue liegen verlassen. Das Kaufhaus Neiman Marcus hat Konkurs angemeldet und erfüllt nur noch Abholungen. Ladenlokale stehen zur Vermietung. "Ich bin überrascht, wie viele etablierte Betriebe nicht stark genug waren", sagt der hiesige VIP-Immobilienmakler Jeff Cloninger.
Corona hat selbst Bessenroth das Geschäft verdorben. Zwar darf sie jetzt wieder bedienen. Doch viele Stammkundinnen bleiben weg, aus Angst. Bessenroth macht aus der Not eine Tugend, verkauft Modemasken und Desinfektionsmittel mit Kokosduft. "Jeder Tag ist ein neuer Tag", lautet ihre Lebensweisheit. "Und jetzt das Coronavirus."
Auch andere wollen doch ein bisschen Unabhängigkeit feiern. Morgens formieren sich an der City Hall von Fort Lauderdale rund 40 Fahrzeuge zu einem Autokorso, geschmückt mit Luftballons, Fahnen und Wimpeln in den Landesfarben. Doch die "Joe Biden"-Flaggen verraten: Dies ist in Wahrheit ein Wahlkampftross mit Corona-Abstand.
"Wir müssen erfinderisch sein", lacht Dale Holness, der die Prozession für den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten organisiert hat. Der Schwarze, der eine Corona-Maske in den US-Landesfarben trägt, ist der Bürgermeister des Bezirks Broward mit dessen Hauptstadt Fort Lauderdale. Auch er steht im November zur Wiederwahl.
Im Kampf gegen Corona fühlt sich Holness im Stich gelassen: "Viele wünschen sich, und darunter bin ich auch, dass wir von der Regierung in Washington mehr Geld, Engagement, Koordination und Unterstützung sähen." Das werde sich bei den Wahlen rächen.
Er setzt sich mit seinem schwarzen Kleinbus an die Spitze. Laut hupend ziehen sie los, erst rechts auf die Andrews Avenue, dann links auf die NW 6th Street, wo sich die Kolonne in der flimmernden Hitze verliert.
Kurz darauf melden die Behörden 11.458 neue Corona-Fälle in Florida, ein düsterer Rekord. Nur ein US-Bundesstaat hat seit März höhere Tageswerte verzeichnet: New York – aber das war am 10. April.
Icon: Der Spiegel

