Corona-Krise: Was ist nur mit den Deutschen los?
Bild vergrößernKanzlerin Angela Merkel, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller
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Wenn man die Bundesrepublik zurzeit von außen betrachtet, kommt man aus dem Wundern manchmal nicht heraus: Verzweiflung, Wut, Hass und Verachtung scheinen die Debatte zu prägen wie in kaum einem anderen europäischen Land. Und täglich wird der Ton ein bisschen schärfer.
Fast könnte man meinen, Deutschland sei Tabellenführer unter den Pandemieversagern. Als produziere es einen Negativrekord nach dem andern. Als überböten sich die Politiker:innen erfolgreich in dem Versuch, ihr Land in den Abgrund zu reißen.
Eigentlich geht es dem Land im europäischen Vergleich gar nicht so schlecht
Aber wer den Diskurs aus der Ferne verfolgt, den kann auch ein anderer Verdacht beschleichen: Deutschland entwickelt sich gerade zum Europameister im Schwarzmalen.
Eigentlich geht es dem Land im europäischen Vergleich gar nicht so schlecht: Die Sieben-Tages-Inzidenz (109) liegt deutlich unter Italien (254), Polen (395) oder Estland (797).
Deutsche Intensivmediziner:innen warnen zwar vor einer Überlastung. Aber ihre Stationen sind weit von den Problemen entfernt, mit denen ihre Kolleg:innen von Portugal bis Tschechien kämpften und kämpfen.
Die deutschen Todeszahlen sind eine Tragödie, doch sie liegen deutlich hinter Frankreich, Russland, Italien und dem Vereinigten Königreich.
Und die deutsche Volkswirtschaft kommt insgesamt mit einer Widerstandskraft durch die Krise, von der andere EU-Partner nur träumen können.
Richtig ist: Die EU und Deutschland haben im Krisenmanagement viele dramatische Fehler gemacht, die Menschenleben kosteten, wirtschaftliche Existenzen vernichteten, Bildungschancen zerstörten und zu schwer erträglichen, langwierigen Einschränkungen der Freiheitsrechte führten. Dafür werden sie zu Recht hart kritisiert.
Aber das gilt auch für jene Staaten, die jetzt für ihre Impfzahlen bewundert und als Vorbild herausgestellt werden. Es ist noch nicht lange her, da wurden zum Beispiel die USA (542.000 Tote) und das Vereinigte Königreich (126.000 Tote) in Deutschland wegen ihrer Coronapolitik belächelt, bemitleidet oder verspottet.
Die Welt erlebt eine Jahrhundertkrise. Kein Land kam vom ersten Auftauchen des Virus bis heute unbeschadet und mit einer durchweg glänzenden Strategie durch die Pandemie.
Kann es sein, dass Deutschland als Musterschüler, als Weltmeister glänzen wollte – und jetzt, da es wie viele andere strauchelt, umso stärker mit sich selber hadert?
Vielleicht geraten deshalb mitunter die Maßstäbe ein wenig durcheinander. Natürlich ist es schockierend, dass einige Politiker und Geschäftsleute im vorigen Jahr auf fragwürdige Art von der Maskennot profitierten. Sie müssen, so es noch nicht geschehen ist, politisch und gegebenenfalls strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.
Man kann aber auch anders auf diesen Sachverhalt blicken: Wenn die Politik zu viel für Masken bezahlt, ist es ein Skandal. Und wenn sie zu wenig für Impfstoffe ausgibt ebenso. Wie passt das zusammen?
Perfektionismus statt Pragmatismus lautet offenbar die Maxime
Die Empörung über ungenutzte Impfdosen ist gewaltig. Fast so groß wie jene über einige Landräte, Feuerwehrleute oder Passanten, die sich vorzeitig spritzen ließen, weil ältere oder gebrechlichere Impfkandidaten nicht erschienen waren. Berlin plane ein Strafgeld von 25.000 Euro für Impfdrängler, war vor Kurzem zu lesen – Perfektionismus statt Pragmatismus lautet offenbar die Maxime.
Manchmal wirkt die Wut im Land so groß, dass Zwischentöne nur noch schwer gehört werden und ein kühles Abwägen von Vor- und Nachteilen kaum möglich scheint. Zum Beispiel wenn es um die Solidarität in Europa geht: In welchem Zustand befände sich heute die Europäische Union, wenn Deutschland im Alleingang erfolgreich Impfstoffe für sich bestellt hätte – und EU-Partner nicht zum Zuge gekommen wären?
Oder der deutsche Föderalismus: Natürlich ist ein regionaler Flickenteppich verwirrend, erst recht, wenn einzelne Kreise oder Bundesländer erratisch ihre Regeln ändern. Aber ein zentral gesteuerter, überall unterschiedslos durchgesetzter Lockdown würde dem differenzierten Infektionsgeschehen in Deutschland auch nicht gerecht, solange die Inzidenzwerte selbst in benachbarten Landkreisen wie Göttingen (32,5) und Eichsfeld (208) drastisch auseinanderklaffen.
Italien hat vorgemacht, wie es funktionieren kann: Seit Monaten regelt ein Ampelsystem die Lockdown-Maßnahmen in den verschiedenen Regionen. Mal wird die Toskana zur roten Zone mit strengen Ausgangssperren erklärt, während Sizilien als gelbe Zone mehr Freiheiten genießt, mal ist es umgekehrt.
Das System ist leicht verständlich und wird allgemein akzeptiert. Eigentlich wäre es gar nicht so schwer, das deutsche Durcheinander ausnahmsweise mal nach italienischem Vorbild zu strukturieren. Wenn neben berechtigter Wut und notwendiger Fehleranalyse wieder der Blick nach vorne möglich wird.

