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Corona-Schnelltests an Schulen: Jedes Bundesland geht anders vor

March 21
00:26 2021
Selbsttests in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, per Nasenabstrich: Angestrebt sind zwei Tests pro Woche Icon: vergrößern

Selbsttests in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, per Nasenabstrich: Angestrebt sind zwei Tests pro Woche

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Matthias Bein / dpa

In der Nase bohren. So lautet das neue Patentrezept für Präsenzunterricht in der Coronakrise. Bund und Länder haben sich zuletzt darauf geeinigt, dass Selbsttests per Tupfer und Nasenabstrich jene Quadratur des Kreises möglich machen sollen, an der sich die Politik seit Monaten versucht: einerseits Ansteckungsrisiken in den Schulen eindämmen, andererseits Kindern möglichst viel Unterricht im Klassenraum garantieren.

So läuft parallel zu weiteren Schulöffnungen in diesen Tagen in vielen Bundesländern eine umfangreiche Testkampagne an. Auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen haben sich die Kultusminister mal wieder nicht einigen können. Jedes Land öffnet und schließt Schulen nach eigenem Gusto – und setzt auch beim Testen auf eigene Konzepte und ein eigenes Tempo.

Einige Länder haben längst umfassend mit dem Testen begonnen, bei anderen wird es wohl erst nach Ostern so weit sein. Mancherorts sind die Tests verpflichtend, woanders freiwillig. In einigen Regionen klappt das Testen nach Darstellung von Politikern hervorragend, Eltern- und Lehrerverbände hingegen üben scharfe Kritik. Ein Blick in die Länder zeigt, wie verschieden die Kultusministerien vorgehen – und wo die größten Herausforderungen liegen.

»Was hinter den Kulissen abläuft, ist der Wahnsinn«

Im bundesweiten Vergleich nimmt Sachsen bei Coronests an Schulen eine Art Vorreiterrolle ein. Schon seit Januar bietet das Bundesland kostenlose Schnelltests für Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen an, die als Erste wieder in den Präsenzunterricht kommen durften. Die Tests wurden von geschultem Personal in ausgewählten Testschulen angewendet – und waren komplett freiwillig. Nur rund ein Drittel der Jugendlichen nutzte sie.

Seit Montag dürfen nach den Grundschülern auch Jahrgänge der weiterführenden Schulen wieder in die Klassenräume, im Wechselmodell. Zwei Tage nach diesem Datum stellte das Kultusministerium ausreichend Selbsttests zur Verfügung, die nun verpflichtend sind.

Seit Mittwoch müssen sich alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 einmal pro Woche testen. Nur wer ein negatives Ergebnis vorweisen kann, darf am Präsenzunterricht teilnehmen. Wer sich nicht testen lassen will, »muss die Lernzeit zu Hause verbringen und wird mit Lernaufgaben versorgt«, heißt es von der Behörde. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich zweimal in der Woche testen.

»Die Tests können die anderen Hygieneregeln und Vorsichtsmaßnahmen nicht ersetzen, sondern sollen die bisherigen Schutzmaßnahmen flankieren«, erklärt Kultusminister Christian Piwarz (CDU). Die erste Bilanz sei »verhalten positiv« ausgefallen: Von rund 64.500 Schülerinnen und Schülern hätten seit Mittwoch 53.500 einen Test gemacht. Darunter seien 74 positive Fälle gewesen. Es habe rund 1400 Testverweigerer gegeben. Die anderen Kinder und Jugendlichen seien entweder nicht in den Schulen gewesen oder hätten einen externen Test vorgelegt.

Während Piwarz die Zahlen verkündet, berichtet der Pressesprecher des Landesamtes für Schule und Bildung in Sachsen, Roman Schulz, wie schwer es ist, den Testbetrieb zu organisieren: »Wir sind alle nicht die geborenen Logistiker. Das, was hinter den Kulissen abläuft, ist der Wahnsinn.«

Am vergangenen Wochenende seien endlich alle 1,5 Millionen Tests angekommen und an 13 Verteilzentren geliefert worden. Wie sie von dort an die Schulen kommen sollten, hatte offenbar niemand richtig bedacht. Schulleitungen oder Lehrkräfte hätten die Tests am Dienstag von den Verteilzentren abholen müssen, sagt Schulz. Er wisse, wie viel die Behörde den Pädagogen abverlange: »Es ist ja nicht ihre Aufgabe, mit dem privaten Pkw eine Stunde zum Verteilzentrum zu fahren und die Tests an ihre Schulen zu bringen. Einige haben gesagt, wir hätten eine Macke, aber alle haben Einsicht gezeigt und mitgemacht«, sagt Schulz.

»Wenn sich ein Schüler weigert, sich testen zu lassen, erhält er ein Betretungsverbot für das Schulgelände«, sagt Schulz. Wie solle sonst die Corona-Schutzverordnung des Landes umgesetzt werden? Einige Mütter und Väter hätten sich darüber aufgeregt und auf die Schulpflicht hingewiesen. Er spüre, dass der Ton rauer werde: »Es beschweren sich Eltern, da hat man den Eindruck, wir legen in der Schule ein scharfes Skalpell hin und verlangen von den Schülern, sich die Nase abzuschneiden. Andere drohen mit dem Anwalt.« Die sächsischen Schulen nutzen keinen Gurgeltest, sondern einen, bei dem man den unteren Nasenbereich entlangwischen muss. Schulz witzelt: »Wenn Kinder popeln, sind die mit dem Finger weiter in der Nase als mit den Stäbchen bei den Tests.«

Auch in anderen Bundesländern stoßen die Schnelltests nicht nur auf Begeisterung.

Freiwillig, verpflichtend, im Kinderzimmer oder im Klassenraum?

  • Nordrhein-Westfalen: Das Kultusministerium in Düsseldorf hat keine Lehrer als Kurierfahrer eingesetzt, sondern die Selbsttests per Post verschickt. Am Montag, dem 15. März, hatte Nordrhein-Westfalen die Schulen weitestgehend geöffnet und alle Jahrgänge im Wechselmodell zurück in den Präsenzunterricht geholt – die Schnelltests lagen aber noch nicht in den Schulen vor. Am Dienstag waren erst 300.000 von insgesamt 1,8 Millionen Tests verschickt worden. In den folgenden Tagen sollten es laut Schulministerium mehr werden, sodass sich alle Schüler vor den Osterferien Ende März einmal testen können – aber nicht müssen. Anders als in Sachsen ist das Angebot laut Schulministerium freiwillig. Jede Schule soll einen beliebigen Tag für das Testen festlegen, das dann vor dem Unterricht in der Schule beginnen soll. Die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW kritisiert, dass die Tests freiwillig sind, zudem sei die seltene Frequenz der Tests fragwürdig. Vorstandsmitglied Franz-Josef Kahlen kritisiert: »Welchen Wert hat es, wenn man einmal in zwei Wochen testet und wenn dieser eine Test eine Aussagekraft für einige Stunden hat?«

  • Sachsen-Anhalt: Hierlaufen bisher noch keine Schnelltests an den Schulen, abgesehen von einem Modellversuch im Burgenlandkreis. Schülerinnen und Schüler können sich, so wie der Rest der Bevölkerung, in Testzentren, Arztpraxen oder Apotheken testen lassen, »sofern dort bereits Kapazitäten zur Testung vorliegen«, wie das Kultusministerium mitteilt. Erst ab Montag soll es demnach mit »Laien-Selbsttests« auch an Schulen losgehen. Alle Schüler können sich dann freiwillig einmal testen. Angestrebt sind zwei Tests pro Woche, sobald ausreichend Testkits dafür vorliegen. Das Ministerium hatte eine Million Tests bestellt, allerdings erst Mitte März.

  • Berlin: In der Hauptstadt wurden seit Ende Februar knapp zwei Millionen Schnelltests an die Schulen geliefert, vorrangig für Lehrkräfte. An Schülerinnen und Schüler wurden laut Schulsenat ebenfalls Selbsttests ausgegeben, die zu Hause angewendet werden sollen. Die Kapazitäten reichen den Angaben zufolge bisher aber nur für die gymnasiale Oberstufe und die beruflichen Schulen. »Bald«, so die Behörde, sollten für alle Schüler genügend Selbsttests verfügbar sein. Die Frage, wer wie oft getestet werden soll, lässt die Pressestelle des Senats unbeantwortet. Mit der Begründung, es fehle an Tests, hatte Berlin zuletzt entschieden, die Jahrgänge 7 bis 9 erst später wieder in den Präsenzunterricht zu holen.

  • Hamburg: Knapp fünf Millionen Schnelltests für Laien hat die Hansestadt erhalten. Der überwiegende Teil soll an Kitas und Schulen eingesetzt werden, wie die Schulbehörde mitteilt. Eine erste Auslieferung mit insgesamt 130.000 Schnelltests habe Anfang März, in den Hamburger Frühjahrsferien, begonnen, sodass alle Schulen zum Unterrichtsbeginn am 15. März mit einer ersten Tranche ausgestattet worden seien. Nun würden stetig weitere Tests ausgeliefert. Zweimal pro Woche könne sich das Schulpersonal testen. Die Schnelltests bei Schülerinnen und Schülern sollen in den Schulen unter Anleitung und Aufsicht von Lehrkräften angewendet werden. Es seien ausreichend Tests für alle vorhanden, heißt es von der Schulbehörde. Die Teilnahme sei freiwillig.

  • Schleswig-Holstein: Auch im nördlichsten Bundesland sollen ab Montag alle Schülerinnen und Schüler Schnelltests erhalten, genug für einen Test pro Woche. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte: »Für uns gab es zwei Möglichkeiten: Entweder wir legen die Hände in den Schoß und warten auf die perfekte Lösung, oder wir packen an und sagen: Wir testen!« Die Tests seien freiwillig. Sollte ein Ergebnis positiv ausfallen, müsse ein PCR-Test gemacht werden, der das Ergebnis bestätige. Lehrkräfte in der Schulbehörde, die normalerweise Kindern im Chemieunterricht das Experimentieren beibringen, hätten für die Tests eine kindgerechte Anleitung erstellt.

  • Brandenburg: Schülerinnen und Schüler können sich hier zweimal pro Woche testen, auch zu Hause. Die Testkits werden ihnen in den Schulen ausgehändigt, wie das Kultusministerium mitteilt. Bisher lief die Anwendung aber nicht ganz reibungslos. »Die Praxis hat gezeigt, dass die am schnellsten verfügbaren und seit 12. März ausgelieferten Selbsttests zu kompliziert für Schulen und Kinder sind«, sagte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). Die Tests in der zweiten Lieferung, die in der vergangenen Woche an die Schulen gingen, seien leichter zu handhaben.

»Der betroffene Schüler muss sich absondern«

Während in manchen Bundesländern schon sehr umfangreich getestet wird, ist in Bayern Mitte März noch die Rede davon, dass Selbsttests an Schulen bis zu den Osterferien »schrittweise« eingeführt würden. Erst nach den Ferien, also ab Mitte April, soll sich jeder Schüler zweimal pro Woche selbst testen können. Bis dahin entscheidet laut Kultusministerium die Schule, ob sie ein Testangebot für die Schülerinnen und Schüler vor Ort einrichtet. Die Tests selbst sind ebenfalls freiwillig.

Sie sollen zu Beginn des Unterrichtstages im Klassenzimmer angewendet werden, unter Anleitung und Aufsicht der Lehrerinnen und Lehrer. Fällt ein Test positiv aus, soll der Schüler dies der Lehrkraft mitteilen. »Der betroffene Schüler muss sich absondern, das heißt von anderen Personen isoliert und – sofern möglich – von den Erziehungsberechtigten abgeholt oder nach Hause geschickt werden«, schreibt die Schulbehörde vor.

Das ist aus Sicht vieler Eltern ein Ärgernis. Mütter und Väter fordern, dass die Kinder sich zu Hause testen. »Infizierte Kinder haben vor dem Test Kontakt mit anderen und können sie anstecken. Außerdem fürchten nicht wenige eine diskriminierende Situation, wenn es ›coram publico‹ zu einem positiven Testergebnis kommt und ein Kind abgeholt werden oder nach Hause gehen muss«, sagt Martin Löwe, Landesvorsitzender des Bayerischen Elternverbands. Getestet werden soll deshalb zu Hause. Der freiwillige Selbsttest in vertrauter Umgebung und vor dem Gang zur Schule sei niederschwellig und hygienisch.

Auch Lehrer lehnen das Verfahren in der geplanten Form ab: »Wenn es Lehrkräften ansonsten nicht einmal erlaubt ist, Schülerinnen und Schüler mit einem Pflaster oder einer Kopfschmerz­tablette zu versorgen, ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Organisation, Auswertung und Entsorgung der Tests in den Händen der Schulen und Lehrkräfte liegen soll«, schreibt der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands Michael Schwägerl in einer Mitteilung.

Schwägerl fürchtet heikle Situationen: »Es überrascht uns, dass plötzlich die Persönlichkeitsrechte der Kinder keine Rolle mehr zu spielen scheinen, wenn sie nach einem positiven Ergebnis vor den Augen der Klassenkameraden ›abgesondert‹ werden.« Er fordert, dass die Tests zu Hause angewendet werden, wenn sie doch ohnehin freiwillig seien. Außerdem solle externes, geschultes Personal Lehrkräfte entlasten. Der Verband kritisiert »ein unausgegorenes und praxisfernes Hauruckverfahren« und stellt die Frage: »Wie soll das alles weitergehen?«

Icon: Der Spiegel

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