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AstraZeneca: Das sagt Impfstoffexperte Leif Erik Sander zum Impfstopp

March 16
21:48 2021
Impfung einer Kindergarten-Erzieherin in Bremen Icon: vergrößern

Impfung einer Kindergarten-Erzieherin in Bremen

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

SPIEGEL: Professor Sander, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat empfohlen, die AstraZeneca-Impfung wegen eines erhöhten Risikos für bestimmte Thrombosen auszusetzen. Teilen Sie die Bedenken?

Sander: Für eine genaue Einschätzung bräuchte man noch detailliertere Daten. Nach Angaben von PEI-Chef Cichutek wurden bei etwa 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland sieben Fälle von sogenannten Sinusvenenthrombosen gemeldet. Das heißt, dies wäre eine sehr seltene Komplikation – allerdings ist noch nicht hundertprozentig geklärt, ob es sich um eine direkte Folge der Impfungen handelt, auch wenn einige Indizien darauf hindeuten.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Sander: Es wäre auch noch denkbar, dass es sich um eine gewisse statistische Verzerrung handelt. Normalerweise treten in der Gesamtbevölkerung pro Jahr etwa fünf bis sechs solcher Hirnvenenthrombosen pro einer Million Einwohner auf. Frauen erkranken allerdings drei- bis viermal häufiger daran als Männer. Und vor allem betroffen sind junge Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Den AstraZeneca-Impfstoff haben als Erstes vor allem MitarbeiterInnen im Gesundheitswesen bekommen, also überdurchschnittlich viele junge Frauen. Daher muss man hier wahrscheinlich auch eine andere Hintergrundinzidenz für diese Personengruppe annehmen.

SPIEGEL: Das heißt, diese Betroffenen wären womöglich auch so erkrankt?

Sander: Nein, das kann man so nicht sagen. Aber das Ausmaß der jetzt vermuteten Häufung ist vielleicht nicht so hoch, wenn man bedenkt, dass die Inzidenz von Sinusvenenthrombosen in dieser Personengruppe ohnehin höher ist. Allerdings ist das gleichzeitige Auftreten von Hirnvenenthrombosen und ein Mangel an Blutplättchen schon eine auffällige Konstellation. Unklar ist allerdings, warum in Großbritannien fast zehnmal mehr Menschen mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft worden sind als bei uns, dort jedoch keine Häufung solcher Thrombosen aufgefallen ist.

SPIEGEL: Das Thromboserisiko für Nutzerinnen der Antibaby-Pille ist ebenfalls deutlich höher als die jetzt berichteten Fallzahlen.

Sander: Ja, das Thromboserisiko liegt hier im Bereich von etwa bei 800 bis 1200 Fällen pro eine Million Anwenderinnen. Allerdings hinkt dieser Vergleich etwas, wenn man bedenkt, dass es sich hier jetzt um sehr spezielle Thrombosen der Hirnvenen handelt. Daher muss man jede mögliche Zusatzgefahr ernst nehmen. Die Zahl der gesamten Thrombosen ist auch weiterhin nicht erhöht nach einer Impfung mit AstraZeneca, sondern liegt im Bereich der Normalbevölkerung – und auch derjenigen nach der Impfung mit dem Präparat von Biontech/Pfizer.

SPIEGEL: Warum muss die Impfung ausgesetzt werden? Man könnte die Vorfälle doch prüfen und weiter impfen.

Sander: Ja, das wäre eine Möglichkeit. Allerdings ist es eine sehr schwierige Abwägung. Das PEI wird sicher seine Gründe gehabt haben, sich anders zu entscheiden. Und es ist natürlich genau die Aufgabe des PEI auf derlei Sicherheitssignale hinzuweisen.

SPIEGEL: Ist das Risiko durch jetzt drohende zusätzliche Covid-Fälle nicht viel höher als durch die seltenen Thrombosen?

Sander: Prinzipiell ist das wahrscheinlich so. Bei einer Impfstoffzulassung wird vor allem darauf geachtet, dass der Nutzen das Risiko bei Weitem übersteigt. Und das scheint mir hier auch weiterhin der Fall zu sein. Wenn man die Zahlen der tödlich verlaufenden Hirnvenenthrombosen – drei auf 1,6 Millionen – gegen die verhinderten Todesfälle durch Covid-19 rechnet, überwiegt vermutlich weiterhin der Nutzen der Impfung deutlich. Die aktuelle Entwicklung der Covid-Inzidenzen und der zu erwartende baldige Anstieg der Krankenhauseinweisungen und Todeszahlen wird diesen Trend noch verstärken. Daher finde ich, dass wir nach sehr rascher Prüfung, je nach Ergebnis, so schnell wie möglich die Impfungen wiederaufnehmen sollten. Neben den steigenden Fallzahlen scheint sich die Gefahr eines tödlichen Verlaufs eventuell durch die B.1.1.7-Variante weiter zu erhöhen. Das muss man mitbedenken. Wenn man wegen Covid ins Krankenhaus kommt, liegt die Gefahr einer schweren Thrombose im Übrigen bei etwa 16 Prozent.

SPIEGEL: Wie stark beeinflusst der vorläufige Impfstopp die ohnehin schleppende Immunisierungskampagne in Deutschland?

Sander: Ich befürchte, dass der Imageschaden und der Schaden für die Akzeptanz dieser Impfung groß sein wird. Das kann die ohnehin schleppende Impfkampagne weiter schwächen. Das PEI trifft seine Entscheidungen natürlich immer nach genauer Prüfung aller Daten mit den besten Intentionen und zum Schutz der Bevölkerung. Diese Daten liegen mir nicht vor, daher vertraue ich auf die Einschätzung des PEI. Auch die revidierten Empfehlungen der Stiko zum Einsatz der Impfung bei älteren Personen können bei Teilen der Bevölkerung zu Verunsicherung führen. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Empfehlungen alle faktenbasiert und korrekt und im besten Interesse für den Schutz der Bevölkerung gefällt werden. Es wird aber bedauerlicherweise wohl ein kommunikativer Schaden bleiben. Da werden sich in der Allgemeinbevölkerung sicher auch einige denken »Da muss doch etwas faul damit sein«.

SPIEGEL: Und, ist es das? Was halten Sie vom AstraZeneca-Impfstoff?

Sander: Das ist in meinen Augen ein hochwirksamer und sehr sicherer Impfstoff. Da hat sich meine Meinung nicht geändert.

Icon: Der Spiegel

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