Kamala Harris: Autobiografie der US-Vizepräsidentin – »Einer der schlimmsten Tage meines Lebens«
Icon: vergrößernUS-Vizepräsidentin Kamala Harris: Wie erklären sich diese Unterschiede in der medizinischen Versorgung unserer Mitbürger?
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Elijah Nouvelage / REUTERS
Kamala Harris hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: Die Tochter einer indischen Krebsforscherin und eines Wirtschaftswissenschaftlers aus Jamaika wuchs in Kalifornien auf und machte dort ihren Abschluss in Jura. Harris wurde im Jahr 2010 zur Generalstaatsanwältin von Kalifornien gewählt und schaffte sechs Jahre später den Sprung in den US-Senat. 2019 bewarb sie sich um die demokratische Präsidentschaftskandidatur, während der sie ihren Konkurrenten Joe Biden scharf attackierte. Dennoch holte Biden sie später in sein Team und machte sie zur ersten Vizepräsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Harris hatte schon im Januar 2019 ihre Autobiografie veröffentlicht, in der sie ihren politischen Aufstieg erzählt, und die nun auf Deutsch erscheint. Der SPIEGEL veröffentlicht sie in Auszügen.
»Hast du dich eingelebt?«, fragte ich.
»Bis jetzt ja«, erwiderte Maya. »Aber wir haben ja noch keinen Winter gehabt.«
Es war 2008, meine Schwester war zu Besuch aus New York, wo sie seit Kurzem als Vizepräsidentin des Ressorts Demokratie, Rechte und Gerechtigkeit der Ford Foundation arbeitete. Wir hatten schon früher in unterschiedlichen Städten gelebt, doch jahrelang waren wir nie mehr als ein paar Autostunden voneinander entfernt gewesen. Nun lebte sie fast 5000 Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Kontinents. Daran musste ich mich auch erst gewöhnen.
Wir saßen in einem Restaurant und warteten auf unsere Mutter, die uns zum Essen eingeladen hatte. Wir freuten uns, dass wir endlich wieder in derselben Stadt waren, und sei es auch nur für ein paar Tage. Es war viel passiert seit Berkeley, doch wir waren immer noch Shyamala und die Mädels.
»Die Stiftung macht ganz erstaunliche Sachen«, erzählte mir Maya. »Und ich werde …«
Mitten im Satz hielt sie inne und blickte mir über die Schulter. Ich drehte mich um. Meine Mutter war gerade hereingekommen. Mommy, der uneitelste Mensch, den ich kannte, sah aus, als hätte sie sich für einen Fototermin in Schale geworfen. Sie trug leuchtende Seide, hatte sich offenbar geschminkt (was sie sonst nie tat) und sich frisieren lassen. Meine Schwester und ich sahen einander an.
»Was ist los?«, hauchte ich Maya zu, während unsere Mutter an den Tisch trat. Meine Schwester hob eine Augenbraue und zuckte leise die Schultern. Sie war genauso verblüfft wie ich.
Wir umarmten einander zum Gruß, dann setzte sich unsere Mutter zu uns. Ein Kellner brachte einen Brotkorb. Wir sahen uns die Speisekarte an, bestellten und plauderten ein wenig.
Dann holte meine Mutter tief Luft und nahm uns beide bei der Hand.
»Ich habe Darmkrebs«, sagte sie.
Krebs. Meine Mutter. Bitte nicht.
Viele von Ihnen kennen die Gefühle, die mich in diesem Moment erfassten. Wenn ich nur daran zurückdenke, verspüre ich eine Woge der Angst. Es war einer der schlimmsten Tage meines Lebens.

