Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Corona-Fake-News: Gebete für die Corona-Impfung

February 28
20:46 2021
Kirche in Lomé, Togo: Religiöse Führer spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Fake News Icon: vergrößern

Kirche in Lomé, Togo: Religiöse Führer spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Fake News

Foto: Philippe Lissac / Godong / robertharding / imago images

Nighat Arif hat ihre Corona-Impfung kürzlich auf TikTok zelebriert: Sie hält ihre Covid-19-Impfkarte in die Kamera, unterlegt ist das Video mit einem Hip-Hop-Song, zu dem sie Lippenbewegungen macht: »Now stop and let your homeboy hit it«, Jetzt hör auf und lass deinen Homeboy ran.

Die junge Ärztin aus Buckinghamshire bei London klärt auf der Videoplattform, aber auch auf Instagram und Twitter über Corona-Schutzmaßnahmen auf, fast 74.000 Nutzer folgen ihr allein auf TikTok. Sie ist Muslimin und trägt Kopftuch, spricht neben Englisch auch Urdu und Punjabi.

Mit ihren Videos will sie Einwanderergemeinschaften aus südasiatischen Ländern wie Indien, Pakistan oder Bangladesch erreichen, die der Impfkampagne der britischen Regierung skeptisch gegenüberstehen. »Ich wollte meine Community wissen lassen, dass die Impfung sicher ist«, erklärt Arif ihre Mission.

Während Regierungen in Ländern wie Großbritannien ihre Impfkampagnen bereits gestartet haben und andere Staaten noch auf Impfstoffe warten, verbreiten sich weltweit neue Wellen von Falschinformationen rund um die Corona-Impfung – und schüren Ängste.

Postings in sozialen Netzwerken und Messengern wie WhatsApp und Telegram warnen davor, dass die Impfung gegen Corona impotent mache, die DNA verändern könne, zu Homosexualität führe oder tödlich sei. Muslime, aber auch Hindus, Sikhs und orthodoxe Juden auf der ganzen Welt sind skeptisch, weil die Impfstoffe angeblich Schwein, Kuh oder Alkohol enthalten.

Forscher der Cambridge-Universität betrachten Fake News als »große Gefahr für die öffentliche Gesundheit« – in einer internationalen Studie von Oktober 2020 belegen sie einen »klaren Zusammenhang« zwischen dem Glauben an Falschnachrichten und der Bereitschaft, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Je größer das Vertrauen in Gesundheitsexperten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand impfen lässt. Und je anfälliger Menschen für Gerüchte rund um die Pandemie sind und diese als Fakten einstufen, desto weniger sind sie bereit, sich impfen zu lassen, sich an Corona-Regeln zu halten oder Freunden und Familienmitgliedern Schutzmaßnahmen zu empfehlen.

Das Gefühl, Teil einer Minderheit zu sein, soziale Ungleichheit, Misstrauen gegenüber Politik, Wissenschaft und Medien, aber auch mangelnde Bildung und fehlendes analytisches und kritisches Denkvermögen sind Faktoren, die Menschen Studien zufolge empfänglicher für Falschnachrichten machen.

In Großbritannien ist die Corona-Impfskepsis laut einer Umfrage der Royal Society for Public Health bei Bürgern mit einem niedrigeren Einkommen, aber auch bei gesellschaftlichen Minderheiten besonders hoch – obwohl sie von höheren Infektionszahlen und Corona-Todesraten betroffen sind, weil sie sich zumeist schlechter schützen können. Gesellschaftliche Minderheiten haben zudem häufig Rassismus und Diskriminierung erfahren – ihr Vertrauen in die Regierung und das Gesundheitssystem ist zerrüttet. Auch Sprachbarrieren erschweren mitunter, dass der Staat Menschen mit Migrationshintergrund die Bedeutung von Corona-Maßnahmen vermitteln kann.

Imame als Influencer

Das britische Gesundheitsministerium kooperiert nun mit religiösen Führern, um diese Gemeinschaften zu erreichen und Falschnachrichtenzu entlarven. Imame erklären etwa während der Freitagsgebete, dass die Impfstoffe »halal« seien, und appellieren an Muslime, sich impfen zu lassen, um ihre Gemeinschaft zu schützen. Auf seiner Facebook-Seite teilt der muslimische Dachverband auch Aufklärungsvideos, in denen Geistliche und Gesundheitsexperten Verschwörungstheorien widerlegen.

Teils sind es zwar auch religiöse Führer und Influencer selbst, die solche Falschnachrichten verbreiten – andererseits können sie eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung von Gerüchten spielen, denn vielerorts haben sie auf ihre Anhänger mehr Einfluss als der Staatoder Mediziner.

Auch die sozialen Netzwerke gehen inzwischen stärker gegen Falschnachrichten vor, sie löschen Inhalte und versehen irreführende Posts mit Warnhinweisen. Moderatoren und Algorithmen versuchen Gerüchte, Desinformationskampagnen und verdächtige Bot-Accounts aufzuspüren, die automatisiert Inhalte weiterverbreiten.

WhatsApp als Superspreader

Doch viele Corona-Gerüchte verbreiten sich über verschlüsselte Messenger, meist in privaten Gruppen, die für Moderatoren, Faktenchecker, aber auch Forscher eine Blackbox sind. Rund zwei Milliarden Menschen weltweit nutzen derzeit WhatsApp – ein Superspreader für Desinformation.

»Messenger-Apps könnten die Hauptquelle für die Verbreitung von Fehlinformationen sein«, heißt es in einer Studie der Harvard Kennedy School, die im vergangenen Jahr die Rolle von WhatsApp in Indien, Nigeria und Pakistan untersucht hat. Die Falschnachrichten bestünden »meist aus anonymen Gerüchten, die nicht auf externe Quellen verweisen«.

Mit mehr als 400 Millionen Nutzern ist Indien für WhatsApp der weltweit größte Markt. In den vergangenen Jahren konnten sich Millionen Menschen hier dank günstiger Tarife zum ersten Mal ein Smartphone und Internetzugang leisten, und einer Studie des Reuters Institute zufolge nutzen 68 Prozent der Inder das Smartphone als Nachrichtenquelle, 52 Prozent informieren sich ausschließlich über WhatsApp oder Facebook.

Vielen Nutzern fehlt jedoch Medienkompetenz, vor allem auf dem Land: »Viele Inder wissen nicht, wie sie mit der Masse an Information umgehen, welchen Infos sie trauen können – sie sind die leichtesten Opfer für Verschwörungstheorien«, sagt der Journalist Pratik Sinha, Gründer der Fact-Checking-Website AltNews.in.

Im zweitgrößten WhatsApp-Markt Brasilien versuchen Initiativen wie Aos Fatos oder das Bündnis Projeto Comprova WhatsApp-Nutzer dazu zu bewegen, verdächtige Informationen aus ihren Chats zur Prüfung (Debunking) einzureichen – und später die korrigierten Meldungen zu teilen. Der Harvard-Studie zufolge vertrauen Menschen eher Faktenchecks und verbreiten diese weiter, wenn sie von für sie glaubwürdigen Quellen kommen – und das sind vor allem Freunde, Familienmitglieder oder Personen mit ähnlichen ideologischen oder politischen Ansichten.

Religiös fundierte Gerüchte lassen sich häufig schwieriger entlarven – da die Nutzer Kritik als Angriff auf ihren Glauben betrachten. Und Pastoren wie Oscar Gutierrez aus Mexiko erreichen online ein Millionenpublikum und stacheln ihre Anhänger gegen die Corona-Politik des Staates auf.

Auch in afrikanischen Ländern organisieren viele der evangelikalen Freikirchen, die eher an die Heilkraft Gottes als an Medizin glauben, ihre Anhänger in WhatsApp-Gruppen: »Warum brauchen wir eine Impfung, wenn das Blut Jesu uns beschützt?«, heißt es dort. Die Pharmafirmen würden die afrikanische Bevölkerung unfruchtbar machen, Spermien vernichten und so das Bevölkerungswachstum stoppen wollen: Solche Gerüchte aus sozialen Netzwerken verstärken auf dem ganzen Kontinent Impfvorbehalte.

Tansanias Präsident John Magafuli etwa hat persönlich vor den Impfungen aus dem Westen gewarnt und nannte sie »gefährlich«. Er forderte die Bevölkerung auf, Corona stattdessen wegzubeten.

»Viele Gerüchte gehen von Glaubensgruppen aus«, bestätigt Ayoade Alakija. Die Nigerianerin ist Beraterin der Kampagne »Convince«, die über Corona-Impfstoffe aufklären und Fake News bekämpfen will. »Das größte Problem ist die Ungleichheit«, sagt sie. »Weil so gut wie keine Impfungen hier ankommen, gelten sie als ein Produkt des Westens.«

Südafrika hat gerade erst mit dem Impfen des medizinischen Personals begonnen, in Ghana sind am Mittwoch die ersten Dosen angekommen. Doch die meisten Länder warten noch auf die Impfstoffe.

»Wenn das staatliche Gesundheitssystem nicht funktioniert, dann wenden sich die Leute Gott zu und hoffen auf Wunder«, so Alakij. Auch sie will den Spieß nun umdrehen und mit religiösen Anführern zusammenarbeiten. »Nur mit ihrer Hilfe können wir die Fake News stoppen.«

Auf den Philippinen bietet sich die Katholische Kirche bereits als Sparringspartner des Staates an. Erzbischof Romulo Valles, Präsident der katholischen Bischofskonferenz der Philippinen (CBCP) hat angekündigt, Kirchen in Impfstationen zu verwandeln – er selbst und andere Geistliche wollen sich zudem öffentlich impfen lassen.

Rund 90 Prozent der Philippiner sind Christen, dem »2019 Philippine Trust Index« (PTI) zufolge glauben die Bürger eher der Kirche als dem Staat.

Die Philippinen zählen neben Afghanistan, Indonesien, Pakistan und Südkorea zu den Staaten, in denen das Vertrauen in Impfungen einer Studie zufolge zwischen 2015 und 2019 besonders stark gefallen ist. Nachdem das Land schlechte Erfahrungen mit einer Dengue-Impfkampagne gemacht hat, lassen viele Eltern ihre Kinder gar nicht mehr impfen.

Und Philippiner vertrauen sozialen Medien häufig mehr als klassischen Medien, was sie anfälliger für Fake News macht – die sich hier vor allem über Facebook und Facebook Messenger verbreiten. »Viele erleben Facebook als das Internet und erkennen nicht den Unterschied zwischen den Seiten etablierter Nachrichtenorganisationen und Social-Media-Gruppen, die Fake News verbreiten«, sagt Gemma Mendoza. Auch die Hetzkampagnen der Duterte-Regierung gegen Medien hätten das Vertrauen in Journalismus zerstört.

Die 47-Jährige aus Manila leitet das Forschungsteam zu Falschinformationen bei der Plattform »Rappler«, einer der Partnerorganisationen von Facebook. »Rappler« betreibt Fact-Checking und baut mit MovePH derzeit ein Freiwilligennetzwerk aus Studenten, lokalen Journalistinnen und Journalisten und zivilgesellschaftlichen Organisationen auf. Seit Beginn der Pandemie haben die Trainer rund 3000 Teilnehmern in Webinaren Fact-Checking-Techniken beigebracht.

Mendoza glaubt, dass die Kirche mit ihrem Einsatz etwas bewegen könnte: »Die Kirche ist sehr aktiv in den sozialen Medien. Sie hat in den vergangenen Jahren zwar etwas von ihrem Einfluss verloren, ist aber immer noch eine bedeutende Kraft«, sagt sie. Ob die Geistlichen die Impfpanik besiegen können, wird sich aber erst zeigen – bisher ist noch unklar, wann die ersten Bürger eine Impfung erhalten können.

Icon: Der Spiegel

Neueste Beiträge

19:25 Schlangen an Tankstellen: Spritpreise steigen schon vor Ende des Tankrabatts kräftig

0 comment Read Full Article