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Apple, Sony, Pininfarina und Co: Elektroauto-Technik kommt Quereinsteigern zugute

February 17
00:57 2021
Das »Rolling Chassis« der deutschen Zulieferer Bosch und Benteler. Auf dieser technischen Basis soll ein künftiges Elektroauto von Pininfarina aufbauen Icon: vergrößern

Das »Rolling Chassis« der deutschen Zulieferer Bosch und Benteler. Auf dieser technischen Basis soll ein künftiges Elektroauto von Pininfarina aufbauen

Foto: Bosch

Der per Maus bedienbare Apple Macintosh veränderte 1984 die Computerwelt; das iPhone von Apple revolutionierte 2007 die Mobiltelefonbranche. Folgt 2024 Apples Attacke auf die Autowelt?

Unter dem Projektnamen »Titan« arbeitet der kalifornische Elektronikkonzern seit Jahren an einem elektrisch und autonom fahrenden Fahrzeug. Schon in drei Jahren könne es fahren, hieß es zuletzt in unbestätigten Berichten.

Jüngst haben sich Gerüchte dahin gehend verdichtet, dass Apple kein eigenes iCar entwickelt, sondern auf eine fertige Technikplattform zugreift. Die Basis des Apple-Autos – Fahrwerk, Elektroantrieb, Akku – würde also zugekauft. Der Techkonzern könnte sich voll und ganz auf seine Kernkompetenz konzentrieren: die elektronische Vernetzung.

Mit welchem Partner dies geschehen könnte, ist unklar. Spekulationen über eine Zusammenarbeit zwischen Apple und dem koreanischen Hyundai-Kia-Konzern hat der Autohersteller dementiert. Auch Nissan sah sich zuletzt genötigt, Berichte über Gespräche mit Apple zurückzuweisen.

Doch Apple hat theoretisch viele andere Optionen. Für Quereinsteiger kommen heutzutage nicht nur originäre Pkw-Hersteller als Kooperationspartner infrage. Auch etliche Zulieferunternehmen stehen für eine Zusammenarbeit bereit. Dabei hilft es enorm, dass es um Autos mit dem vergleichsweise einfach aufgebauten Elektroantrieb geht – und nicht mehr um Wagen mit Verbrennungsmotor.

Zulieferer bieten inzwischen komplette Baukastensysteme für E-Fahrzeuge an. Für Start-ups und andere Newcomer in der Autobranche könnte das interessant sein, sagt Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) in Geislingen: »Sie können solche Plattformen nutzen, um kostenoptimiert und schnell mit Fahrzeugen auf den Markt zu gehen.«

Aufs Technikpaket muss nur noch ein »Deckel«

Blaupausen für derartige Projekte gibt es. So ist das italienische Designstudio Pininfarina inzwischen als Autohersteller aktiv. Zuvor war es über Jahrzehnte unter anderem dafür bekannt, Sportwagen von Ferrari einzukleiden. Dem ersten eigenen Modell, dem Supersportwagen Battista mit 1900 PS Motorleistung, sollen weniger brachiale E-Autos folgen. Das technische Know-how kauft Pininfarina im Komplettpaket bei den deutschen Zulieferern Bosch und Benteler ein.

Die beiden Firmen haben gemeinsam ein »Rolling Chassis« entwickelt, eine modulare Plattform für Elektroautos. Sie vereint alle Komponenten der beiden Zulieferer, die fürs Fahren relevant sind. Die E-Mobilität lasse die Nachfrage nach solchen integrierten Lösungen wachsen, heißt es bei Bosch.

Benteler entwickelte das skalierbare Batteriespeichersystem und das Fahrwerk, Bosch stellt das darauf abgestimmte elektronische Zubehör – vom Steuergerät über den Elektromotor bis zum Bremssystem. Wer also ein Elektroauto produzieren möchte, kann es mit einem bereits fertigen Grundgerüst tun. Es muss nur noch der individuelle »Deckel« drauf – bestehend aus Innenausstattung und Karosserie.

Bosch und Benteler sind nicht die einzigen Zulieferer, die ihre Chance wittern. Gefragt ist offenbar auch die Elektroplattform des kanadisch-österreichischen Konzerns Magna Steyr. Der Auftragsfertiger, der unter anderem die Mercedes G-Klasse sowie einige BMW- und Jaguar-Modelle baut, wurde in der Vergangenheit auch als möglicher Partner von Apple gehandelt.

Bestätigt ist hingegen die Verbindung der Österreicher mit dem japanischen Elektronikkonzern Sony. Dessen vor einem Jahr vorgestelltes Elektroauto rollt mit Magna-Steyr-Technik bereits zu Testzwecken durch Österreich.

Zulieferer machen neue Automarken mobil

Zuletzt hatte das amerikanische Auto-Start-up Fisker bekannt gegeben, seine Elektrofahrzeuge auf Basis der Magna-Steyr-Plattform herzustellen. Das kam überraschend. Denn die Studie des Fisker-Wagens basierte noch auf dem modularen Elektronikbaukasten MEB von Volkswagen. Diese Kooperation zerschlug sich jedoch, und so wird das SUV-Modell Fisker Ocean im kommenden Jahr ohne VW-Technik debütieren.

Die zugekauften Technikplattformen verändern das Gefüge in der Automobilbranche – und sie ermöglichen neue Geschäftsmodelle. Das Low-Budget-Segment sei von niedrigen Gewinnmargen gekennzeichnet, sagt IFA-Direktor Reindl. »In diesem Bereich könnten über die Nutzung einer solchen Plattform durch mehrere Hersteller die notwendigen Skaleneffekte realisiert werden.« Kurz gesagt: Kaufen mehrere Kleinhersteller bei einem Zulieferer das gleiche Technikgerüst, rechnet es sich für alle.

Auch das Gegenteil, also mächtiges Protzen, ist per Plattformstrategie möglich. Auf dem »Rolling Chassis« von Bosch und Benteler lässt sich zum Beispiel ein SUV-Modell mit 100 kWh Akkukapazität und bis zu 300 kW Leistung (umgerechnet 408 PS) aufbauen.

Wer baut denn nun das Apple-Auto?

Die Vielfalt der Optionen lockt viele Unternehmen. Darunter den Herzogenauracher Zulieferer Schaeffler, der ebenfalls eine eigene Plattform entwickelt hat. Continental aus Hannover fertigt bei seinem Tochterunternehmen Vitesco einen integrierten Achsantrieb, der E-Maschine, Leistungselektronik und Getriebe vereint. Seit 2019 wird das Teil in den Elektroautos Peugeot e-208 und Opel Corsa-e verbaut. Das Münchener Start-up Sono Motors setzt ebenfalls auf die Vitesco-Technik.

Auch neue Firmen drängen auf den Markt. Das 2018 gegründete kalifornische Start-up Canoo hat eine besonders flache Elektroplattform entwickelt, auf der Canoo eigene Pkw und Transporter aufbauen will. Bis zu 368 kW Leistung und gut 480 Kilometer Reichweite sind möglich. Der erste Typ auf dieser Plattform, ein Kleinbus, ist für 2023 angekündigt.

»Indem wir den kritischsten und teuersten Teil des Fahrzeugs in allen unseren Modellen einheitlich halten, können wir schnell und kosteneffektiv eine vollständige Palette von Elektrofahrzeugen auf den Markt bringen«, sagte Ulrich Kranz, Chef von Canoo und ehemals Leiter der BMW-Elektrooffensive »i«.

Jetzt will auch Foxconn mitmischen

Amerikanische Medien berichteten im vergangenen Jahr, Apple sei an einer Übernahme von Canoo interessiert. Pikant: Das Start-up ist seit 2020 offiziell Partner von Hyundai – jenem Konzern, um den es die Apple-Gerüchte gegeben hatte. Ganz verstummt sind diese auch wegen Canoo noch nicht. Es passt ja alles auch so schön: Hyundai und Canoo haben angekündigt, gemeinsam eine Elektroplattform zu entwickeln.

Womöglich wendet sich Apple in Sachen Autobau aber auch an einen alten Bekannten: das taiwanische Unternehmen Foxconn. Der Elektronikriese fertigt unter anderem das iPhone. Im Oktober 2020 brachte sich Foxconn erstmals als Automobilzulieferer ins Spiel und präsentierte eine Elektroautoplattform.

Bis zum Jahr 2027 will Foxconn nach eigenen Angaben mit Bauteilen in jedem zehnten Elektroauto weltweit vertreten sein. Ob auch Modelle von Apple darunter sein werden? Antworten auf diese und andere Fragen blieben die Amerikaner dem SPIEGEL schuldig.

Klar ist dennoch: Nie war es für Quereinsteiger wie Apple so einfach wie heute, ein eigenes Auto zu bauen.

Icon: Der Spiegel

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