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Corona-Impfstoff Sputnik V aus Russland in der Kritik: Zahlendreher und fehlende Daten

February 08
17:46 2021
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Russischer Impfstoff Sputnik V: Wirksamkeit von 91,6 Prozent?

Foto: Agustin Marcarian / REUTERS

Für die russischen Forscher war es wie ein Ritterschlag: Ein Artikel in »The Lancet« bescheinigt dem Impfstoff Sputnik V eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Am Dienstag publizierte das renommierte Fachblatt erste Zwischenergebnisse einer klinischen Phase-III-Studie.

Damit rangiert das bisher umstrittene Gam-COVID-Vac – auch Sputnik V genannt – unter den weltweit etabliertesten Corona-Impfstoffen. Die Vakzine von Moderna und Biontech/Pfizer haben eine Wirksamkeit von 95 Prozent, AstraZeneca hingegen liegt deutlich darunter, der Impfstoff von Johnson & Johnson rangiert bei 66 Prozent.

Sputnik V spielt also in der ersten Liga der Impfstoffe mit. Deshalb haben in den vergangenen Tagen sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn und auch die EU-Kommission eine Zulassung in Erwägung gezogen.

Mit dem Lancet-Beitrag ist der gute Ruf des umstrittenen Vektor-Impfstoffes gegen Covid-19 wieder hergestellt – so jedenfalls die Hoffnung auf russischer Seite. Doch die Fachwelt bleibt skeptisch.

Zahlensalat und ungeklärte Todesfälle

Bereits im September hatten rund 40 Experten um den bekannten Molekularbiologen Enrico Bucci, der in Italien ein Institut für wissenschaftliche Integrität namens Resis leitet, die russische Datenlage kritisiert. Sie hatten damals vor allem auf die auffälligen Dopplungen in Diagrammen der Veröffentlichung hingewiesen.

Ein halbes Jahr später sind die Zweifel geblieben: »Der Beschluss der russischen Regierung, den Impfstoff vor der Phase III verfügbar zu machen, ist weiterhin inakzeptabel«, so Enrico Bucci, der an der Universität Philadelphia lehrt, zum SPIEGEL.

Die Entwicklung des Impfstoffes Sputnik V sei aber auch für russische Verhältnisse untypisch. »Ich kritisiere nicht die biomedizinische Wissenschaft in Russland als Ganzes, sondern diesen einmaligen Vorgang«, so Bucci. Auch mit der Pandemie könnte so ein lückenhaftes und intransparentes Verfahren nicht gerechtfertigt werden.

Sein Institut habe die »Lancet«-Publikation deshalb noch einmal unter die Lupe genommen. Die Forscher verweisen auf sechs Punkte, die »Anlass zur Sorge« geben und trotz der neuen Publikation weiterhin ungeklärt seien:

  • Es bestehe ein grober Mangel an Transparenz. Wissenschaftler, darunter laut Bucci auch aus Russland, hätten weiterhin keinen Zugang zu den Rohdaten der Impfstoffentwicklung. Als Antwort hätten sie bekommen, dass eine »Sicherheitsabteilung« die Anfragen prüfen wird. Das bestätigen auch russiche Mediziner dem SPIEGEL. Ein solches Verhalten vonseiten des staatlichen Gamaleja-Forschungszentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau als auch von »Lancet« sei »empörend«, so Bucci.

  • Es seien bisher vier Todesfälle infolge einer Sputnik-Impfung gemeldet worden. Details zu den Umständen gebe es aber nur von zwei Personen.

  • Es gebe Ungereimtheiten bei der Anzahl der Probanden: Im »Lancet«-Beitrag würden zwei Zahlen genannt: An einer Stelle gab es 21.977 Studienteilnehmer, an anderer Stelle seien wieder 21.862 Teilnehmer aufgeführt.

  • Es tauchten Fragen bei der Berechnung der Wirksamkeit auf: So hätten 15 Prozent der Teilnehmer in der Placebogruppe am 42. Tag Antikörper gebildet. Sehr wahrscheinlich hätten sie sich in der Zeit angesteckt und einen asymptomatischen Verlauf von COVID-19. Unklar ist, ob das mit in die Berechnungen einfloss.

  • Außerdem sei ungeklärt, warum die Zahl der Probanden der »Impfgruppe« in den Zwischenstudien weitaus höher ist als im Abschlussbericht bei »Lancet«.

  • Im »Lancet«-Bericht gebe es zudem Zahlendreher bei den Teilnehmern, die sich trotz Sputnik-Impfung mit Covid-19 infizierten: So hätten sich laut den »Findings« der Studie nach 21 Tagen nur 16 von rund 15.000 Probanden angesteckt, an anderer Stelle des Papers seien es in dieser Gruppe plötzlich 61 Covid-Fälle an Tag 20.

Eine Aussage über die Wirksamkeit könne nach solchen Zahlendrehern und Widersprüchen deshalb nicht seriös getroffen werden, meint Enrico Bucci. Die Todesfälle könnten sicher aufgeklärt werden, aber auch hier wünscht sich der italienische Forscher mehr Offenheit. »Der Sputnik-Impfstoff könnte sicher eine wertvolle Ergänzung auch für Europa sein«, meint der Forscher. »Allerdings müssen die Daten endlich zugänglich und vollständig sein.«

Spekulationen über Datenfälschungen

Kritik kommt auch aus Russland. Nur wenige Mediziner trauen sich, öffentlich die Forschungspolitik des Landes infrage zu stellen. Epidemiologe Wassili Wlassow von der Moskauer Higher School of Economics ist eine Ausnahme. »Es ist unglücklich, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft keinen Zugang zu den Rohdaten hat, weil das weiteren Raum für Spekulationen über Datenfälschungen gibt«, heißt es in einer Stellungnahme von Wlassow zum »Lancet«-Report, die dem SPIEGEL vorliegt. Gezeichnet ist die Stellungnahme von der Russian Society for Evidence-Based Medicine, deren Vize-Präsident er ist. Die Gesellschaft setzt sich in Russland seit 2003 für transparente Forschung ein und hat bereits mehrmals das öffentliche Gesundheitssystem als marode kritisiert.

Ebenso wie sein italienischer Kollege Bucci kritisiert Wlassow in seinem Bericht das ungeklärte Verschwinden von Probanden in der Phase III-Studie, die in den Zwischenberichten erst auftauchen und dann scheinbar im Testverlauf wieder verschwinden. In der Impfgruppe seien das immerhin 74 Testpersonen gewesen. Auch die Schwankungen der Gesamtzahl von Probanden seien ungewöhnlich: Die Studie mache nicht transparent, warum in den verschiedenen Phasen des Tests Menschen ausgeschieden seien oder von den Studienautoren nicht mehr gezählt wurden. »Es gibt Hinweise auf ungerechtfertigten Ausschluss von Probanden«, schreiben Wlassow und seine Kollegen. Ob dadurch die Angabe zur Wirksamkeit des Impfstoffs verfälscht wird, lasse sich allerdings nicht sicher sagen.

Wlassow kritisiert zudem, dass asymptomatische Fälle in der Studie nicht berücksichtigt wurden. Die Wirksamkeit der Impfung bezieht sich daher nicht auf einen Schutz vor Infektionen mit Sars-CoV-2, sondern vor der Erkrankung mit Covid-19. Es könne sein, dass asymptomatische Infektionen in der Impfgruppe häufiger waren als in der Placebogruppe. »Das kann zu einer signifikanten Überschätzung der Schutzwirkung von Sputnik V führen«, heißt es. Allerdings haben auch andere Hersteller, etwa Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca die Wirksamkeit ihrer Impfstoffe zunächst nur mit Blick auf Covid-19-Erkrankungen statt auf Sars-CoV-2-Infektionen getestet.

Auch bei den Langzeitfolgen der Impfung habe es Unstimmigkeiten gegeben: So seien 34 Prozent der Probanden von der Sicherheitsanalyse nach dem Testzeitraum ausgeschlossen worden. Die dafür angegebenen Gründe seien »nicht überzeugend«. Das gelte auch für die Beschreibung der Todesfälle. »Darüber hinaus enthält der Lancet-Text eine Reihe von handwerklichen Fehlern, doppeldeutige Formulierungen und Tippfehler«, bemängeln die russischen Mediziner.

Die Kritiker der russischen Phase-III-Studie kamen unabhängig voneinander zu ähnlichen Schlüssen: Trotz der Publikation im renommierten Fachblatt »Lancet« gebe es viele Ungereimtheiten. Dass Sputnik V sehr wahrscheinlich ein wirksames Vakzin ist, bestreitet weder Enrico Bucci noch sein russischer Kollege Wassili Wlassow. Doch ob diese wirklich bei mehr als 90 Prozent liege und wie sicher der Stoff sei, ist laut den Forschern zumindest fraglich. Das gelte auch für die Ansteckung nach einer Impfung.

Mitarbeit: Julia Merlot

Icon: Der Spiegel

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