Corona in Portugal: »Jetzt stehen wir selbst an vorderster Front«
Icon: vergrößernDie Pandemie hat Portugal fest im Griff
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Auf einem der zentralen Plätze Lissabons steht steinern, einen Löwen zur Seite, der Marquis de Pombal, der Retter der Stadt, als alles in Trümmern lag, nach dem Erdbeben am 1. November 1755. Nicht nur seismologisch war es eine Welterschütterung, diese größte Naturkatastrophe seit damaligem Menschengedenken.
»Begrabt die Toten, versorgt die Überlebenden!«, das war die Losung des späteren Marquis, damals noch ein Erster Minister des Königs. Es wurde das Programm des Pragmatismus: Kein Jammern und erst recht kein Beten, sondern tun, was zu tun ist. Der Marquis de Pombal wurde zum Inbegriff von stiff-upperlip und postapokalyptischer Politik und hat sich sein Standbild wohl verdient.
Ein Viertel der Einwohner kam ums Leben. Die meisten starben nicht durch das Erdbeben, sondern durch eine zweite und dritte Welle der Verwüstung, durch Brände und Epidemien. Das Wasser des Tejo hatte sich komplett zurückgezogen, viele Überlebende flüchteten aus den Trümmern an den Uferkai oder auf die dort auf Grund liegenden Schiffe. Doch dann kam die Welle, fünfzehn Meter hoch und rasend schnell, fast ließe sich sagen: exponentiell schnell.
Portugal hat derzeit mit 816 Fällen die höchste Sieben-Tage-Inzidenz in Europa
Vielleicht wird auch den Nachfahren des Marquis einmal von dankbaren Bürgern ein Denkmal errichtet werden. Es sieht allerdings nicht danach aus. Nirgendwo in der EU sind die Inzidenzzahlen höher, die Krankenhäuser so am Limit wie derzeit in Portugal.
»Im Unterschied zum Marquis de Pombal leben wir in einer Demokratie«, sagt Außenminister Augusto Santo Silva dem SPIEGEL. »Es ist schwer vorstellbar, den Menschen in Portugal zu verbieten, ihre Familien über die Feiertage zu besuchen.«
Pombal konnte autoritär durchregieren, hätte vermutlich Schulen und Cafés geschlossen, Reiseverbote erlassen, die Flughäfen scharf kontrolliert, also all das, vor dem das linke Regierungsbündnis des António Costa zurückschreckte: Nur kein zweites strenges Lockdown, das war die Haltung der Regierung vor Weihnachten und vermutlich auch der meisten der Bürgerinnen und Bürger.
Sie wird schon nicht kommen, die Welle. Der Tejo wird trocken bleiben.
Doch dann kam nicht nur die zweite, sondern gleich eine dritte, noch stärkere Welle. Portugal hat derzeit mit 816 Fällen die höchste Sieben-Tage-Inzidenz in Europa. Es gibt ländliche Gegenden mit Inzidenzen weit über tausend.
»Im vergangenen März hatten wir Zeit uns vorzubereiten«, sagt Santo Silva. »Es gab die Lehren aus Italien und Spanien. Doch jetzt stehen wir selbst an vorderster Front und haben es mit der britischen Varante zu tun.« In Lissabon würden bereits 50 Prozent der Neuinfektionen dem Mutanten aus England zugeschrieben.
»Unser Gesundheitssystem ist unter großem Stress«
Bis zu zwanzig Stunden mussten im Krankenhaus Garcia de Orfa in Almada, am anderen Tejo-Ufer, Intensivpatienten in den Ambulanz-Fahrzeugen warten.
Besonders ernst ist die Lage im Norden des Landes. In einem Krankenhaus in Leira, so der staatliche Sender RTP, seien aktuell über hundert Ärzte und Pfleger selbst infiziert oder in Quarantäne.
»Unser Gesundheitssystem ist unter großem Stress«, sagt Minister Santo Silva. »Aber es ist nicht kollabiert. Wir verfügen über etwa tausend Intensivbetten in Portugal, die jetzt neu verteilt werden müssen.«
Das ganze Land hat sich in Selbstquarantäne begeben, die Grenzen nach Spanien weitgehend geschlossen und den Flugverkehr heruntergefahren.
Eine Maschine jedoch wird heute auf dem »Aeroporto Humberto Delgado« landen, ein Hilfsteam der Bundeswehr, mit acht Ärztinnen, achtzehn Pflegern und Hygienefachpersonal. Dazu 50 Beatmungsgeräte, 150 Krankenbetten, Infusionsgeräteund weitere medizinische Ausrüstung.
»Dringende personelle und materielle Unterstützung«
Der SPIEGEL hatte bereits am Freitag über das Hilfeersuchen und den Einsatz des Teams berichtet. Premierminister Costa brauchte bis Montagabend, es auch öffentlich zuzugeben.
»Wir wollten eben erst sicher wissen, was wir brauchen würden«, sagt Außenminster Santos Silva. Außerdem habe Portugal keineswegs um Hilfe gebeten: »Wir haben nur Hilfsangebote unserer europäischen Nachbarn angenommen, wie es in solchen außergewöhnlichen Lagen üblich ist. Das ist ein Unterschied.«
Es gibt ein Schreiben der portugiesischen Gesundheitsministerin Marta Temido vom 25. Januar an Annegret Kramp-Karrenbauer, in dem sie »um dringende personelle und materielle Unterstützung« ersucht hat, so das Bundesverteidigungsministerium.
»Begrabt die Toten, impft die Lebenden«
Das Team der Bundeswehr wird zunächst drei Wochen in Lissabon beiben, dann eventuell von Teams aus anderen EU-Ländern abgelöst werden. Österreich hat bereits Intensivpatienten aufgenommen, Spanien und Luxemburg haben sich ebenfalls zur Hilfe bereit erklärt.
In Portugal mangelt es besonders an medizinischem Personal. Zu viele ausgebildete Kräfte sind seit der Finanzkrise 2008 nach Großbritannien, Frankreich, Spanien abgewandert.
Am Montag hat das Land die zweite Impfphase gestartet, für Hochbetagte und über 50jährige mit speziellen Vorerkrankungen. Für die gut zehn Millionen Einwohner sind bisher rund 400.000 Impfdosen geliefert worden, 270.000 Menschen haben die erste Impfung erhalten, 70.000 auch bereits die zweite.
So wie es wohl auch der Marquis de Pombal empfohlen hätte: »Begrabt die Toten, impft die Lebenden«, und nehmt Hilfe an ohne lang zu zögern.
Icon: Der Spiegel

