Coronavirus: Die Rolle der scheinbar gesunden Infizierten
Camilla Rothe vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München testete Ende Januar die erste Person in Deutschland positiv auf das neue Coronavirus. Der Befund bei einem Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto ermöglichte eine entscheidende Entdeckung: Deutschlands Patient Nummer eins hatte sich bei einer infizierten Kollegin aus China angesteckt, als diese noch keine klaren Corona-Symptome zeigte.
Eine Erkenntnis als Zufallsfund, die den Umgang mit der herannahenden Pandemie schnell hätte ändern können. Mehr als zehn Millionen Menschen haben sich weltweit bislang infiziert, gut eine halbe Million starben an und mit dem neuen Coronavirus. Doch statt Rothes Beobachtung ernst zu nehmen, warfen Behörden wie das Robert Koch-Institut (RKI) und die WHO ihr und ihren Kollegen methodische Fehler vor – mit möglicherweise weitreichenden Folgen.
Zunächst hatte die New York Times über die frühen Beobachtungen Rothes berichtet. Im Interview mit dem SPIEGEL erklärt sie nun, wie es zu der wichtigen Entdeckung kam und warum sie für den Kampf gegen das neue Virus wertlos blieb. Das RKI verweist auf Anfrage darauf, dass es weitere Untersuchungen habe abwarten wollen (grau hinterlegte Boxen im Text). Die WHO ließ eine Anfrage vom Montag unbeantwortet.
SPIEGEL: Frau Rothe, was ist schiefgelaufen, sodass ihre Beobachtungen über symptomlose Überträger von Infektionsschutzbehörden nicht ernst genommen wurden?
Rothe: Das würde ich selbst gern wissen. Ich habe Ende Januar eine simple Beobachtung gemacht: Ein Mann beim Autozulieferer Webasto hatte sich bei einer Kollegin mit dem Coronavirus infiziert, die aus China angereist war. Nach seinen Angaben hustete die Frau bei den Zusammentreffen nicht, putzte sich nicht die Nase und machte auch sonst keinen ungewöhnlichen oder kranken Eindruck. Damit war die Sache für mich klar.
SPIEGEL: Können Sie das genauer erklären?

