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Heiligabend 2020: So schlimm war das Jahr auch wieder nicht

December 25
01:39 2020
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Bitte lächeln: Geht doch – auch 2020

Foto: Johner Images / Johner RF / Getty Images

2020 wird stets das Corona-Jahr bleiben. Das Jahr, in dem sich das Virus weltweit ausbreitete, Millionen Menschen sich infizierten und viele Tausend starben. Das Jahr, in dem es – je nach Land – gleich mehrere Shutdowns gab, die Menschen zu Hause blieben und sich draußen nur mit Maske begegneten.

2020 war auch das Jahr, in dem die Temperaturen weltweit erneut stiegen – nur teilweise gingen die CO2-Emissionen wegen der Corona-Beschränkungen zurück.

Und 2020 war nicht zuletzt das Jahr, in dem Rechtspopulisten wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Viktor Orbán oft den Ton angaben – Trump sogar noch Wochen über seine Abwahl hinaus. Es war das Jahr, in dem Autokraten wie Xi Jinping, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdoğan ihre Macht unverblümt zur Schau stellten. Selten standen die westlichen Demokratien in jüngster Zeit so unter Druck wie 2020.

Und dennoch: Auch dieses zu Ende gehende Jahr hatte seine schönen Seiten. Viele Menschen sind an der Krise gewachsen. Viele können – zumindest im Rückblick – sagen: Es gab auch Gutes. Dinge, die Mut machen. Wendungen, die man nicht erwartet hatte.

Erinnerung an zehn glückliche Momente 2020:

Aus der Not ein Happening gemacht

Mit seinem Pferdeschwanz strahlte der deutsche Diplomat Walter Lindner in den 30 Jahren seiner Karriere schon immer ein wenig Jesus-Flair aus. Im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle, wurde der 63-Jährige dann tatsächlich wie ein Messias gefeiert. Lindner, seit 2019 Botschafter in Indien, organisierte binnen weniger Wochen eine Rückholaktion für mehrere Tausend Deutsche. In den sozialen Medien postete Lindner, wo sich die Gestrandeten einfinden sollten.

Mit Bussen ließ er die Urlauber aus allen Landesteilen in die Hauptstadt bringen. Weil alle Hotels geschlossen waren, öffnete Lindner kurzerhand den Garten seiner Residenz. Hier campierten die Deutschen, darunter viele Hippies, bis zu ihrem Rückflug. Sie brachten ihre Bongo-Trommeln mit, schlugen ihre Matten auf den Rasen und organisierten ein kollektives Yoga-Training. Als Lindner auf die Terrasse der Residenz trat, spendeten die Gäste Standing Ovations. »Es war bewegend zu sehen, wie Menschen, die sonst mit dem Staat eher wenig zu tun haben, uns Diplomaten dankbar für die Hilfe waren«, erinnert sich der Botschafter. Christoph Schult

Und plötzlich gab es einen Impfstoff

HIV, Borreliose, Malaria – gegen manche Erreger und Krankheiten gibt es auch nach Jahrzehnten der Forschung keine Impfung. Beim neuen Coronavirus ist das anders: Nicht mal ein Jahr, nachdem die ersten Fälle der mysteriösen Lungenkrankheit in China bekannt wurden, erwies sich ein in Deutschland entwickelter Impfstoff als sicher und wirksam: Der Impfstoff der Mainzer Firma Biontech – gemeinsam mit dem US-Unternehmen Pfizer in einer großen Phase-III-Studie erprobt – schützt demnach verlässlich vor einer Covid-19-Erkrankung. Anfang Dezember erteilte Großbritannien als erster Staat der Erde eine Notfallzulassung, kurz vor Weihnachten wurde der Impfstoff in der Europäischen Union regulär zugelassen. Und: Mehrere Hersteller und ihre Impfstoffe haben Phase-III-Prüfungen inzwischen mit guten Ergebnissen abgeschlossen.

Warum gelang die Entwicklung so schnell? Unter anderem, weil mit dem Sars-I-Virus ein dem neuen Erreger genetisch sehr ähnliches Virus schon länger bekannt ist. Ansatzpunkte für eine mögliche Impfung ließen sich dadurch schnell finden. Zudem nutzten die Hersteller keine abgeschwächten Viren für ihre Impfstoffe, die aufwendig im Labor herangezüchtet werden müssen, sondern einen genetischen Code für charakteristische Virusproteine. Das sparte Zeit. Hinzu kam eine Priorisierung der Projekte.

Der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist der erste seiner Klasse, der je auf den Markt kam. Auch das US-Unternehmen Moderna setzt auf die Technologie. AstraZeneca und die Uni Oxford haben einen Vektor-Impfstoff entwickelt. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wie lange der durch diese und weitere Mittel erzeugte Schutz vor Covid-19 bestehen bleibt – und ob auch Infektionen verhindert werden. Julia Merlot

Triumph über Populismus und Corona

In einer Welt, in der die größten und mächtigsten Staaten von Populisten und Autokraten regiert werden – keiner jünger als 65, flogen einer Frau aus einem kleinen Land fernab im Südpazifik die Herzen zu. Jacinda Ardern, 40, gelang es nicht nur, ihr Amt als Ministerpräsidentin von Neuseeland zu verteidigen – sie gewann sogar eine satte absolute Mehrheit.

Schon vor ihrem Triumph im Oktober hatte sie eine große Fangemeinde jenseits ihrer Heimat, die sie für ihre empathischen und entschiedenen Auftritte nach dem Massaker von Christchurch 2019 bewunderten. Daheim aber sahen Arderns Landsleute auch, dass sie Mühe hatte, ihre politischen Versprechen zu halten. Im Kampf gegen Covid-19 bewies sie jedoch Führungsstärke und drängte das Virus so weit zurück, dass die Neuseeländer schon lange wieder feiern, im Land verreisen und zum Rugby gehen können. Am Wahltag bedankten sie sich dafür. Dietmar Pieper

Das schaffen nur die Härtesten

Mit 15 Jahren fing Chris Nikic mit dem Fahrradfahren an, doch es war zäh, er kam zuerst keinen Meter weit. Der Amerikaner hat das Downsyndrom. Eine Folge: Er verfügt nur über eine geringe Muskelspannung – und einen Fahrradlenker zu halten, das fiel ihm damals ziemlich schwer. Immer wieder stürzte er. Doch Nikic gab nicht auf, er wollte unbedingt Fahrrad fahren, auch um Anschluss bei seinen Mitmenschen zu finden.

Der Sport und ein Ziel sollten ihm dabei helfen. Er übte weiter, ein halbes Jahr später schaffte Nikic es, 30 Meter weit zu fahren. Was für viele von einer Straßenlaterne bis zur nächsten ist, war für den jungen Amerikaner der Beweis, dass er in seinem Leben alles erreichen kann.

Chris Nikic ist heute 21, und in diesem Jahr hat er es als erster Mensch mit Downsyndrom geschafft, eine der härtesten Sportdistanzen der Welt zu bezwingen: Bei einem Ironman in Florida – 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen – kam Nikic nach 16:46:09 Stunden ins Ziel.

Ganz am Ziel ist Chris Nikic aber noch nicht. Auf einem Whiteboard im Haus der Nikic-Familie hat er weitere Lebensaufgaben notiert: Er möchte in einem eigenen Haus wohnen, ein Auto fahren und eine Frau finden, die ihn liebt. Jan Göbel

Einen Nerv getroffen – Freizeitbild statt Businessfoto

Die Arbeitswelt hat sich in diesem Jahr rasant verändert. Und Lauren Griffiths, 39, hat dafür gesorgt, dass man das auch sieht. Fast 900.000 Likes hat sie auf LinkedIn bekommen, weil sie ihr Businessfoto durch ein Freizeitbild ersetzt hat. Mehr als 30.000 Menschen schrieben einen Kommentar, viele versprachen, ihr nachzueifern.

Griffiths, die zuvor noch nie einen Beitrag auf LinkedIn gepostet hatte, schien einen Nerv getroffen zu haben. Sie wurde in Talkshows wie »Good Morning America« eingeladen, auch dem SPIEGEL gab sie ein Interview, das vielfach diskutiert wurde: Wofür sind glänzende Profilbilder eigentlich gut? Warum zeigen wir uns nicht so, wie wir wirklich sind? Auch wenn das in Zeiten einer Pandemie nun mal für viele Mütter und Väter bedeutet: zerzaust, verschwitzt, mit nassen Haaren und Jogginghose? Und warum schließen so viele Menschen noch immer vom Aussehen aufs Können?

Griffiths hat weltweit eine Debatte über Authentizität und Vorurteile am Arbeitsplatz angestoßen. Auf LinkedIn und auf einem eigenen Blog will sie sich nun öfter zu diesem Thema äußern. Ihr aktuelles Thema: Niemand sollte sich für Tränen am Arbeitsplatz schämen. Verena Töpper

Das Comeback der Disco-Queens

2020 war nicht nur das Jahr der geschlossenen Klubs, sondern auch das der neu eröffneten Tanzflächen: zwischen Geschirrbergen, Altpapierhügeln und Legostolperfallen. Das Jahr, in dem die Figur der Disco-Queen nicht in den heiligen Hallen des ehemaligen New Yorker Nachtklubs »Studio 54« wiedergeboren wurde, sondern mithilfe altersschwacher Computerlautsprecher im Homeoffice.

Gleich im März, die Klubs hatten gerade erst zugemacht, brachte Dua Lipa ihr Album »Future Nostalgia« raus. »Mit dieser Platte«, sagte die Londoner Popsängerin dem SPIEGEL, »wollte ich die Menschen für einen Moment von dem ablenken, was in der Welt da draußen passiert.« Lipa tat das mit einem Sound, in dem Abba und Prince sich wissend zunickten und der an heftiges Achtzigerjahre-Dance-Workout, siehe »Flashdance«, denken ließ.

In die Reihe der 2020er-Disco-Queens gesellte sich ein paar Monate später die Amerikanerin Lady Gaga, die mit den Neunzigern kuschelte, im Sommer die Engländerin Jessie Ware, die sich in unterkühltem Funk wohlfühlte, und im Herbst die Irin Róisín Murphy, die den Zeiten mit Zeilen wie »I'll make my own happy ending« trotzte.

Doch eine durfte nicht fehlen. Sie ließ am längsten auf sich warten. Kylie kam im November. Und wie musste das Anti-Corona-Blues-Album von Kylie Minogue naturgemäß heißen? Genau, »Disco«.

Die Sehnsucht nach Tanz, Schweiß und Rausch zu lauter Musik lässt sich ohne Klubs, in denen Menschen sich nah kommen, kaum bedienen. Es sei denn, man versucht es mit einer Musik, die grell ist, die kompromisslos zum Tanz auffordert und damit irgendwie utopisch wirkt in diesen Zeiten. Einer Musik, die dabei auch nostalgisch, also gewissermaßen heimelig daherkommt. Einer Musik wie Disco. Jurek Skrobala

»Die Krise ist eine Chance für uns«

Juliane Willing, 31, und Eva Neugebauer, 31, haben seit Beginn der Coronakrise so viele Kunden wie nie zuvor. Die beiden haben vor fünf Jahren den Online-Hofladen »Frischepost« gegründet, bis Anfang des Jahres belieferten sie Kunden in Hamburg mit Lebensmitteln aus landwirtschaftlichen Betrieben – und jetzt auch in Berlin, München und im Rhein-Main-Gebiet.

Dabei sah es für die Firma zunächst alles andere als gut aus: »Mitte März haben wir von einem auf den anderen Tag so gut wie alle Firmenkunden verloren – und damit 70 Prozent unseres Umsatzes«, sagt Juliane Willing. Den beiden war deshalb klar: Sie müssen mehr Privatkunden gewinnen. Und das ist ihnen gelungen. Vor allem Milch, Käse, Eier und frisches Gemüse sind bei ihren Kunden beliebt, aber auch Bier, Wein, Nudeln, Mehl – all die Dinge, für die viele Menschen nun nicht mehr in den Supermarkt gehen wollen.

Teilweise mussten sogar alle aus dem Büro beim Packen und Ausliefern helfen. »Auch wenn wir uns natürlich andere Umstände gewünscht hätten: Die Krise ist durchaus eine Chance für uns. Wir gehen davon aus, dass nun viele Endkunden ihren Konsum überdenken und sich auch langfristig für uns entscheiden.« Verena Töpper

Golden schimmerte der Stolperstein

»So einen Stolperstein, den hätte ich auch gern!«, sagte Kurt Teil, als wir uns im Sommer 2018 vor seiner Haustür in Hamburg-Eppendorf voneinander verabschiedeten. Dort hatte der jüdische Bankierssohn gewohnt, bevor er vor den Nationalsozialisten nach Amerika fliehen musste.

Anfang 1945 war Kurt Teil zurückgekehrt, hatte als GI deutsche Städte bombardiert, nach Kriegsende als Nazijäger für die US-Armee gearbeitet.

Kurt Teil hatte sich auf unseren Zeitzeugenaufruf hin gemeldet: Ich schrieb die Geschichte dieses mutigen, humorvollen Mannes auf. Begleitete ihn in seine alte Wohnung. Schloss ihn fest in mein Herz.

2020, im verflixten Corona-Jahr, war es so weit: Kurt Teil bekam endlich seinen Stolperstein. Ein Traum wurde wahr für ihn, per Flixbus und Flugzeug reiste der hochbetagte Mann aus Süddeutschland nach Hamburg. Gemeinsam bestaunten wir die kleine Messingplatte auf dem Gehweg, golden schimmerte der Stolperstein in der Herbstsonne. Der 97-Jährige strahlte. Und ich mit ihm. Katja Iken

Die schönste Umarmung des Jahres

»Meine Mutter, 81, wohnt 15 Minuten zu Fuß von mir entfernt, wir sehen uns regelmäßig – auch in diesem Corona-Jahr. Getroffen haben wir uns in den vergangenen Monaten allerdings immer mit Abstand und meistens im Freien. Für mich ist der Gedanke unerträglich, ich könnte infiziert sein und sie anstecken. Wir begegneten uns also oft, und doch nie so richtig. Denn ich habe meine Mutter seit März nicht berührt.

Für mich war es daher eine gute Nachricht, dass Österreich kürzlich Antigen-Schnelltests für alle anbot. Meine sieben Jahre alten Buben, mein Mann und ich hatten unseren Termin vor zehn Tagen. Wir alle waren negativ, ich hatte auch nichts anderes erwartet. Gefreut habe ich mich dennoch. Denn das Ergebnis bescherte mir das wohl schönste Geschenk: eine Umarmung mit meiner Mutter – es war die wärmste in diesem ganzen Jahr.

Zusammen mit den Zwillingen ging ich noch am Nachmittag bei ihr vorbei, in der Tasche ein Fläschchen Punschessenz und eine Tüte Maroni. Irgendwann standen wir beisammen und ich sagte: ›Mama, du weißt schon, dass ich dich jetzt mal kräftig drücken muss?‹ Also drückten wir uns, vielleicht 30 Sekunden lang, gefühlt fünf Minuten. Es war wundervoll, fast schon wie Weihnachten, ein Moment nur für uns.« Veronika Weiher, 45, aus Klosterneuburg bei Wien, aufgezeichnet von Julia Stanek

Der Late-Night-Direktor

Die Schule leer, die Kinder alle zu Hause: Björn Lengwenus, Schulleiter aus Hamburg, vermisste im ersten Shutdown seine rund 1600 Schülerinnen und Schüler. Deshalb entwickelte er ein ungewöhnliches Format, um Kontakt zu ihnen zu halten: eine Late-Night-Show auf YouTube. Am Montag, dem 23. März 2020, ging er um 22 Uhr das erste Mal auf Sendung. »Nach einer Woche im Shutdown war klar, dass der digitale Unterricht gut funktioniert«, erzählte er später dem SPIEGEL. »Aber das, was das Herz der Schule ausmacht, das fehlte: das Gefühl, eine große Gemeinschaft zu sein.«

Genau diese Gemeinschaft wollte Lengwenus während der Schulschließungen im Frühjahr virtuell herstellen – mit einem »digitalen Pausenhof«, wie er sagt. À la Harald Schmidt setzte er sich dazu an einen Schreibtisch in einem auf die Schnelle zusammengezimmerten Fernsehstudio und legte los, wurde vom Schulleiter zum Moderator, sprach seine Schülerinnen und Schüler an, erzählte, wie es ihm im Shutdown geht, hatte Einspieler parat, auch von Kollegen. Mit seinen rund 15-minütigen Clips schuf Lengwenus Wärme und Nähe – übers Netz. Beides kam an.

Die Show erhielt einige Zehntausend Klicks. Nach und nach schickten immer mehr Schüler Videos für die Sendung ein. »Das hat uns echt stark gemacht«, sagt Lengwenus. 28 Mal ging der Schulleiter im Frühjahr auf Sendung. Für seinen Einsatz bekam er im November den Social Design Award von SPIEGEL Wissen. Silke Fokken

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