Shell: Wie der Ölriese zum grünen Vorzeigekonzern werden will
Es gibt einen Ort am Rhein, wo sich besser als irgendwo sonst die Dimension des Umbruchs begreifen lässt, in dem sich Europas größter Konzern befindet. Und welch enorme Strecke noch vor ihm liegt. Wesseling, südlich von Köln.
Dort, in der Rheinland Raffinerie von Shell, recken sich Chemieanlagen in den Himmel, Kathedralen aus Stahl, verbunden mit 70.000 Kilometer Rohrgeflecht. Etwa jeder zehnte Liter Benzin oder Diesel, den Autofahrer in Deutschland tanken, wird in diesem Komplex hergestellt.
Mittendrin entsteht gerade ein Gebäude viel geringerer Ausmaße, kleiner als eine Schulturnhalle, der Rohbau ist fertig. Hier soll Wasserstoff produziert werden, klimaschonend mit Windstrom. Der Anlage fehlt noch ein Großteil des Innenlebens, ein britischer Maschinenbauer hat wichtige Module pandemiebedingt nicht termingerecht liefern können. Jörg Dehmel bangte zwischenzeitlich ein wenig, denn für ihn geht es um mehr als nur einen neuen Betriebsteil: »Hier bauen wir unsere Zukunft.«
Dehmel, 51, promovierter Chemiker, ist Technologiechef in Wesseling, zur Baustelle kommt er mit dem Dienstrad gefahren, rot-gelb lackiert, die Farben von Shell. Was im Dickicht der Leitungen passiert, weiß kaum jemand so gut wie Dehmel. Vor 23 Jahren begann er seine Karriere im Konzern und blieb ihm treu, was bei Shell oft vorkommt. Dass er, der »one-company guy«, nach so langer Zeit umgeben von Öl und Gas nun die Welt des Wasserstoffs entdeckt, findet Dehmel »ungeheuer inspirierend«. Wasserstoff sei »ein cooles Molekül«, sagt er begeistert.

