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Bürgerkrieg in Libyen: Ein zweites Syrien

June 10
07:38 2020
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Sarraj-Kämpfer an der Front in Libyen: Internationaler Stellvertreterkrieg

Amru Salahuddien/ dpa

Sirte ist seit jeher ein Schlüsselort in Libyen. Die Hafenstadt liegt auf halbem Weg zwischen den Metropolen Tripolis und Bengasi. Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi wurde hier geboren – und ließ sich hier zum "König der Könige" küren.

Nach Gaddafis Sturz 2011 kontrollierte vorübergehend die Terrormiliz "Islamischer Staat" Sirte. Zuletzt versuchte der Kriegsherr Khalifa Haftar von hier seine Macht Richtung Westen des Landes auszudehnen.

Nun ist Sirte Schauplatz einer weiteren entscheidenden Schlacht um Libyen. Die Regierungstruppen von Premier Fayez Sarraj stehen Haftars sogenannter Libysch-Nationaler Armee (LNA) gegenüber. Sarrajs Kämpfer wurden bei ihrem Vormarsch aus der Luft von Kampfflugzeugen und Drohnen beschossen, mindestens 45 Menschen starben.

Deutschlands Initiative ist gescheitert

Der libysche Bürgerkrieg, der mit Unterbrechungen seit fast einem Jahrzehnt währt, geht damit in eine weitere Runde. Längst hat er sich zu einem internationalen Stellvertreterkonflikt ausgeweitet: Die Türkei, Qatar und Italien unterstützen Sarraj, der auch von den Vereinten Nationen als rechtmäßiger Regierungschef anerkannt wird. Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE), Ägypten und Frankreich haben sich auf die Seite Haftars geschlagen.

Libyen ist für Europa von herausragender Bedeutung: Das Land verfügt über mehr Ölreserven als jeder andere Staat in Afrika. Zugleich nutzen jedes Jahr Tausende Migrantinnen und Migranten Libyen als Ausgangspunkt für die Flucht über das Mittelmeer. Ein Versuch der Bundesregierung, mit einem Gipfel im Januar Frieden herbeizuführen, scheiterte. Die Kämpfe toben heftiger denn je.

Die Kräfteverhältnisse haben sich zuletzt radikal verändert. Lange Zeit sah es so aus, als könnte Haftar, ein ehemaliger Getreuer Gaddafis, von Bengasi aus das gesamte Land erobern. Zu Beginn des Jahres stand sein Verbund aus Ex-Gaddafi-Offizieren, Söldnern, Stammeskriegern unmittelbar vor der Hauptstadt Tripolis.

Nun aber hat sich Sarraj aus der Umklammerung befreit. Seine Truppen haben die LNA nicht nur aus Tripolis vertrieben. Sie haben darüber hinaus weitere, strategisch wichtige Orte im Westen wie Tarhunah eingenommen. Haftar hat innerhalb von wenigen Tagen sämtliche Geländegewinne der vergangenen 14 Monate eingebüßt. Sollte er auch Sirte verlieren, muss er fürchten, gänzlich von der Sarraj-Armee (GNA) überrannt zu werden.

Der Vormarsch der GNA ist vor allem ein Triumph für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Bevor die Türkei ab vergangenen Herbst und verstärkt ab Januar in den Krieg eingriff, war die GNA ein loser Zusammenschluss von Milizen, die kaum in der Lage waren, Tripolis zu verteidigen. Im Schatten der Coronakrise rüstete Ankara das Sarraj-Regime massiv auf.

Zwar verpflichtete sich Erdogan auf der Berliner Konferenz, sich aus Libyen fernzuhalten, tatsächlich aber schaffte er im großen Stil Waffen und Kämpfer in das Land. Der türkische Präsident greift dabei kaum auf eigene Landsleute zurück, sondern lässt stattdessen Rebellen der Freien Syrischen Armee, die von ihm abhängig sind, für ihn kämpfen.

Erdogan ist auf diese Weise zum heimlichen Herrscher über Libyen aufgestiegen. Er hat mit Sarraj bereits ein Abkommen über die Ausbeutung von Gasvorkommen im Mittelmeer geschlossen. Zugleich kann er künftig Einfluss auf Migrationsbewegungen nach Europa nehmen.

Haftar hat der Offensive der GNA gegenwärtig wenig entgegenzusetzen. Er muss darauf hoffen, dass seine ausländischen Unterstützer allen voran Russlands Präsident Wladimir Putin oder die UAE ihr Engagement ausweiten.

Moskau lässt bereits Söldner der Wagner-Truppe in Libyen kämpfen, auch russische Kampfjets sollen im Bürgerkriegsland im Einsatz sein. Es läuft auf ein Szenario wie in Syrien zu, wo sich die Autokraten Putin und Erdogan gegenüberstehen und über ein Land entscheiden.

Die Europäer sind zu Zuschauern degradiert

Die Europäer sind in Libyen zu Zuschauern degradiert. "Wenn sich der Rauch gelegt hat, wird man in Brüssel und Berlin feststellen, dass nun die Türkei und Russland an diesem strategisch so wichtigen Abschnitt der Mittelmeerküste das Sagen haben", sagt der libysche Parlamentarier Mustafa Alushaibi.

Haftar und Sarraj sind selbst überwiegend Statisten in dem Konflikt. An der Front kämpfen (unter anderem, aber nicht nur) Libyer gegen Libyer. Das Schicksal des Landes jedoch wird in Ankara und Moskau verhandelt.

Icon: Der Spiegel

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