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Solare Wucht stresst Reaktoren : Die Sonne knipst die französischen Atomkraftwerke aus

June 06
16:38 2026

Wirtschaft

Solare Wucht stresst Reaktoren Die Sonne knipst die französischen Atomkraftwerke aus

06.06.2026, 14:03 Uhr DSC8670-Edit-3-7Von Christian HerrmannArtikel anhören(10:40 min)00:00 / 10:40

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An sonnigen Tagen werden die französischen Atomkraftwerke nicht mehr benötigt. (Foto: picture alliance / Visually)

In Frankreich liefern 57 Atomreaktoren zuverlässig Dauerstrom. Gleichzeitig setzt Frankreich wie Deutschland auf Solar- und Windenergie. Deren Wankelmütigkeit zwingt die französischen Reaktoren in die Flexibilität. Dafür wurden sie aber nicht gebaut. Der Betreiber schlägt Alarm.

Ende Mai schnellen die französischen Strompreise nach oben. Ursache ist der Wetterbericht: Westeuropa leidet unter der ersten Hitzewelle des Sommers. In Paris steigen die Temperaturen auf 33 Grad Celsius. An der Strombörse EEX steigen die Preise für Stromlieferungen im Juni um mehr als 10 Prozent. Berichten zufolge befürchten die Händler, dass die sengende Hitze die französischen Atomkraftwerke in Bredouille bringt: Mehrere Reaktoren werden mit Flusswasser gekühlt. Steigt die Wassertemperatur zu stark an oder sinkt der Wasserpegel zu sehr, müssen sie heruntergefahren werden – so wie im vergangenen Jahr.

Der Betreiber der französischen Atomreaktoren beruhigt. Das Drosseln oder Herunterfahren von Atomkraftwerken bei Hitzewellen reduziere die jährliche Stromproduktion im Schnitt um 0,3 Prozent, sagt der Energiekonzern EDF.

Solaranlage-bei-Bad-Rauenberg-in-NordbadenProblem an sonnigen FeiertagenDas passiert, wenn Sonnenstrom das Netz flutet

Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) stimmt zu. Hitze sei nur für diejenigen Atomkraftwerke problematisch, die keinen Kühlturm haben, sagt der Energieexperte. Das sind in Frankreich nur wenige.

Doch Hitze bedeutet gleichzeitig Sonnenschein. Der stellt eine größere Herausforderung für den Betrieb dar. "Es wird in zehn Jahren erhebliche Probleme geben", sagt Gandhi. EDF habe vor einigen Wochen auf die hohen Kosten hingewiesen, die 2025 wegen der Abriegelung der Kernenergie entstanden seien. "Es ist nicht absehbar, dass es besser wird. Dieser Effekt wird von Jahr zu Jahr zunehmen." Denn Atomkraftwerke und erneuerbare Energien sind inkompatibel.

Xenon im Kernreaktor

Aktuell betreibt Frankreich 57 Atomreaktoren. Sie liefern die Grundlast, also anders als Solar- und Windenergie Dauerstrom. Nach größeren Schwierigkeiten vor drei bis vier Jahren inzwischen wieder zuverlässig.

Für die Zukunft setzt die französische Regierung wie Deutschland stark auf erneuerbare Energien, geht aber vorsichtiger voran: Die installierte Solarleistung beträgt derzeit 33 Gigawatt. Das ist ein Viertel der deutschen Leistung. Diese 33 Gigawatt erzeugen jedoch an sonnigen Tagen bereits so viel Solarstrom, dass Frankreich wie Deutschland überlegen muss, wie es möglichst viel verwenden kann.

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Leonhard Gandhi arbeitet am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Der Diplom-Ingenieur leitet die Plattform Energy-Charts. Die Plattform stellt zahlreiche Daten zur Stromproduktion, zum Stromverbrauch oder auch zu Börsenstrompreisen als interaktive Grafiken zur Verfügung. (Foto: Fraunhofer ISE)

Die Lösung lautet, viele Batteriespeicher zu bauen, um den günstigen Sonnenstrom für den späteren Verbrauch zu speichern. Außerdem ist Flexibilität wichtig: In einem intelligenten Stromsystem können Industrie und Privathaushalte besonders viel Strom dann verbrauchen, wenn er gerade im Überschuss vorhanden und somit günstig ist. Das wird in beiden Ländern umgesetzt, dauert aber einige Jahre.

Anders als in Deutschland laufen in Frankreich aber auch an sonnigen Tagen die Atomkraftwerke. Immer häufiger jedoch gedrosselt. Sie laufen mit 80 oder 60 Prozent ihrer Leistung, um den günstigen Solarstrom nicht zu vernichten.

Der französische Kraftwerkspark

Frankreich verfügt über 18 Kernkraftwerke, die vom staatlichen Stromkonzern EDF betrieben werden. Die 57 Reaktoren verteilen sich auf drei große Baulinien:

  • 32 mit einer Leistung von 900 Megawatt
  • 20 mit einer Leistung von 1300 Megawatt
  • 5 mit einer Leistung von 1450 Megawatt

Aber dafür sind sie nicht gebaut. Wird die Leistung zu schnell gedrosselt, steigt die Xenon-Konzentration im Kernreaktor. Das Edelgas verhindert vorübergehend das Hochfahren der Leistung. "Das zerfällt im Verlauf von 20 bis 30 Stunden", sagt Leonhard Gandhi. "Deswegen kann ein Kernkraftwerk nach einer Schnellabschaltung erst nach ein oder zwei Tagen wieder hochgefahren werden. Ähnlich ist es, wenn ein Kernkraftwerk im extremen Teillastbereich gefahren wird. Das spielte eine entscheidende Rolle bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Deswegen drosselt man die Leistung maximal auf 60 oder 50 Prozent."

Zunehmende Materialermüdung

Neben der Xenonvergiftung drohen durch das Drosseln im Reaktor außerdem thermische Probleme. Komponenten erwärmen sich unterschiedlich schnell und kühlen sich unterschiedlich schnell ab. Das belastet Rohre und Schweißnähte. Die Materialermüdung nimmt zu. Die Reaktoren altern schneller.

Kernkraftwerk-Cruas-an-der-Rhone-bei-Montelimar-Frankreich-EuropaAus Erneuerbaren und AKWsNetzbetreiber RTE: Frankreichs Stromproduktion übersteigt Bedarf

Im Kühlwasser sammelt sich beim Drosseln der Leistung zudem Wasserstoff. Der greift das Metall der Kühlleitungen an. Sie werden schneller spröde und bekommen Risse. Diese Probleme kann man technisch lösen. Das kostet aber viel Geld und macht den Betrieb der Atomkraftwerke unwirtschaftlicher, also teurer.

Wochenlange Stilllegungen

Eine Lösung zu finden, ist für Frankreich auch deshalb kompliziert, weil die Atomflotte für den Stromverbrauch an einem kalten Wintertag ausgelegt ist. Viele französische Haushalte heizen anders als deutsche mit Elektroheizungen. Im Winter verbrauchen sie deutlich mehr Strom als im Sommer. Teilweise fast doppelt so viel. In warmen Monaten hat Frankreich also massive Überkapazitäten bei der Stromerzeugung.

Im vergangenen Januar etwa war es eisig kalt. Der französische Stromverbrauch stieg auf 90 Gigawatt. Die französische Atomflotte lief auf vollen Touren und deckte knapp zwei Drittel (55 GW) des Bedarfs ab.

Inzwischen haben alle Haushalte ihre Elektroheizungen ausgestellt. Im Mai lag der französische Stromverbrauch nur noch zwischen 30 und 52 Gigawatt. Bei Sonnenschein gab es für die Atomkraftwerke somit wenig zu tun. Teilweise haben sie nur halb so viel Strom (27 GW) erzeugt wie im Winter.

"Das wird betrieblich dadurch gelöst, indem man die Revision in die Sommermonate legt", sagt Gandhi. "Ein typisches Kernkraftwerk wird ungefähr einen Monat im Jahr abgeschaltet und inspiziert. Das macht man, wenn die Stromnachfrage geringer ist, aber das lässt sich nicht beliebig verschieben. Je mehr Solarstrom erzeugt wird, umso mehr Kraftwerke müssen darüber hinaus stillgelegt werden. Das haben die letzten Jahre gezeigt: Im vergangenen Sommer wurden einige Kernkraftwerke Tage und Wochen abgeschaltet."

Mehr Wind, Solar und Atomkraft

Ein weiteres Problem ist, dass auch der französische Stromverbrauch in den kommenden Jahren steigen wird. Elektromobilität, Rechenzentren, die mögliche Wasserstoffproduktion oder elektrifizierte Industrieprozesse benötigen Energie. Den zusätzlichen Bedarf kann man am schnellsten mit erneuerbaren Energien decken. Solar- und Batterieprojekte sind laut der Internationalen Energieagentur (IEA) in der Regel in weniger als zwei Jahren umgesetzt. Windprojekte benötigen zwei bis zweieinhalb Jahre; neue Atomkraftwerke mehr als zehn Jahre.

Der zentrale Energieplan der französischen Regierung sieht deshalb vor, dass Windkraft an Land und Windkraft auf See massiv ausgebaut werden sollen. Selbiges gilt für die Solarleistung. Die soll bis 2035 verdreifacht werden.

imago257521626Produktion um Hälfte gedrosseltQuallen stören Betrieb von französischem Atomkraftwerk

Gleichzeitig soll die Atomkraft jedoch die zentrale Säule des französischen Stromsystems bleiben. Die Verfügbarkeit der Flotte soll steigen. Die Regierung von Präsident Emmanuel Macron plant zudem sechs bis acht neue Atomkraftwerke. Diese müssten anschließend jedoch abbezahlt werden und allein deshalb immer laufen. Wie soll das in warmen Monaten funktionieren?

Im zentralen Energieplan heißt es dazu, dass die Atomkraftwerke häufiger der Last folgen müssen, also dem Stromverbrauch. Sie sollen noch häufiger gedrosselt werden, obwohl es ihnen schadet.

Das Wirtschaftsmodell steht infrage

Darauf weist auch der Betreiber hin. Der französische Atomkonzern EDF warnt vor kürzeren Wartungsintervallen, zusätzlichen Inspektionen, um Schäden zu entdecken, und einem steigenden Bedarf an Ersatzteilen.

"Die Erneuerbaren stellen eine Belastung für den Betrieb unserer Anlagen dar", schreibt der Generalinspekteur für nukleare Sicherheit von EDF in seinem Jahresbericht 2025. "Früher mussten im Tagesverlauf etwa ein Dutzend Reaktoren ihre Leistung anpassen. Inzwischen ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass die Hälfte des Kraftwerkparks betroffen ist. Im Winter, wenn der Strombedarf im Netz besonders hoch ist, kann die Windenergie innerhalb weniger Stunden um mehr als 20 Gigawatt schwanken. Bei Sonnenschein zur Mittagszeit tritt die Kernenergie ebenfalls in den Hintergrund, nur um bei Einbruch der Dunkelheit den Spitzenbedarf zu decken. Diese Lastschwankungen stellen eine Belastung für den Betrieb unserer Anlagen dar. Der Anstieg der Ausfälle ist nicht offensichtlich. Auf Dauer werden die Auswirkungen jedoch spürbar sein. Langfristig stellen sie das Wirtschaftsmodell infrage.

Welches Opfer wählt Paris?

Es liegt auf der Hand: Selbst, wenn die Drosselungen das Material der Reaktoren nicht zusätzlich belasten würden, schaden sie in jedem Fall der Kasse von EDF. Denn die Kosten für den Betrieb der Atomkraftwerke sinken nicht, nur weil ein Reaktor weniger Strom erzeugt. Das Personal ist vor Ort und überwacht ihn. EDF bezahlt schlimmstenfalls also den vollen Preis für halb so viel Strom – wenn überhaupt.

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Deshalb warnt der Atomkonzern offen davor, dass ausschließlich die Kernkraft auf die Erzeugung der Erneuerbaren reagieren muss. Er wünscht sich, dass Windräder und Solaranlagen zumindest teilweise auch Rücksicht auf die Atomkraftwerke nehmen. An besonders windigen oder sonnigen Tagen würde Frankreich dann aber ausgerechnet auf die günstigste Art von Strom verzichten, nämlich den erneuerbaren.

Energieexperten dagegen sehen nur einen Ausweg: Frankreich muss sich entscheiden. Die Regierung muss entweder die Atomkraftwerke opfern oder die Erneuerbaren. Denn im großen Maßstab sind Kernkraft und erneuerbare Energien unvereinbar – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil Physik und Ökonomie nicht mitspielen.

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